Fußballer mit Handicaps Nahezu blind auf dem Platz

Josua Trzoska hat es im Fußball weit nach oben geschafft. Auf dem Platz fühlt sich sich der 27-Jährige wohl. Er rackert, grätscht, dirigiert. Dabei sieht er kaum etwas.
04.08.2018, 06:00
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Nahezu blind auf dem Platz
Von Marlo Mintel

Josua Trzoska steht auf dem Fußballplatz in Höhe des eigenen Strafraums. Der Außenverteidiger gibt Kommandos. Er dirigiert seinen Mitspieler, mehr das Zentrum des Platzes abzudecken. Trzoska befiehlt energisch: „Komm, geh’ in die Mitte.“ Mehr Gegentore will er an diesem Sonntagnachmittag nicht zulassen. Schon früh liegt sein Team aus Marßel im Spiel der Kreisliga A gegen den Favoriten ATS Buntentor zurück – 0:2. Trzoska dreht seinen Kopf kurz nach links. Er schaut, wo sein Gegenspieler steht. Was der Stürmer der gegnerischen Mannschaft nicht weiß: Trzoska ist fast blind – von Geburt an. Und dennoch misst sich der 27-Jährige Wochenende für Wochenende beim Fußball mit Normalsehenden.

Trzoska hat wie zwei seiner Geschwister einen Gendefekt seiner Mutter geerbt. Auf dem linken Auge hat er nur fünf Prozent Sehvermögen, rechts hat der gebürtige Papenburger im Idealfall 20 Prozent. „Ich muss zum Beispiel konzentriert sein, die Sonne darf nicht zu flach stehen“, erläutert der Fußballer. „Ich spiele auch lieber im Schatten, weil ich dann nicht direkt in die Sonne schauen muss oder die Strahlen reflektiert werden.“ Er kann die Spieler auf dem Platz anhand des Körperbaus und der Trikotfarbe ungefähr unterscheiden. Für Trzoska ist eine Information, ob ein Spieler schlank oder breit ist, unverzichtbar. Halten sich die Akteure bis zu fünf Meter von ihm entfernt auf, könne er die Gesichter erkennen und die Spieler voneinander unterscheiden. Alles, was weiter weg ist, sehe er verzerrt und unscharf. „Dann heißt es raten.“

Das Spiel auf der Anlage in Marßel ist hektisch. Viele Fouls bestimmen die Partie, Spieler und Trainer hadern mit dem Schiedsrichter. Es geht lautstark zu. Das hilft Trzoska. Der Familienvater verlässt sich beim Fußball vor allem auf seine Ohren. Sie helfen beim Erahnen der Spieler und der Spielsituation. Sein Gehör sei wesentlich stärker ausgeprägt als bei nicht sehbehinderten Menschen.

Als Trzoska vier Jahre alt ist, spielt er in seiner ostfriesischen Heimat erstmals im Verein Fußball. „Das war die erste komplizierte Phase in meinem Leben.“ Die Betreuer wollen anfangs nicht glauben, dass ihr Schützling sehbehindert ist. Schließlich deutet nichts auf dem Feld darauf hin. „Der kann doch alles, haben die gesagt“, berichtet der gelernte Informatikkaufmann.

Das Erlebnis wiederholt sich. Jahre später spielt sich Trzoska bei der SG Marßel bis zu den 1. Herren hoch. Er fühlt sich oft nicht richtig verstanden und vermisst häufig die Wertschätzung der Trainer und Mitspieler. „Ich wurde belächelt, als ich denen erzählt habe, dass ich sehbehindert bin“, sagt er. „Wenn es eine Spielsituation gab, in der ich körperlich nicht hinterherkam, hieß es gerne: Hast ja nicht gesehen, du bist ja ein Blindfisch.“

Die Sehbehinderung ist allerdings nicht sein einziges Handicap. Er fasst sich während des Spiel gegen Buntentor mehrmals auf dem Feld an den Rücken. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Er deutet seinem Trainer an, dass er vor der Halbzeit runter müsse. Für ihn ist das Spiel vorbei. Am Spielfeldrand beugt er sich schnaubend nach vorne. Im Spiel hat Trzoska einen Schlag auf den Rücken abbekommen. Für ihn ein Problem, er hat Rheuma. Er ist 21 Jahre alt, als die Ärzte die Diagnose stellen. Auf die Frage, ob für ihn damals eine Welt zusammengebrochen sei, klingt seine Stimme nicht wie sonst klar, sondern zittrig. „Ja“, antwortet Troszka mit starrem Blick. Sechs Jahre konnte er wegen der rheumatischen Erkrankung keinen Sport treiben. Trzoska war zur Bewegungslosigkeit verdammt.

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Er vermisste den Sport und ihm wird klar, welchen Stellenwert dieser in seinem Leben eingenommen hat. Trzoska hat nicht nur Fußball gespielt, sondern auch Tischtennis und Basketball. Vorher powerte er sich bis zu sechs Stunden am Tag aus. Früher sei Sport für ihn das Wichtigste gewesen. „Mein alltäglicher Höhepunkt“, sagt Trzoska. Umso mehr schätzt er es, seinen Lieblingssport Fußball wieder betreiben zu können. Überhaupt wieder zu spielen, sei sein größtes Ziel gewesen. Er habe stets davon geträumt, noch einmal in der Bremen-Liga spielen und mithalten zu können. „Das habe ich geschafft.“

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