Auch beim Grollander Turnier leiden die Mannschaften unter Wechselalternativen Mädchenfußball fehlt der Nachwuchs

Grolland. Ob durch strömenden Regen, Kälte oder Niederlagen – Mädchen lassen sich auf dem Fußballfeld nicht unterkriegen. Doch die Hürden, diesen Sport anzufangen, sind für sie noch immer höher als für Jungs.
04.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alice Echtermann

Ob durch strömenden Regen, Kälte oder Niederlagen – Mädchen lassen sich auf dem Fußballfeld nicht unterkriegen. Doch die Hürden, diesen Sport anzufangen, sind für sie noch immer höher als für Jungs. Bremer Vereine haben Schwierigkeiten, genügend Spielerinnen für reine Mädchenmannschaften zu finden und fordern ein generelles Umdenken.

„Jungs sind immer so eigen“, sagt Katharina Jacob. „Sie wollen alleine spielen und passen den Ball nicht zu Mädchen.“ Die 14-Jährige ist Torhüterin beim TSV Grolland, und spielt Fußball seit sie denken kann. Mit acht Jahren trainierte sie eine Zeit lang mit einer reinen Jungenmannschaft beim TS Woltmershausen. Das war aber einfach nicht das richtige für sie.

Ihr Trainer Markus Stümpert kennt das Problem. „Jungs sagen: Mädchen können keinen Fußball spielen. Die Mädchen kommen nicht wirklich ins Team rein und verlieren dadurch natürlich schnell wieder die Lust.“ Stümpert hält aus diesem Grund reine Mädchenmannschaften für sehr wichtig, doch dafür fehlen meist die Spielerinnen.

Der Nachwuchsmangel ist ein generelles Problem im Mädchenfußball. Beim Pfingstturnier des TSV Grolland kamen am vergangenen Wochenende zehn Vereine aus Bremen und dem Umland zusammen. Alle Trainer erzählen dieselbe Geschichte: Die älter werdenden Spielerinnen müssen in die höhere Altersklasse aufsteigen. Wenn dann nicht genügend junge Mädchen nachrücken, um sie zu ersetzen, müssen sich die Mannschaften oft auflösen.

Der Kreislauf ist aktuell bei allen Vereinen gestört. Manche, wie der SC Borgfeld, versuchen, Mädchen mit Aktionen wie einem „Tag des Mädchenfußballs“ für den Sport zu begeistern. Bei anderen Vereinen wie dem TV Arbergen wird es gerade richtig eng. Trainer Jose Schallenberger konnte beim Turnier in Grolland mit nur sieben Spielerinnen antreten – gerade genug, um ein Team zu füllen.

Während des Spiels jemanden auszuwechseln war nicht mehr möglich. Sobald jemand verletzt oder krank ist, steht Schallenberger vor einem Problem. „Am Donnerstag saßen wir zusammen und haben überlegt, ob wir aufhören“, berichtet er. „Die Mädchen sind toll drauf und möchten weiter spielen. Aber auch als Trainer macht es natürlich keinen Spaß, wenn es immer zu wenig Spielerinnen gibt.“

Mädchen spielen nicht etwa deshalb weniger Fußball, weil sie darin weniger gut wären als Jungs. Jungs sind zwar tatsächlich schneller, ausdauernder und bessere „Trickser“, wie Torhüterin Katharina Jacob es nennt. Wer Mädchenfußball deshalb für langweilig hält, irrt jedoch gewaltig. „Mädchen sind – ich drücke das mal so aus – richtige Kampfschweine“, sagt Peter Jacob, der Vater von Katharina. „Jungs resignieren schnell, wenn etwas nicht passt, aber Mädchen kämpfen um jeden Ball.“

Wenn man die Spielerinnen beobachtet, wie sie in ihren Trikots herumalbern und mit ihren Handykameras Selfies auf der Bank machen, kann man sich kaum vorstellen, dass sie im Zweikampf härter sein könnten als die Jungs.

Doch genauso ist es. Das bestätigt auch Trainer Markus Stümpert. Er übernahm das Team beim TSV Grolland vor anderthalb Jahren, eigentlich nur in Vertretung. Inzwischen sind er und „seine Mädels“ fest zusammengewachsen und er weiß, dass Kampfgeist ihre größte Stärke ist.

Und noch eine Eigenschaft zeichnet die Mädchen im Fußball aus: Ein starker Zusammenhalt. Auf dem Platz spielen sie miteinander, anstatt im Alleingang. „Mädchen spielen einfach mit viel mehr Herz“, so Stümpert.

Fußball ist bei Mädchen noch immer weniger beliebt, als bei Jungs. Das liegt auch daran, dass Frauenfußball allgemein nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt. Bis vor zwei Jahren profitierten die Vereine noch von den Nachwirkungen der Frauen-Weltmeisterschaft. Seitdem ist die Euphorie und der Neuzulauf jedoch wieder völlig abgeflaut.

Der Jungenfußball kennt solche Probleme schlichtweg nicht. „Fußball ist immer noch eine Männerdomäne“, sagt Stümpert. „Frauenfußball ist nicht so hoch angesehen – warum auch immer, denn die Frauennationalmannschaft hat mindestens genauso viele Erfolge.“ Diese Einstellung ziehe sich aber runter bis zu den Eltern: „Der Vater sagt zu seinem Jungen: Du spielst Fußball. Die Mädchen gehen reiten. Das ist der Klassiker, aber es ist wirklich so. Hier muss ein Umdenken kommen.“

Katharina Jacob wurde schon früh von ihrem Vater zum Fußball gebracht und möchte auch in Zukunft dabei bleiben. Sie träumt von einer Karriere als professionelle Fußballerin.

Mit ihren Freunden redet Katharina Jacob oft über den „richtigen Männersport Fußball“, für den sie sich aber mindestens genauso interessiert, wie die Jungs in ihrem Alter. Sie findet es jedoch auch ungerecht, dass im Fernsehen meist nur Männerfußball gezeigt wird. „Das sollte sich ändern“, sagt sie. „Ich finde, Mädchen haben auch viel drauf!“

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