Interview mit dem Bremer Kardiologen Rainer Hambrecht "Marathontraining ist wie ein Medikament"

Bremen. Wie beurteilen Mediziner körperlichen Höchstleistungen wie beim SWB-Marathon in Bremen? Im Interview spricht der Bremer Herzspezialist Rainer Hambrecht über die Vor- und Nachteile des Marathontrainings.
28.09.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Rekord für den 8. SWB-Marathon am 7. Oktober in Bremen: 1300 Läuferinnen und Läufer haben sich für die Marathondistanz von 42,195 Kilometern angemeldet – so viele wie nie zuvor. Den Halbmarathon wollen sogar 2800 Menschen mitlaufen.

Doch wie beurteilen Mediziner diese körperlichen Höchstleistungen? Und welche Strecke ist unter gesundheitlichen Gesichtspunkten eher zu empfehlen? Maike Schlaht sprach mit dem Bremer Herzspezialisten und passionierten Läufer Rainer Hambrecht über die Vor- und Nachteile des Marathontrainings.

Was spricht aus medizinischer Sicht für einen Marathonlauf?

Rainer Hambrecht: Das allerbeste an einem vollen Marathon ist die Vorbereitungszeit. Weil die meisten da vernünftige Trainingszeiten wählen. Der Marathon selbst ist für das Herz-Kreislauf-System sehr belastend. Beim Marathon entstehen Entzündungsprozesse, die die Gefäße akut belasten. Das verliert sich zwar nach ein, zwei Tagen wieder – aber direkt nach dem Lauf kann man ähnliche Werte wie bei einer Sepsis messen.

Welche Gefahren gibt es für die Gesundheit?

Training ist wie ein Medikament. Wenn ich es überdosiere, habe ich irgendwann auch die Nebenwirkungen. Der Marathonlauf hat ein Gefahrenpotenzial. Wenn man es mit dem Laufen übertreibt, kann es bei manchen Menschen zu Vorhofflimmern kommen. Das ist eine gutartige Herzrhythmusstörung, die auf Ebene der Vorhöfe entsteht.

Wie können Läufer einer zu starken Belastung vorbeugen?

Was wir empfehlen, ist ein moderates Training. Das heißt, immer so zu trainieren, dass man sich mit dem Laufpartner noch einigermaßen unterhalten kann. Also nicht zu schnell atmen. Denn schnelles Atmen bedeutet, dass man zu sauer geworden ist und diese Säure abatmen muss.

Für wen ist der Marathon grundsätzlich geeignet?

Für junge gesunde Menschen ist der Marathon gut. Bei allen ab 40, 50 Jahren sind die kürzeren Distanzen für das Herz-Kreislauf-System hilfreicher.

Gibt es darüber hinaus Menschen, denen Sie von einem Marathon ganz abraten würden?

Ja, Patienten mit einer bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankung sollten meines Erachtens keinen Marathon laufen. Die sollten sich mit zehn Kilometern begnügen. Das ist auch schon eine tolle Distanz und für das Herz-Kreislauf-System präventiv viel bedeutsamer als solch eine Selbstbefriedigung im Rahmen eines Marathons.

Welche Symptome sollten Läufer besonders ernst nehmen?

Wenn ein Marathonläufer spürt, dass der Puls auf einmal unregelmäßig wird, dann sollte er sich durchchecken lassen. Oder wenn er merkt, dass er schon nach 15 Kilometern Probleme bekommt – dann sollte er das auch abklären lassen. Eine frühzeitige Erschöpfung muss man ernst nehmen. Gerade weil durch das Training die Symp-tome erst sehr spät auftreten.

Was empfehlen Sie jemandem, der bereits Risikofaktoren wie zum Beispiel Bluthochdruck oder ein fortgeschrittenes Alter hat und trotzdem laufen will?

Ein 40-Jähriger mit Bluthochdruck sollte vorher ein Belastungs-EKG machen lassen. Und am besten auch noch eine Ultraschalluntersuchung vom Herzen, um sich den Herzmuskel anzuschauen und zu prüfen, ob die Klappen in Ordnung sind.

Vom Kettenraucher zum Marathonläufer – wie häufig ist die Wandlung vom Saulus zum Paulus?

Oft sind es Managertypen, die von einem Extrem ins Nächste fallen. Die habe ich beim Marathon nicht so gern. In ihrem Vorleben haben sie viel geraucht, viel gegessen – dann kommt irgendwann die Erleuchtung und sie fangen an zu trainieren. Sie trainieren aber nicht fünf oder zehn Kilometer, sondern sie wollen den ganzen Marathon laufen.

Was spricht dagegen?

Gefäße haben ein sogenanntes vaskuläres Gedächtnis. Die Gefäße von Rauchern sind nicht unbedingt gesund. Das Rauchen hinterlässt Spuren im Endothel, also in der Gefäßinnenhaut. Diese Spuren werden bei starken Trainingsreizen wie dem Marathon weiter aktiviert. Deshalb gibt es auch den einen oder anderen, der während eines Marathonlaufs einfach umfällt.

Sie engagieren sich in der Stiftung Bremer Herzen, die für den SWB-Marathon auch ein Team aufgestellt hat. Warum ist Ihnen der Lauf wichtig?

Die Stiftung Bremer Herzen ist eine gemeinnützige Stiftung, die Ende 2010 gegründet wurde und das Ziel hat, die im bundesweiten Vergleich sehr hohe Rate an Herzerkrankungen im Raum Bremen und umzu zu reduzieren. Wir beteiligen uns am Marathon, weil Prävention im kardio-vaskulären Bereich vor allem Lebensstilmodifikation bedeutet, zum Beispiel mehr Bewegung. Die Europäische Union hat für die Vermeidung von Infarkten ganz klare Präventionsziele definiert.

Was rät die EU?

Eine Empfehlung lautet: Die körperliche Aktivität steigern. Zum Beispiel durch ein aerobes Ausdauertraining mehrmals in der Woche – am besten jeden Tag – für 30 Minuten, bei mittlerer Intensität. Punkt zwei: Der Blutdruck sollte bei 140 zu 90 liegen. Punkt drei: kein Nikotin, auch nicht Passivrauchen. Und viertens: eine herzgesunde Ernährung mit wenig Cholesterin und viel Gemüse und Früchten. Das sind die wesentlichen Bausteine, um einem Herzinfarkt vorzubeugen.

Laufen Sie am 7. Oktober auch selbst mit?

Im Moment macht meine Achillessehne Schwierigkeiten. Wenn sie es zulässt, bin ich auf jeden Fall am Start. Allerdings werde ich nur den Halbmarathon laufen.

Welche Zeit haben Sie sich vorgenommen?

Ich würde die Strecke gerne unter zwei Stunden schaffen. Aber die Zeit spielt eigentlich keine Rolle, wichtiger ist mir, Spaß dabei zu haben. Sport muss Spaß bringen – wenn man keine Freude daran hat, ist Bewegung auch als präventive Maßnahme nicht geeignet.

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