Eine Frau zwischen Theater und Volleyball

„Mir reicht die Volleyball-Bühne“

Seit September 2019 läuft die Ex-Nationalspielerin Dominice Steffen beim Volleyball-Drittligsten TV Eiche Horn auf. Nach Bremen kam die Schneidermeisterin aber aus rein beruflichen Gründen. Sie arbeitet im Theater am Goetheplatz.
09.02.2020, 11:54
Lesedauer: 8 Min
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Von Rainer Jüttner
„Mir reicht die Volleyball-Bühne“

"Wenn man am Theater arbeitet, lebt man auch für das Theater", so Dominice Steffen. Eine weitere große Leidenschaft ist für die Ex-Nationalspielerin das Volleyballspielen.

Frank Thomas Koch

Sie waren mit zwölf Jahren auf einer Sport-Ganztagsschule in Berlin, mit 17 schon im A-Kader der Nationalmannschaft. Wie kommt eines der größten deutschen Nachwuchs-Talente in die Volleyball-Diaspora nach Bremen?

Dominice Steffen: Das hatte ausschließlich mit meinem Beruf zu tun. Ich wollte unbedingt wieder am Theater arbeiten. Ich hatte mich am Theater am Goetheplatz beworben und es hat geklappt.

Was genau machen Sie am Theater?

Hier arbeite ich im Schneiderhandwerk, werde aber demnächst auch in die Gewandmeisterei wechseln zur Hilfestellung und als Aushilfe. Dann darf ich da schon mal ein bisschen reinschnuppern. Das wäre auch mein Ziel für die nächsten Jahre. Sonst hätte ich auch nicht meinen Meister machen und Design studieren müssen.

Das hört sich nach einem längeren Aufenthalt in Bremen an. Dabei sind Sie bislang ja schon reichlich unterwegs gewesen. Hat Sie diese Unrast geprägt oder sehnen Sie sich doch eigentlich nach Stabilität?

Es gab eine Zeit, da waren die vielen Ortswechsel spannend, da war ja ständig irgendwas Neues. Aber man wird ja auch mal älter. Und langsam kommt das Gefühl, zur Ruhe kommen zu wollen, mit einem sicheren Umfeld und irgendwie auch einem Zuhause.

Hat Bremen die Chance, eventuell ihr Zuhause zu werden?

Ich denke schon. Bremen ist zwar kleiner als Berlin, das ja immer irgendwie meine Heimat bleiben wird. Aber ich wohne ja hier im Viertel, und mein ganzes soziales Umfeld prägt sich durch das Viertel. Ich bin gerade umgezogen und bin am Renovieren. Ich plane also, länger hierzubleiben.

Die vielen Ortswechsel ergaben sich vor allem durch ihre Volleyball-Karriere. 43 Mal standen sie im A-Kader der Nationalmannschaft. Warum ging es danach für Sie im deutschen Team nicht mehr weiter?

Der damalige Bundestrainer Hee Wan Lee hatte mich stark gefördert und mich spielen lassen. Der Trainer, der danach kam, Giovanni Guidetti, hatte ein ganz anderes Konzept. Um es mal ganz plakativ zu sagen, entsprach ich nicht seinen Vorstellungen von einer Nationalspielerin. Für ihn waren Sportler mindestens fünf Kilo leichter. Ich hatte immer mit meinem Gewicht zu kämpfen, und ich musste immer aufpassen, was ich esse. Er hat dann halt nur das Körperliche gesehen und nicht die Leistung und das Talent. Das konnte ich auch nicht wettmachen. Ich musste dann Extraeinheiten machen. Vor dem Frühstück noch Laufen, wenn die anderen schon Freizeit hatten, musste ich noch Bälle abwehren und Sprints oder Slalomläufe machen. Das brachte dann am Ende 200 Gramm weniger auf der Waage. Und er hat mir klipp und klar gesagt, dass ich mit den Kilos runter muss, sonst ist es vorbei.

Das klingt nicht sonderlich motivierend.

Ich war dann an einem Punkt, an dem ich nicht mehr selber für mein Weiterkommen verantwortlich war, sondern sozusagen abhängig von höherer Gewalt. Das hat mich demotiviert, und ich habe mir gesagt, dann konzentriere ich mich lieber auf meine Ausbildung oder Studium und lasse es mit der Nationalmannschaft. Ich hatte dann ein Angebot aus Italien, das aber dann wegen der dortigen neuen Ausländerregelung nicht zustande kam. So kam ich dann nach Suhl.

Ein letztlich richtungsweisender Schritt.

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. In Suhl habe ich meine Ausbildung als Maßschneiderin im Bereich Herren abgeschlossen, habe mich dann aber zwei Jahre hintereinander verletzt. 2010 meine Schulter, da war eine Sehne fast durchgerissen, hatte mich danach aber wieder rangekämpft und wieder mitgespielt. Dann im vierten Spiel gegen Aachen habe ich mir dann das Kreuzband gerissen. Ich habe noch heute die Reaktion der Zuschauer im Kopf, die alle laut aufgestöhnt hatten, als es passiert war.

Wie haben Sie es geschafft, wieder zurückzukommen?

Nach einem dreiviertel Jahr Reha habe ich mich nicht getraut, wieder in der ersten Bundesliga anzufangen. Ich bin also einen Step zurück in die zweite Liga und habe geguckt, ob ich überhaupt noch Volleyballspielen kann. Ich bin dann zum VfL Oythe, später dann zum Allgäu Team Sonthofen.

Vom Norden in den Süden, was waren die Gründe?

Ich wollte meinen Meister machen und hatte die Chance, in München an eine Design-Schule zu gehen. Dort war dann das Studium mit der Möglichkeit gekoppelt, seinen Meister zu machen.

Stand damals schon immer der Wunsch im Blickpunkt, am Theater zu arbeiten?

Das war eigentlich schon immer im Hinterkopf. Spätestens seit meiner Ausbildung am Meininger Theater. Das hat mich wirklich geprägt. Das Theater ist eine andere Welt. Sehr familiär, jeder hilft jedem. Alle sind bekloppt im positiven Sinn. Wenn man am Theater arbeitet, lebt man auch für das Theater.

Fasziniert Sie die ganze Atmosphäre, oder würden Sie eigentlich viel lieber selbst auf der Bühne stehen?

Nein, mir reicht die Volleyball-Bühne. Da habe ich genug Aufmerksamkeit. Am Theater ist es einfach schön, dass man nur ein kleines Rad in einem großen funktionierenden Werk ist. Aber wenn nur ein Quäntchen nicht funktioniert, kann das die Show kippen. Es muss also wirklich alles zusammenarbeiten, damit etwas Vernünftiges auf die Bühne kommt.

Also durchaus vergleichbar mit einer Mannschaft, in der auch ein Rädchen ins andere greifen muss?

Absolut. Und dieses Miteinander, als Mannschaft zu agieren, fasziniert mich.

Da schlagen also zwei Herzen in Ihrer Brust. Welche Leidenschaft ist denn größer: die zum Volleyball oder zum Theater?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Zum Beispiel in München, als ich dann fertig war, kam dann auch ein Lehrer zu mir und machte mich auf eine freie Stelle am Theater aufmerksam. Das wäre natürlich ideal gewesen. Aber zu dem Zeitpunkt wollte ich gerne noch einmal in die erste Liga, nachdem ich in Sonthofen ja in der zweiten Liga gespielt hatte. Ich hatte gemerkt, dass mir das nicht reicht. Ich wollte noch einmal einen schönen Abschluss haben. Dann kam das Angebot aus Berlin, Richtung Heimat, und ich ließ den Job sausen und habe versucht, noch ein bisschen Volleyball zu spielen. Das hat dann auch zwei Jahre lang noch ganz gut geklappt.

Wann haben sich die Prioritäten geändert?

Mit 29 kam der Knackpunkt. Der Köpenicker SC hatte finanzielle Probleme und musste aus der ersten Liga zurückziehen. Ich hatte zwar einige Angebote aus der ersten Liga, aber einfach keine Lust mehr, wieder meine Zelte abzubrechen, wieder neu anzufangen. Ich hatte mir noch einmal selber bewiesen, dass ich noch weiter erste Liga spielen kann, aber ich wollte mich dann eher auf meine berufliche Zukunft konzentrieren.

Wie ging es dann weiter?

Ich hatte einen Job bei einer Berliner Designerin gefunden, die im Haute-Couture-Bereich gearbeitet hat. Braut- und Abendgarderobe, Red-Carpet-Outfits, für Fernsehshows und Ähnliches. Das war eine gute Schule, aber auch sehr viel Arbeit. Oft bis drei Uhr nachts, an Wochenenden und Feiertagen durcharbeiten. Der einzige Nachteil war, dass Du branchenüblich einfach mies bezahlt wurdest, ohne Nacht- oder Wochenendzuschläge und wenig Urlaub. Das ist in Berlin an der Tagesordnung.

Wie lange haben Sie das durchgehalten?

Nach eineinhalb Jahren war ich total überarbeitet und fast schon depressiv. Zu der Zeit habe ich bei meinem Heimatverein Rotation Prenzlauer Berg in der zweiten Liga gespielt und war auch dort nicht so glücklich. Ich war halt die Granny der Mannschaft. Alle waren total lieb, aber ich hatte einfach nicht so die Connection. Ich musste mich also wieder verändern. Dann habe ich einfach deutschlandweit geguckt.

Waren das ausschließlich Stellen am Theater?

Ich hatte explizit an Theatern geguckt. Ich hatte immer im Hinterkopf, wie toll die Zeit dort war. Da wollte ich immer wieder zurück. Und es kamen massig Zusagen. Unter anderem aus München, Wiesbaden, Dresden, Hildesheim.

Und diese Standorte hatten gegen Bremen natürlich keine Chance?

Naja, München ist zum Beispiel schon schön, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir die Münchner an sich nicht so zusagen.

Mit dieser Aussage können Sie hier in Bremen ziemlich punkten.

Ich will die Zeit in München und das Glockenbachviertel nicht missen, aber wenn man mal so rumguckt, dann sind die Münchner doch sehr oberflächlich und sehr von sich eingenommen. Außerdem ist es dort nun mal ziemlich teuer. In Bremen hatte ich mein erstes Bewerbungsgespräch und die erste Zusage. Claudia Hartmann, die Kostüm-Chefin, hat mich gleich begeistert. Und dann hat mir natürlich die Atmosphäre in Bremen gleich sehr gut gefallen. Zum Beispiel das Viertel ist wie Klein-Neukölln oder Klein-Kreuzberg. Ein bisschen schmuddelig, und die Leute sind sehr locker. Das hat mir gleich super gefallen. Die Kollegen haben mich super aufgenommen. Die Bremer sind fast schon zu nett, die Leute hier sind ja so was von entspannt.

Zurück zum Volleyball. Sie sind jetzt nach Jahren in der ersten Liga und in der Nationalmannschaft in der dritten Liga beim TV Eiche Horn gelandet. Wie krass ist denn der Unterschied zu Ihren vorherigen sportlichen Stationen?

Für mich sind ganz klar die Mädels wichtiger als das sportliche Niveau. Aufgenommen zu werden, wieder in einer sozialen Gruppe zu sein, Freundschaften zu schließen. Ich bin ganz allein hier, kannte hier niemanden, da war es mir superwichtig, dass sie mich so aufgenommen haben und auch mit mir zusammen spielen wollen.

Wussten die Hornerinnen, wer da zu ihnen kam?

Weiß ich nicht, mein Drang nach Bewegung ist groß, und da hatte ich einfach mal angefragt, ob sie überhaupt Spielerinnen brauchen. Ich hatte vorher nicht gesagt, wer ich bin oder was ich vorher gemacht habe. Das ist Vergangenheit, man muss halt gucken, was jetzt ist, wie man jetzt zusammen spielt, wie man klar kommt. Es sollten vorher keine Vorurteile da sein oder Ansprüche gestellt werden. Sie sollten unvoreingenommen sein, und ich wollte einfach nur mal gucken, ob es passt.

Und, passt es?

Ja, Gott sei Dank hat es gepasst. Und die Mannschaft hat es auch akzeptiert, dass ich beruflich etwas eingeschränkt bin und nicht immer dabei sein kann.

Wie schwierig ist es, sich an das Niveau zu gewöhnen. Wie pegeln Sie sich da selbst runter?

Am Anfang fiel es mir schon etwas schwerer. Da war ich eher noch ungeduldiger. Habe mich dann schon über Fehler gewundert und gesagt, ihr müsst das so und so machen. Man kann das doch so und so spielen. In den ersten beiden Spielen war ich dann auch wirklich sehr schlecht für mein Niveau, weil ich auch einfach für mich selber so frustriert war. Warum klappt das denn bei den anderen nicht? Und dann habe ich bei den anderen immer nur geguckt, mich aber vernachlässigt und selber dumme Fehler gemacht. Dann habe ich aber gesagt, wieso bist du nur so doof und versuchst hier die Ansprüche der ersten oder zweiten Liga anzulegen. Dann habe ich meinen Mittelweg gefunden. Jetzt bin ich auf das Team eingepegelt und das Team auf mich. Jetzt habe ich Spaß mit den Mädels, wir machen auch privat einiges zusammen. Jetzt bin ich froh, dass sie mich so akzeptieren, wie ich bin mit meiner Berliner Schnauze. Und ich glaube auch, dass sie froh sind, dass ich da bin.

Das Gespräch führte Rainer Jüttner.

Info

Zur Person

Dominice Steffen

wurde 1987 in Berlin geboren. Ihre ­Volleyball-Karriere begann mit neun ­Jahren bei Preußen Berlin. Über die SG Rotation Prenzlauer Berg kam sie mit Zwölf auf eine Sport-Ganztagsschule und spielte fortan beim VC Olympia
Berlin, mit dem sie den Erstliga-Aufstieg perfekt machte. Bis 2005 spielte sie in der Junioren-Nationalmannschaft und stand danach 43 Mal im Kader der ­A-Nationalmannschaft.

Von 2006 bis 2008 spielte die 1,86 Meter große Außenangreiferin dann bei NA Hamburg (vormals TV Fischbek). Mit den Hamburgerinnen erreichte sie 2008 das Finale im DVV-Pokal und unterlag dem VfB 91 Suhl, von dem sie anschließend verpflichtet wurde. Die Pokal-Endspiele 2010 und 2011 verlor sie mit Suhl jeweils. Am 22. Oktober 2011 zog sie sich beim Bundesliga-Spiel in Aachen einen Kreuzbandriss zu. Von 2012 bis 2015 spielte Steffen in der zweiten Bundesliga (VfL Oythe, Allgäu Team Sonthofen), kehrte danach in die erste Bundesliga zurück nach Berlin zum Köpenicker SC. Nach dem Rückzug aus der ersten Liga spielte sie bei Rotation Prenzlauer Berg in der zweiten Liga, bis sie 2019 nach Bremen kam und sich dem Drittligisten TV Eiche Horn anschloss.

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