Sixdays-Kolumne (3)

Müde Drahtesel

Unser Autor Marc Hagedorn erzählt davon, wie ihm das Fahrrad als Dorfkind die Welt geöffnet hat, was eine Iron-Maiden-Platte damit zu tun hat, und was seine Töchter heute vom Radfahren halten.
12.01.2020, 16:51
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Müde Drahtesel
Von Marc Hagedorn
Müde Drahtesel

Neulich habe ich irgendwo gelesen, wie jemand von seinem Drahtesel schrieb. Drahtesel ist ein schönes Wort für Fahrrad. Ich freue mich immer, wenn alte Wörter die Zeit überleben, Worte wie Bandsalat oder Knalltüte. Für alle, die erst nach 2010 geboren sind: Von Bandsalat hat man in meiner Jugend gesprochen, wenn sich das Magnetband einer Musikkassette im Rekorder verheddert hatte. Und eine Knalltüte war ein Idiot. Den Begriff Drahtesel gab es damals auch, aber ich wäre nie darauf gekommen, mein Kalkhoff-­Sportrad Drahtesel zu nennen. Es war eher ein Wildpferd als ein Esel.

So wie die Indianer und Cowboys auf ihren Mustangs die Prärie durchritten und ­Büffel jagten, öffnete mir mein grünes Rad mit seinen drei Gängen die Welt. Dazu muss man wissen, dass ich auf dem Dorf groß geworden bin. Und um dort mal rauszukommen, blieb einem gar nichts anderes übrig, als beizeiten sein Pferd zu satteln. Busse fuhren höchst selten, und Papa hätte sich nicht einmal die Mühe einer Antwort gemacht, wenn wir ihn gebeten hätten, uns zum Fußball oder zum Supermarkt zu chauffieren.

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Meine Kindheit als Radfahrer hat mir schöne Abenteuer beschert, etwa wenn wir Jungs uns zum heimlichen Rauchen im Nachbardorf getroffen haben. Oder wenn ich bei Gegenwind und Regen die 13 Kilometer – ein Weg! – nach Osnabrück geradelt bin, um mir vom frisch zugeteilten Taschengeld die neue Iron-Maiden-Platte zu kaufen. Das gab abends zwar Ärger mit den Eltern, weil die ganze Kohle gleich wieder weg war und ich am nächsten Tag wegen einer Erkältung nicht zur Schule konnte, aber hey, dafür hatte ich als Erster im Ort „Somewhere in time“.

Fahrräder haben auch meine Töchter heute. Die Mädchen mögen die Sixdays, beim Kidsday waren wir jahrelang Stammgäste. Aber irgendwas scheint mit den Rädern von heute anders zu sein als früher. Während mein Kalkhoff-Mustang mich weit in die Welt hinaus trug, sagen meine Kinder, dass es ihr Fahrrad nicht bis zur Turnhalle im Zentrum oder zur Freundin schafft, die unvorstellbare 800 Meter und drei Querstraßen weit entfernt wohnt. Sie müssten mit dem Auto gebracht werden, meinen sie. Ich finde: Die Fahrräder von heute sind echt müde Drahtesel. Da hilft nur eines, sage ich dann: Rauf aufs Rad, Mädels, macht sie flott.

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