Lennard Kämnas Tour de France

Die Folgen einer verpassten Chance

Lennard Kämna gehen immer wieder die letzten Meter der denkwürdigen 13. Etappe durch den Kopf. Erik Weispfennig, Tour-Experte des WESER-KURIER, erklärt, warum das so ist und noch eine Weile so bleiben wird.
14.09.2020, 20:09
Lesedauer: 4 Min
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Die Folgen einer verpassten Chance
Von Jörg Niemeyer

Da sitzt Lennard Kämna am zweiten Ruhetag der Tour de France in Grenoble im Mercure-Hotel in seinem Zimmer – und muss die 13. Etappe in seinem Kopf noch einmal nachfahren, zum x-ten Mal. Der 191,5 Kilometer lange Streckenabschnitt hinauf auf den Puy Mary im französischen Zentralmassiv hätte zur Triumphfahrt des Bremer Radprofis werden können. Der 11. September 2020 hatte das Potenzial eines historischen Tages für den 24-Jährigen. „Du bleibst ein Leben lang Tour-Etappensieger“, sagt Erik Weispfennig, der Tour-Experte des WESER-KURIER. Ein Tagessieg beim bedeutendsten Rundstrecken-Rennen der Welt sei mit das Größte, was man im Radsport erreichen könne. Und deshalb versteht Erik Weispfennig nur zu gut, dass die letzten Meter dieser 13. Etappe Lennard Kämna immer noch und immer wieder beschäftigen.

Der Bremer fuhr am vergangenen Freitag auf den zweiten Platz. Er begeisterte die deutschen Radsportfans vor den Bildschirmen mit einer tollen Vorstellung, der am Ende aber die Krönung fehlen sollte, weil der Kolumbianer Daniel Felipe Martinez noch ein bisschen stärker war als Kämna. Der Bremer sucht am Telefon auch drei Tage nach dem dramatischen Finale das passende Wort für sein Gefühl unmittelbar nach der Zieldurchfahrt. „Ärger ist es nicht“, sagt er, „Ärger ist eher Wut.“ Und wütend sei er nicht gewesen. Wirkliche Enttäuschung, dieses Wort sei zu hart, habe er auch nicht gespürt, eher „so ein Mix aus Traurigkeit und Enttäuschung“. Auf jeden Fall habe er eine Weile gebraucht, bis er sich über seinen zweiten Platz freuen konnte.

„Das verstehe ich voll“, sagt Erik Weispfennig, „denn Lennard weiß ja nicht, ob er so eine Chance jemals wieder bekommt.“ Vielleicht, so spitzt es der 51-Jährige zu, sei es sogar die Chance seines Lebens gewesen. „Man bekommt jedenfalls nicht so häufig die Chance, ein Rennen dieser Größe zu gewinnen“, sagt Kämna. Weil er sich dessen bewusst ist, hat es wohl auch gedauert, bis er die Etappe so richtig loslassen konnte. „Es hätte mir auch gefallen, zu gewinnen“, sagt er und lacht.

Die Laune des 24-Jährigen ist auf jeden Fall gut. Mit ein paar Tagen Abstand weiß er, dass er eine gute Woche hinter sich hat. Am ersten Ruhetag der Tour, am Montag zuvor, hatten ihm noch die Folgen von drei Stürzen an den ersten beiden Tagen im Körper gesteckt. Jetzt fühle er sich auf dem Level, auf dem er vor dem Tourstart gewesen sei. „Wenn ich jetzt noch einen schlechten Tag haben sollte, habe ich halt einen schlechten Tag“, sagt er. Das hätte nichts mit den Stürzen zu tun, sondern „vielleicht damit, dass wir in der dritten Woche sind und schon so viel gearbeitet haben.“

Es ist interessant zu hören, wie ein Radprofi so tickt. Dass selbst ein herausragender zweiter Platz sich im ersten Moment wie eine Niederlage anfühlt. Dass sich die ganze Quälerei und die heftigen Schmerzen in den Beinen während des letzten Anstiegs nicht gelohnt zu haben scheinen. Kurios der vermeintliche Widerspruch: Lennard Kämna bekommt von allen Seiten bescheinigt, ein super Rennen gefahren zu sein, aber er selbst fühlt sich zunächst wie ein Verlierer. „Der Zweite ist nun mal der erste Verlierer“, sagt Weispfennig. Klingt banal, doch der Sport ist manchmal sehr brutal. Hop oder top, ganz oder gar nicht. Deshalb interessiert es Lennard Kämna auch nicht, ob er seinen 40. Platz im Gesamtklassement aus dem Vorjahr bis Sonntag noch toppen kann. „Ganz ehrlich“, sagt er, „ein elfter, zwölfter oder 13. Platz ist ja aller Ehren wert, aber da kräht kein Hahn mehr nach.“ Kräfte sparen oder nach vorne raus fahren: Das sei seine Losung. Das Gesamtklassement interessiere vielleicht die Medienvertreter, aber nicht ihn. Lennard Kämna bringt es auf den Punkt: „Entweder Top Ten – oder scheißegal.“

Am Abend nach der 13. Etappe, als das Team Bora-Hansgrohe und die Betreuer zur Unterkunft fuhren, sei die Stimmung im Bus aber gut gewesen. Vermutlich wegen und nicht trotz des zweiten Platzes von Kämna. „Alle waren gut drauf und haben sich gefreut“, sagt er, „auch wenn sich alle natürlich den Tagessieg gewünscht hatten.“ Der kann sich immer noch einstellen, es ist noch Zeit. Sechs Etappen stehen ab diesem Dienstag bis Sonntag noch an. „Wir werden weiter alles versuchen“, verspricht der Bremer, „die Tour ist schließlich nur einmal im Jahr.“ Er habe noch genügend Kraft, er wolle auch weiter angreifen und seine Chance suchen. „Aber für einen Etappensieg muss am Ende auch alles gut laufen.“

Trotz aller Strapazen nimmt der Bremer natürlich wahr, dass seine Leistungen in der Heimat gewürdigt werden. Vor allem über die Sozialen Medien bekomme er viele Rückmeldungen. „Das ist etwas, was mich sehr berührt und mich auch mit Stolz erfüllt“, sagt er. So haben ihn die Reaktionen aus Deutschland nach seinem zweiten Platz auch am meisten darüber hinweggetröstet, dass es zum Sieg nicht ganz gereicht hatte. „Zu erfahren, dass ich vielen Fans vor den Fernsehern eine geile Show geboten habe, freut mich richtig.“

Ob der bisherige Verlauf der Tour und die Leistung des jungen Bremers positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Radsports in Deutschland haben, vermag Erik Weispfennig nicht einzuschätzen. Er bescheinigt Lennard Kämna aber, auf einem hohen Niveau zu fahren. Er traut ihm zu, auch in dieser Woche wieder auf sich aufmerksam zu machen. Und zu einer persönlichen Einschätzung lässt Weispfennig sich auch ermutigen: Grundsätzlich sei der Auftritt Lennard Kämnas positiv zu bewerten. „Er ist jung, eloquent, seriös – er ist ein Vorbild für junge Menschen.“

Einen richtigen Hype gäbe es in Deutschland aber wohl nur, wenn ein Deutscher um das Gelbe Trikot mitfahre. Das habe sich im Vorjahr, als Emanuel Buchmann lange Zeit vorne mitfuhr, gezeigt. So weit ist Lennard Kämna noch nicht. Er bleibt, auch wenn sich die Medienanfragen zuletzt gehäuft haben, auf dem Boden: „Ich gehöre nach wie vor nicht zu den Topstars der Szene.“

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Zur Sache

Eine Etappe für Lennard Kämna

Sechs Chancen hat das Team Bora-Hansgrohe noch, um einen Etappensieg einzufahren. An diesem Dienstag steht die 16. Etappe von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans (164 km) an – eine Etappe mit mehreren unterschiedlich langen Anstiegen, die auch Lennard Kämna liegen könnte. Nachdem die vorderen Plätze für die Fahrer des Teams Bora-Hansgrohe längst nicht mehr zu erreichen sind, hat es nur noch zwei Ziele: einen Tagessieg und das Grüne Trikot für den besten Sprinter. Allerdings hat der Slowake Peter Sagan als Zweiter der Sprintwertung bereits 45 Punkte Rückstand auf den führenden Iren Sam Bennett, sodass die Chancen für Bora-Hansgrohe eher gering sind. In der Gesamtwertung der Tour führt der Slowene Primoz Roglic mit 40 Sekunden Vorsprung vor seinem Landsmann Tadej Pogacar.

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