Lennard Kämnas Tour de France

Wieder Lust statt Frust

Lennard Kämna ist ein deutscher Geheimtipp bei der Tour de France. Erik Weispfennig, Sportlicher Leiter der Bremer Sixdays, analysiert die Leistung des Bremers bei der Tour de France.
07.09.2020, 19:26
Lesedauer: 4 Min
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Wieder Lust statt Frust
Von Jörg Niemeyer
Wieder Lust statt Frust

Es geht schon wieder besser: Der Bremer Lennard Kämna (links) fuhr am Sonntag auf der neunten Etappe zeitweise ganz vorne im Feld mit.

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Nach 1535 Kilometern im Sattel hatte Lennard Kämna das ersehnte Zwischenziel erreicht: den ersten Ruhetag der Tour de France. „Ich hab mich riesig darauf gefreut“, sagte der Radprofi aus Bremen am Montag dem WESER-KURIER, „endlich kann ich die Seele ein bisschen baumeln lassen.“ Zwei Tage vor seinem Geburtstag war dem Noch-23-Jährigen eher nach Fernsehgucken zumute als nach Strandbesuch, obwohl das Wetter in Aytré unweit von La Rochelle prächtig war. Und die Laune des jungen Profis, das wurde am Telefon deutlich, war mindestens gut.

Nach neun anstrengenden Etappen erholte sich Lennard Kämna im Kyriad-Hotel von den bisherigen Strapazen. Corona-Test, Frühstück, eine Stunde Radfahren, Mittagessen, einige Medientermine, Massagen: Der freie Montag war ein Tag der Entspannung. Und er markierte so etwas wie einen Bruch in der Tour – zumindest für das Team Bora-Hansgrohe, für das Kämna fährt. Denn seit Sonntag, als der Rückstand des Bora-Kapitäns Emanuel Buchmann auf Spitzenreiter Primoz Roglic auf 5:45 Minuten anwuchs, steht fest: Das deutsche Team aus dem oberbayrerischen Raubling hat keinen Kandidaten mehr, der die Tour am 20. September in Paris unter den besten Drei des Gesamtklassements beenden wird.

Der ehemalige Radprofi Erik Weispfennig, der als Experte des WESER-KURIER die Tour und insbesondere die Leistungen von Lennard Kämna beobachtet, ist gespannt, was Bora aus der neuen Situation macht. „Ich bin mir sicher, dass wir noch einiges vom Team und auch von Lennard sehen werden“, sagte der 51-Jährige, „das hat Bora auf der siebten Etappe am Freitag schon gezeigt.“

Besagte siebte Etappe war für Lennard Kämna das persönliche Highlight einer für Bora ansonsten bisher eher unglücklichen Frankreich-Rundfahrt. „Die Etappe war geil“, sagte Kämna, „wir haben das ganze Feld von vorne bis hinten schön auseinander genommen.“ Geschlossen hatte sein Team von Anfang an Tempo gemacht und seinem besten Sprinter Peter Sagan zum Grünen Trikot in der Sprintwertung verholfen. Seit Sonntag steht fest, dass es die einzige Sonderwertung sein wird, die Bora-Hansgrohe sich holen könnte. „Wir wollen das Grüne Trikot verteidigen“, sagte Kämna, „und wir werden versuchen, auf Tageserfolge zu gehen.“

Erik Weispfennig hält beides für möglich, nachdem sich das Team am Freitag so stark präsentierte. „So etwas schweißt zusammen.“ Auch Lennard Kämna sieht für die anstehenden zwölf Etappen Chancen für sein Team – und auch für sich selbst. Er ist realistisch und auch vorsichtig genug, einen Etappensieg nicht als Ziel auszugeben. Aber seit Sonntag weiß er, dass er nach seinen drei Stürzen auf den ersten beiden Etappen wieder auf einem guten Weg ist. „Wir haben es an meinen Daten gesehen. Es war eine meiner besten Leistungen in den vergangenen Wochen, darüber bin ich sehr glücklich.“

Am Sonntag war Kämna zeitweise sogar ganz vorne an der Spitze gefahren. „Ich habe mich deutlich besser gefühlt als vier, fünf Tage vorher“, sagte er. Noch am Donnerstag hatte der 23-Jährige mit sich gehadert, war überhaupt nicht zufrieden, weil er die ganze Zeit „am Anschlag“ unterwegs war. „Aber jetzt bin ich für die zweite und dritte Woche ganz optimistisch.“ Nichts mehr zu erkennen von dem Frust der ersten Tage, ausgelöst von den schmerzhaften Prellungen und Wunden nach seinen Stürzen. „Stürze lösen enormen mentalen Stress aus“, weiß Erik Weispfennig auch aus eigener Erfahrung, „da gehst du bestens vorbereitet in die Tour und fällst gleich zu Beginn dreimal auf die Nase.“

Nachdem Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann und Gregor Mühlbauer schon mit Sturzverletzungen in die Rundfahrt gegangen waren, hatte es mit Lennard Kämna also den vierten Bora-Hansgrohe-Fahrer erwischt. Für den Bremer waren das ganz neue Erfahrungen. „Das kannte ich nicht, dass man nach einem Sturz so starke Leistungseinbußen hat.“ Plötzlich sei er auf einem ganz anderen Level als zuvor gefahren. „Interessant, wie sich das im eigenen Körper anfühlt.“ So wie er das sagte, war Kämna wieder ganz Kämna: Die eigentlich grässlichen Stürze und deren Folgen stufte er für sich als wertvolle neue Erfahrung ein. Nun hat er ein Gefühl dafür, wie es seinen verletzten Teamkameraden gehen musste. Und der 23-Jährige weiß, wie es ist, wenn er auf einmal nicht mehr sein Potenzial abrufen kann, weil der Rücken schmerzt und die Muskulatur verkrampft. So etwas löst zwangsläufig Frust aus. „Obwohl meine Form bis eben noch gut war, kann ich auf einmal nicht mehr so befreit fahren wie ich es gern täte.“ Dass er darüber der Mannschaft dann auch nicht mehr so wie erhofft und geplant helfen konnte, vergrößerte seine Unzufriedenheit noch.

Am Montag, mit hochgelegten Beinen im Hotel, herrschte bei Lennard Kämna nur noch Zuversicht statt Frust. Sein Körper funktioniert wieder besser, und sein Blick geht sowieso stets nach vorne und nicht zurück. Er sei nach neun Etappen nicht gerade glücklich über den Verlauf, aber auch nicht unzufrieden. Er könne eben nichts mehr ändern. Und hat spürbar Lust auf die Fortsetzung an diesem Dienstag. „Die Ziele unseres Teams verschieben sich jetzt. Mal sehen, wie es läuft.“

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Corona-Tests für alle am ersten Tour-Ruhetag

Am ersten Ruhetag während der diesjährigen Tour de France standen am Montag auch Corona-Tests für alle an der Rundfahrt wie auch immer beteiligte Personen an. Es sollen insgesamt etwa 650 Tests gewesen sein, deren Ergebnis für die Radsportteams weitreichende Konsequenzen haben könnten: Wenn es mindestens zwei positive Fälle in einer Mannschaft geben sollte, egal ob bei den Fahrern, den Köchen oder den Physiotherapeuten, ist die Tour für dieses Team beendet. Die Corona-Pandemie beschäftigt natürlich auch Lennard Kämna. „Die gesamte Atmosphäre ist anders“, sagt er, „es ist nicht das gleiche Feeling wie im Vorjahr.“ 2019 hatte der Bremer seine Tour-Premiere gefeiert, war überraschend 40. geworden und einmal Etappenvierter, einmal -sechster. „Auf den ersten Etappen hat es sich gar nicht nach Tour de France angefühlt“, sagt der 23-Jährige, „sondern eher nach einem normalen Rennen, weil nicht so viele Menschen an der Strecke standen wie sonst.“ Erst in den Pyrenäen sei das Tour-Feeling aufgekommen. Da säumten mehr Zuschauer die Straßen. Und manches Mal zeigten Fernsehbilder auch, dass einige Fans ihren Zweirad-Helden ein bisschen zu nahe kamen.

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