Fußball

Einmal im Leben

Der FC Oberneuland freut sich aufs Pokalspiel beim Champions-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach – und hat davor ganz bewusst viel zu viel trainiert.
11.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Einmal im Leben
Von Olaf Dorow
Einmal im Leben

Schwerpunkt Regionalliga, Höhepunkt DFB-Pokal in Mönchengladbach: Die FCO-Spieler, hier beim Saisonstart am vergangenen Sonntag gegen den TSV Havelse (0:2), wollen das Spiel im Borussia-Park genießen - und sind schon wenige Tage danach im Liga-Derby gegen Oldenburg gefordert.

Christina Kuhaupt

Underdog der vierten Liga gegen Schwergewicht der ersten Liga. Die David-gegen-Goliath-Konstellation prägt traditionell die erste Runde des DFB-Pokals, das ist auch beim Blick auf das Spiel des Regionalliga-Aufsteigers FC Oberneuland gegen den Bundesligisten und Champions-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach nicht anders. Durch den Tausch des Heimrechts und das Verbot von Auswärtsfans, bei in Nordrhein-Westfalen 300 zugelassenen Zuschauern, verschiebt sich die Ausgangslage vor dem Anpfiff am Sonnabend um 15.30 Uhr nicht eben zugunsten des Außenseiters. Seine Anziehungskraft in der Szene bezieht der Pokal aber nicht nur daraus, dass das ungleiche Duell immer noch bei 0:0 beginnt und es David nicht verboten ist, einen Torschuss in Richtung Goliath zu wagen. Es ist vor allem der Reiz des Besonderen, Seltenen, Einmaligen.

„Es herrscht eine große Vorfreude auf ein Erlebnis, das für die meisten so nicht wieder vorkommen wird“, sagt FCO-Trainer Kristian Arambasic. Seine Leute dürfen im riesigen Borussia-Park auflaufen, sie dürfen die Infrastruktur eines Champions-League-Teilnehmers in Anspruch nehmen, inklusive des H4-Hotels neben dem Stadion. Die Spieler hätten zuletzt extrem aufgepasst. Bloß nicht anstecken jetzt, bloß nicht in Quarantäne müssen und das Spiel verpassen. „Für viele Jungs ist es das Spiel ihres Lebens“, sagt Arambasic. Viermal sind die Jungs in den letzten zwei Wochen getestet worden, beim Training sei die Mannschaft jeweils komplett isoliert gewesen vom Rest des Vereins.

Trainiert worden sei sehr viel zuletzt, sagt der Trainer. Mehr sogar, als es für ein Spiel des Lebens eigentlich ratsam wäre. Weil auf der Wichtigkeitsliste für Sonnabend Erlebnis vor Ergebnis kommt, musste das sein. Das Gladbach-Spiel wird letztlich die letzte scharfe Einheit einer harten Woche. Der FCO will in der Regionalliga bestehen, es gilt in puncto Kraft und Ausdauer noch Einiges nachzuholen. Schon am Mittwoch folgt die nächste Herausforderung. Zweiter Spieltag Regionalliga, Gegner: VfB Oldenburg. Klingt nach Derby, ist sportlich sowieso bedeutungsvoll und dazu noch das Spiel gegen einen Ex-Verein des Trainers. Was die Belastung und Steuerung anbelangt, trainiert Arambasic mit seinen Leuten auf die Liga-Spiele hin. Nicht auf das außergewöhnliche Pokalspiel, für das der DFB immerhin eine Prämie von 175 500 ausschüttet.

Hat der FC Oberneuland deswegen das Heimrecht an den Bundesligisten abgetreten, damit er möglichst wenig davon für die Ausrichtung des Spiels aufwenden muss? „Nein“, sagt Vizepräsident Uwe Piehl. Die Kostensituation sei nicht der primäre Grund für den Tausch gewesen. Vielmehr der erhebliche logistische Mehraufwand, der bei gleichzeitiger beschränkter Zuschauerzahl zu betreiben gewesen wäre. Piehl, selbst als Anwalt tätig, verweist auf den ehrenamtlichen Charakter im Mikrokosmos FCO. Beruflich gefordert, wäre es einfach zu viel geworden, nebenher mal eben noch eine Drei-Komponenten-Last zu wuppen: Regionalliga planen plus DFB-Spiel organisieren plus Corona-Auflagen umsetzen.

Vorteil des abgegebenen Heimrechts: Jetzt setzt sich an diesem Freitagmorgen um 7 Uhr ein doppelstöckiger Bus in Bewegung und bringt die Mannschaft plus corona-getestete Betreuer und Präsidiumsmitglieder gleich 52 Personen nach Mönchengladbach. Es muss nix weiter organisiert werden, es kann die Infrastruktur eines Profiklubs genutzt werden. Hotel und Verpflegung zahlt der Profiklub, das wurde laut Uwe Piehl so ausverhandelt. Und als Bonus wurde vereinbart, dass die Borussia-Profis mal zu einem Freundschaftsspiel in die Marko-Mock-Arena nach Bremen kommen. Zu den 175 500 Euro vom DFB sagt der FCO-Vize, dass man zu Zahlen nicht sagen wolle. Aber immerhin dies: Der DFB schütte nicht alles auf einmal aus und behalte zunächst 20 Prozent der Prämie noch zurück. Und was die Netto-Einnahmen anbelangt, habe man sich durch den Heimrecht-Tausch „nicht verschlechtert“.

Die Austragung eines Pokalspiels würde die Amateurvereine zwischen 30 000 und 50 000 Euro kosten, sagte Stefan Cohrs, Abteilungsleiter von Eintracht Celle, der deutschen Presse-Agentur. Auch Oberligist Celle hat das Heimrecht getauscht, er reist jetzt lieber zum Bundesligisten FC Augsburg, was ihn laut Cohrs letztlich nur 6000 Euro kostet. Insgesamt elf unterklassige Teams haben in diesem Pandemie-Jahr auf ihr Heimrecht verzichtet.

Die sehr spezielle Pokalstimmung mit enthusiastischen Anfeuerungen für die Fußball-Davids gibt es nur als Light-Version. Etwas Spezielles für die Davids bleibt es. Spontan habe sich unter der Woche, so erzählt es Kristian Arambasic, die Mannschaft für eine Geste zugunsten ihres Mitspielers Artur Degtjarenko entschlossen. Der Mittelfeldspieler habe die frustrierende Diagnose erhalten: Knorpelschaden vierten Grades. Praktisch Karriereende. Für eine Viertelstunde solle er am Sonnabend eingewechselt werden, um in den Genuss Borussia-Park zu kommen. Aus dem Genuss wird wohl nichts, und das ist sogar ein Mini-Happy-End. Degtjarenko, sagt der Trainer, habe ihm gesagt, er wolle es trotz der Knieschmerzen noch mal versuchen in der Liga-Saison. Mal Regionalliga zu spielen, das sei einfach ein Traum von ihm. Arambasic will ihn am Sonnabend schonen für den Traum.

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FCO-Fanshop im Viertel eröffnet

Der FC Oberneuland ist seit Neuestem Regionalligist. Er vertritt quasi Bremen außerhalb Bremens - und will innerhalb Bremens noch mehr ran die Leute. Am Donnerstag wurde im Viertel ein FCO-Fanshop eröffnet, und zwar als so genannter Popup-Store, Vor dem Steintor 94 bis 96. In den kommenden sechs Wochen, jeweils donnerstags und freitags zwischen 14 und 19 Uhr sowie samstags von 12 bis 16 Uhr bieten engagierte Fans neben Fanartikeln, Trikots und Dauerkarten regional produzierte Produkte an. Zum Beispiel im Achterdiek gebrautes Bier oder im Schnoor hergestellte Bonbons, heißt es in einer Pressemitteilung.

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