Von Bremen nach Wildeshausen Megamarsch: 50 Kilometer in zwölf Stunden

Beim Megamarsch wandern Sportler 50 Kilometer in zwölf Stunden. Die Zahl der Veranstaltungen wächst rasant. Nathalie Schofield und Isabelle Schnakenberg wagen sich an die Strecke.
08.06.2019, 18:45
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Megamarsch: 50 Kilometer in zwölf Stunden
Von Mathias Sonnenberg

Die erste Zwischenmeldung kommt um 13.57 Uhr. „27 Kilometer sind geschafft“, sagt Nathalie Schofield am Handy. Und im Hintergrund ruft Isabelle Schnakenberg: „Läuft alles super.“ Den Ortsausgang von Groß Ippener haben die beiden da schon im Blick und die ersten Wehwehchen längst hinter sich. Aber es nützt ja nichts, die beiden Frauen aus Achim haben ja Großes vor an diesem Tag, da wird nicht geschwächelt. 50 Kilometer in zwölf Stunden ist ihr Ziel, ein Megamarsch, wie es so schön heißt. Und eine Veranstaltung, bei der an diesem windigen, nicht so richtig freundlichem Sonnabend knapp 1600 Menschen von Bremen nach Wildeshausen gehen. Gehen, das ist wichtig, gelaufen wird nicht. Aber dazu später.

Nathalie Schofield und Isabelle Schnakenberg haben sich ziemlich spontan beim Megamarsch angemeldet. Beide sind sportlich, joggen regelmäßig, Schofield ist auch schon bei einem 10-Kilometer-Lauf angetreten. Und jetzt 50 Kilometer gehen? „Fanden wir gleich gut die Idee“, sagt Schofield. Erstens könne man so neue Grenzen austesten. „Und zweitens ist es immer schön, gemeinsam ein Ziel zu erreichen“, erzählt sie. Deshalb stehen beide am Sonnabend schon um 7.30 Uhr am Werdersee, dem Startpunkt. Allein sind sie nicht, es wimmelt von Menschen in Turnschuhen, Lauf- und Trekkinghosen und atmungsaktiven Shirts, die ihr Proviant in kleinen Rucksäcken dabei haben.

Lesen Sie auch

Isabelle Schnakenberg hat gar nicht gut geschlafen. „Und mein Brötchen zum Frühstück hat auch nicht geschmeckt“, sagt sie. Sie sei eben ein wenig nervös. Nathalie Schofield erzählt von ihren Haferflocken, die sie morgens schon verdrückt hat. „Als Wandergrundlage“, wie sie erklärt. Dann geht es zur Registrierung und zum Stempeln. Denn natürlich hat jeder Starter einen Pass, in dem die Teilnahme am Megamarsch vermerkt wird. Und auch die Zieleinkunft.

Um 8.40 Uhr geht es los. Bernd Gröne vom Veranstalterteam heizt der letzten Gruppe mit knapp 400 Startern noch mal ein, dann schickt er auch die beiden Achimerinnen auf die Reise. Knapp 60 Euro haben sie jeweils für den Megamarsch bezahlt. Billig ist das nicht, aber Schofield meint, das sei gut investiertes Geld. „Ich finde, das sollte uns schon die Erfahrung wert sein.“ Man gebe schließlich genug Geld für unnützes Zeug aus. Für die 60 Euro haben die Verantwortlichen an der Strecke vier Verpflegungsstationen aufgebaut, es gibt Sitzmöglichkeiten, unterschiedliche Getränke.

Eine Pause gibt es nicht

Aber Nathalie Schofield und Isabelle Schnakenberg halten sich an den ersten beiden Stationen gar nicht lange auf. Im Gehen greifen sie zu Energyriegeln und Wasser, eine Pause gibt es nicht. „Da haben es einige andere schon gemütlicher angehen lassen“, registrieren beide und erzählen von Teilnehmern, die sich erst mal eine knappe Stunde ausgeruht hätten. Für die Achimerinnen kein Thema, sie wollen voran kommen. Dabei gibt es auch schon nach 20 Kilometern eine Urkunde für die Starter, die dann schon mit ihren Kräften am Ende sind.

Mit Marco Kamischke ist auch der Erfinder der deutschen Megamärsche in Bremen am Start. Die Idee kam ihm und einem Kumpel, wie soll es anders sein, bei einem Glas Bier. „Altbier“, wie er präzisiert, schließlich lebt Kamischke in Mönchengladbach am Niederrhein. Er wollte seinen Kumpel zu einem Marathon überreden. Doch weil dem das zu viel Training war, überlegten sich beide eine Alternative – 100 Kilometer wandern. Das gab es zwar auch schon in Belgien, in Deutschland aber hatte der Marsch von Köln in die Eifel 2016 Premiere. Und was passierte? Die Menschen liefen Kamischke die Bude ein. 200 Teilnehmer gingen an den Start, weitere 600 Anmeldungen mussten abgelehnt werden. Und bei Kamischke war der Entschluss gereift: Die Megamarsch-Bewegung kann ich zu meinem Beruf machen.

Lesen Sie auch

Drei Jahre später hat Kamischke 15 Angestellte in seinem Team, Megamärsche gibt es jetzt schon in 15 deutschen Städten und Regionen. Mit Wien haben die Veranstalter jetzt einen ersten Startort im Ausland, auch Mallorca soll auf die Liste kommen. Neben den 100-Kilometer-Märschen wird jetzt vermehrt auf die 50 Kilometer gesetzt. Aber warum sind so viele Menschen verrückt danach, für eine zwölfstündige Wanderung 60 Euro zu zahlen? „Das ist der Zeitgeist“, sagt Kamischke. „Für immer mehr Menschen ist es wichtig, dass man was macht, was man zeigen kann, auch in den sozialen Netzwerken.“

Außerdem gebe es bei den Märschen keine großen Einstiegshürden. „Bei uns sind Couch-Potatoes bis Ultraläufer am Start. Ich sage immer: Wer viel geht, auch mit seinem Hund, der schafft die 50 Kilometer.“ Wobei die Ultraläufer die größten Probleme hätten, denn auch das ist Vorschrift: Die Teilnehmer müssen gehen. Laufen ist nicht erlaubt. „Und für Ultraläufer ist das manchmal eine Qual“, meint Kamischke. Viele empfänden einen Megamarsch aber auch als motivierendes Gemeinschaftsevent. „Es gibt Teilnehmer, die sich schon zu Jahresbeginn für jeden Megamarsch anmelden. Die Leute tauschen sich aus, hier ist eine echte Community entstanden“, erklärt er.

45 Kilometer in weniger als achteinhalb Stunden

So weit sind Nathalie Schofield und Isabelle Schnakenberg noch nicht. Dafür sind sie schnell unterwegs an diesem Sonnabend, sehr schnell sogar. Um 16.57 Uhr kommt die SMS: „Noch 5 Kilometer“. 45 Kilometer hat das Duo also in weniger als achteinhalb Stunden geschafft, damit sind die Achimerinnen deutlich flotter als der Durchschnitt. Laut Ausschreibung sollten die 50 Kilometer in zwölf Stunden geschafft sein. Die Quote der Abbrecher ist gering, über 90 Prozent der Starter kommen auch am Ziel an. Bei den 100-Kilometer-Märschen ist das anders, da kämen nur um die 25 Prozent der Teilnehmer durch, sagt Veranstalter Kamischke.

Um 17.33 Uhr melden sich Schofield und Schnakenberg noch mal. „Jetzt wird es zäh“, sagen sie, die letzten Meter seien dann doch die härtesten. Bei Nathalie Schofield sind es die Beine, bei Isabelle Schnakenberg der Rücken, der schmerzt. Die letzte Verpflegungsstation hatten sie ausgelassen, ein paar Salzstangen müssen reichen für die restlichen zehn Kilometer der Strecke. Um 18.20 Uhr ist es dann geschafft: Der Zieleinlauf, nein, Zieleingang muss es ja heißen, ist durchschritten. Was gibt es zur Belohnung? „Wir gönnen uns ein Bierchen“, sagen sie. Dann eine Massage, zu Hause die Wanne und dann das Bett. „Aber 2020 sind wir wieder dabei“, erklären beide. Dann allerdings vielleicht mit ein bisschen mehr Training.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+