Lob von Hans-Peter Jakst und John Kämna

„Wenn Lennard da sein muss, ist er da“

Der eine, Hans-Peter Jakst, kennt die Tour de France aus eigener Erfahrung. Der andere, John Kämna, kennt seinen Bruder Lennard aus dem Effeff. Beide trauen dem jungen Radprofi eine große Karriere zu.
16.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Wenn Lennard da sein muss, ist er da“
Von Jörg Niemeyer

Wahnsinn, wie schnell das geht! Am Montag hatte Lennard Kämna dem WESER-KURIER gesagt, wie sehr ihn der verlorene Schlusssprint am Ende der 13. Touretappe noch beschäftigt. Der 11. September 2020 hätte für den Bremer der sportlich erfolgreichste Tag seiner jungen Karriere werden können – nun wurde es der 15. September 2020. Die Flasche Wein, die Lennards Bruder John bei einem Erfolg schon am Freitag gern geköpft hätte, blieb nur weitere vier Tage verschlossen. „Heute Abend wird es noch ein Gläschen geben“, sagte John dem WESER-KURIER. Der 27-Jährige arbeitet gerade auf der Insel Helgoland, die Erfolgsnachricht erreichte ihn kurz vor Feierabend. „Das macht mich glücklich“, sagte er. Per Whatsapp hatte er seinem jüngeren Bruder bereits Glückwünsche nach Frankreich geschickt.

Fernsehfieber im Hause Jakst

Auch Hans-Peter Jakst musste arbeiten, während Lennard Kämna seine Triumphfahrt vollendete. Der ehemalige Radprofi, der 1980 selbst an der Tour de France teilgenommen hatte, verfolgt das aktuelle Tourgeschehen, „soweit es mein Geschäft zulässt“. Am Dienstag hatte Jakst gut zu tun, aber wenigstens die letzten drei Kilometer Lennard Kämnas wollte sich der 66-Jährige nicht entgehen lassen. „Ich habe mich von einem Kunden weggestohlen“, sagte er verschmitzt. Und es sollte sich ja auch lohnen! Was Jakst sah, reichte ihm für den Moment. „Die Wiederholungen schaue ich mir dann heute Abend in Ruhe an.“

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Der Bremer Hans-Peter Jakst beendete die Tour 1980 auf Platz 62. Husarenritte wie jetzt von Lennard Kämna vollbrachte er dabei nicht. Beim Giro d'Italia hatte er zwar das Gefühl kennengelernt, als Ausreißer einem Etappensieg nahe zu sein, aber schließlich wurde er dann doch gestellt. Und trotzdem kann jemand wie Jakst die Leistung des Bremers Kämna gut beurteilen. Was es heißt, wochenlang beinahe täglich seinem Körper alles abzuverlangen und sich über die Bergpässe zu quälen. Jakst imponiert, mit welchem Instinkt Kämna bereits ausgestattet ist. „Wenn er da sein muss, ist er da“, sagte Jakst, „unglaublich, welchen Riecher Lennard schon hat.“

Lennard Kämna hatte auch am Montag noch einmal betont: „Für einen Etappensieg bei der Tour muss aber alles richtig laufen.“ Die Tagesform allein reiche dafür nicht. Man müsse es auch in die richtige Gruppe schaffen. In eine Gruppe also, die das Potenzial hat und auch die Lust verspürt, nach vorne zu gehen. Eine Gruppe, die sich die Führungsarbeit teilt, um sich abzusetzen. Und dann müsse man natürlich den richtigen Zeitpunkt treffen, um entscheidend zu attackieren.

Am Freitag, als er Zweiter wurde, hatte Kämna den richtigen Zeitpunkt noch nicht erwischt. Am Dienstag machte er es besser. „Das Etappenprofil war auf ihn zugeschnitten“, sagte John Kämna. Auch er kann das beurteilen. Er fährt ebenfalls Radrennen, nur nicht auf so hohem Niveau. Es hatte am Dienstag aber auch den Anschein, als habe Lennard Kämna seit Freitag einen weiteren Entwicklungsschritt gemacht; als habe er aus seinem Fehler auf der 13. Etappe gelernt. Den richtigen Riecher, wie Jakst sagt, hatte der 24-Jährige auf der 16. Etappe von Anfang an bewiesen. Frei nach Jakst lässt sich sagen: Wo Lennard Kämna sein muss, ist er auch. Am Dienstag hat er auf den 164 Kilometern alles richtig gemacht. Es war der perfekte Tag.

Kämna schon bald ein Teamkapitän?

Und was kommt jetzt noch? So angriffslustig, wie sich Lennard Kämna am Montag dem WESER-KURIER präsentierte, dürfte er auch nach dem Triumph noch nicht fertig sein mit der Tour. „Tour ist nur einmal im Jahr“, sagte er am zweiten Tour-Ruhetag. Ausruhen ist ab Montag, könnte das bedeuten. Und bis Sonntag, bis zum Finale in Paris, könnte er noch mal wieder richtig Gas geben.

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Und was bedeutet der Etappensieg perspektivisch? „Na ja“, sagte Hans-Peter Jakst, „Lennard ist in diesem Jahr erst mal der einzige Etappensieger aus seinem Rennstall. Vielleicht sehen wir ihn schon bald als dessen Kapitän.“ Vielleicht sei er noch kein Klassementfahrer wie sein Teamgefährte Emanuel Buchmann. Aber vielleicht liege Kämna in der Gesamtwertung auch nur deshalb mit gut anderthalb Stunden hinter dem Führenden zurück, weil er an den ersten Tagen der Tour so viel für das Team gearbeitet hatte. Nicht zu vergessen dabei, dass der Bremer auch noch drei Stürze an den ersten beiden Tagen zu verkraften hatte. „Wenn Lennard das aktuelle Leistungsniveau halten kann“, sagte John Kämna, „wird er es noch weit bringen.“

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