Motorsport

Ein Rookie gibt Vollgas

Der frühere Bremer Jannes Fittje fährt in der Juniorenwertung der ADAC GT Masters ganz vorne mit. Nach acht Rennen liegt der 21-Jährige mit seinem 550 PS starken Porsche 911 auf Platz zwei.
11.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Rookie gibt Vollgas
Von Frank Büter
Ein Rookie gibt Vollgas

Sein Arbeitsplatz: Der jetzt in Thüringen lebende Bremer Jannes Fittje startet für das Team Bernhard mit einem Porsche 911 im ADAC GT Masters.

Gruppe C / Tim Upietz

Bremen/Langenhain. Privat ist Jannes Fittje mit einem Polo unterwegs. Das Auto hat 180 PS unter der Haube, „das ist schon ganz ordentlich und reicht aus, um an den Spurschleichern vorbeizukommen“, sagt er. Dienstlich sitzt Fittje indes in einem Porsche 911 GT3 R mit 550 PS, „und der“, sagt Fittje, „der geht richtig ab“. Der gebürtige Bremer liebt es, Vollgas zu geben. Es ist sein Job. Jannes Fittje ist nämlich Rennfahrer – und auch er geht, salopp gesagt, gerade richtig ab.

Seit dieser Saison 2020, die Corona-bedingt erst Ende Juli auf dem Lausitzring begonnen hat, startet Jannes Fittje im ADAC GT Masters. Er gehört zum Fahrerfeld des Porsche-Teams Bernhard, das vom zweimaligen Le-Mans-Sieger und FIA-Langstreckenweltmeister Timo Bernhard und dessen Vater Rüdiger gegründet wurde und im Vorjahr in diesem Klassement die erfolgreichste Porsche-Mannschaft gestellt hat. Jannes Fittje ist einer von vier Aktiven in diesem Team. Je zwei teilen sich dabei ein Fahrzeug. Sie bestreiten abwechselnd das jeweilige Qualifying, und während des einstündigen Rennens gibt es mittendrin ein Zeitfenster für einen Boxenstopp mit Fahrerwechsel. „Das wird aus Kostengründen so gemacht“, erläutert Fittje, der sich seinen Porsche mit dem aus Speyer stammenden David Jahn (29) teilt.

Mit gerade 21 Jahren ist Jannes Fittje der jüngste Fahrer im Team Bernhard und gehört auch zu den jüngsten Fahrern in dieser Masters-Serie. Fittje wird deshalb auch gerne als Rookie bezeichnet. Übersetzt bedeutet das so viel wie Anfänger, Grünschnabel oder Neuling. Neu dabei ist Fittje zwar, ein Anfänger oder gar Grünschnabel ist er allerdings nicht. In der „Rookie-Wertung“, also dem Klassement der Junioren unter 25 Jahren, belegt er nach acht der geplanten 14 Saisonrennen unter 18 Fahrern immerhin den zweiten Platz. Und in der Gesamtwertung aller Fahrer liegt Fittje mit Partner Jahn derzeit auf Rang 17 unter 32 Teams.

Es läuft also tatsächlich schon ganz gut für den Debütanten in dieser Supersportwagenserie, in der sich neben Porsche, Audi, Mercedes oder BMW auch exotischere Marken wie Bentley, Corvette oder Lamborghini tummeln. Bei seiner Premiere eben auf dem Lausitzring war Jannes Fittje gleich auf Platz vier gefahren und hatte mit diesem „Einstieg aus dem Nichts“ ein echtes Ausrufezeichen gesetzt. Imposant war auch der Auftritt im zweiten Rennen auf dem Nürburgring, wo Fittje in der zweiten halben Stunde am Gaspedal saß und als Zweiter über den Zielstrich fuhr, „das war echt mega“. Dieser zweite Platz war dann nach einer nachträglich ausgesprochenen 30-Sekunden-Zeitstraße wegen eines Vergehens in der Boxengasse zwar bald Makulatur, das Rennen zählt für den früheren Bremer aber dennoch zu den bisherigen Saisonhöhepunkten.

Aufgewachsen ist Jannes Fittje am Rande der Wümmewiesen an der Butendieker Landstraße in Lilienthal. Das Motorsportfieber hat ihn dabei schon früh gepackt. Sein Vater Arne, Anfang der 2000er-Jahre als Unfallchirurg im Krankenhaus am Bürgerpark in Bremerhaven tätig, war als Hobbyfahrer sehr aktiv und hatte 2003 mit seinem Porsche GT beim Saisonfinale in Monza sogar den Titel in der GTP-Sporttrophy gewonnen. Der kleine Jannes war oft dabei, wenn sein Papa auf dem Siegerpodest stand – und so lag es irgendwie nahe, dass Fittje junior bereits im Kindergartenalter selbst hinter dem Steuer eines Karts saß. Erst auf Parkplätzen, dann auf Rundstrecken und schließlich mehrere Jahre lang bei offiziellen Kartserien. Deutsche Meisterschaften, Europa- und Weltmeisterschaften – der durch diverse Förderprogramme des ADAC unterstützte Jannes Fittje fuhr im Kartsport national und international vorne mit und wechselte als 15-Jähriger schließlich in die Formel 4, später in die Formel 3. In der Saison 2019 startete er dann im Porsche Carrera Cup.

Sein erstes Schuljahr hatte Jannes Fittje noch an der Grundschule in Lilienthal verbracht, dann war die Familie aus beruflichen Gründen erst nach Bayern und später nach Thüringen gezogen. Heute liegt der Lebensmittelpunkt in Langenhain, einem Ortsteil der Stadt Waltershausen im Landkreis Gotha mit etwa 900 Einwohnern. In Gotha hat Jannes Fittje 2018 dann auch sein Abitur gemacht. Die Verbindung nach Bremen ist derweil nie abgerissen, schließlich ist Mutter Anja Fittje noch heute Inhaberin einer Modeboutique für Frauen im Stadtteil Horn-Lehe. „Wir sind regelmäßig in Bremen“, sagt Jannes Fittje. Die Mutter häufiger, allein schon wegen des Geschäfts, aber auch er selbst pflege noch den Kontakt zu alten Schulfreunden.

„Zuletzt war ich wegen Corona aber seltener da“, erzählt der 21-Jährige, der aktuell als Student der Wirtschaftswissenschaften in Jena eingeschrieben ist. Ihm geht es auch darum, sich beruflich ein zweites Standbein aufzubauen. Der Konkurrenzkampf im Motorsport ist nämlich enorm groß, ebenso die Leistungsdichte. Das hat er bereits in jungen Jahren im Formel-Sport erfahren müssen. Fahrerisches Geschick und die nötige körperliche Fitness sind zwar wichtige Voraussetzungen. Talent und Fleiß allein reichen in der Regel aber nicht aus, um Karriere zu machen. Ideal wäre es, auch ein großes Netzwerk an Sponsoren und Unterstützern zu haben. Wer was erreichen will, die Formel 2 oder gar die Formel 1 als Königsklasse des Motorrennsports anvisiert, muss Geld mitbringen. Geld genug, um sich quasi in ein Cockpit einkaufen zu können. Die Impulse, die er in seiner Zeit im Formelsport gesammelt habe, seien toll gewesen, sagt Fittje. „Für meine weitere Karriere habe ich da sehr viel mitnehmen können. Mehr ist aber auf Dauer nicht bezahlbar.“

Dank diverser Sponsoren ist Jannes Fittje zurzeit schon professionell unterwegs, auf einem kleineren Level zwar, aber immerhin. Weil ihm jedoch das nötige Budget fehlt, absolviert er kaum Testfahrten, sondern bestreitet vorrangig Rennen. Diese Rennen sind seine Bühne. Dort muss er sich zeigen. „Ich will einen guten Job machen und gute Resultate einfahren“, sagt Jannes Fittje. Ein Treppchenplatz in der Fahrerwertung der Junioren etwa könnte seine Chance erhöhen, mal einen Vertrag als Werksfahrer für einen Hersteller zu erhalten. Das sei sein Ziel, sagt Fittje, „ich will Profi werden!“.

Druck macht er sich aber nicht. Der Red-Bull-Ring in der Steiermark (Österreich), der Circuit-Park Zandvoort (Niederlande) und die Motorsport-Arena Oschersleben nahe Magdeburg zum Saisonfinale am 7. und 8. November sind die noch ausstehenden drei Stationen der laufenden Masters-Serie. „Ich will eine maximale Performance bieten und gute Rennen fahren“, sagt Fittje, der in seiner knapp bemessenen Freizeit gerne Snowboard fährt und für seinen Heimatklub FSV Waltershausen in der Fußball-Landesklasse auf Torejagd geht. Hobbys, die seinem Naturell entsprechen. Jannes Fittje ist eben kein Spurschleicher, er gibt gern Vollgas und greift auch gerne an.

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