Hockey-Nationalmannschaft der Damen Natascha Keller will Karriere krönen

Bremen. Natascha Keller ist Deutschlands Rekordnationalspielerin und will mit der Hockey-Nationalmannschaft in London erneut Gold gewinnen. Keller bereitet sich derzeit mit dem Team in Bremen auf die olympischen Spiele vor.
14.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Natascha Keller will Karriere krönen
Von Olaf Dorow

Bremen. Von den deutschen Hockey-Nationalspielerinnen, die derzeit in Bremen ein Turnier spielen, gäbe es viele Geschichten zu erzählen. Eine der imposantesten ist die von Olympiasiegerin Natascha Keller, die in London ihre eindrucksvolle Karriere abschließen könnte.

Ein Klavier im Wohnzimmer ist eine feine Sache, nicht nur wegen Loriot ("Oh, ein Klavier, ein Klavier!"). Ein Klavier im Wohnzimmer kann zum Beispiel auch als Hockey-Tor dienen. Die Kinder, die ja eigentlich auf dem Flügel üben sollen, flitzen lieber mit ihren kleinen Schlägern durch die Wohnung und wollen den umfunktionierten Tennisball unterm Flügel versenken. Die Eltern sähen es schon lieber, wenn musiziert würde, aber sie drücken mal wieder ein Auge zu.

Kann es anders zugehen in einer Hockey-Familie? In der Hockey-Familie Deutschlands? In Berlin-Zehlendorf wohnten beziehungsweise wohnen immer noch die Kellers, und bei Familie Keller ist es so: Eigentlich begannen alle mit Tennis, aber früher oder später landeten sie alle auf dem Hockey-Feld. Vater Carsten gewann 1972 in München olympisches Hockey-Gold, sein Sohn Andreas holte 20 Jahre später in Barcelona Gold, nachdem er schon zweimal mit Silber behängt worden war. Sohn Florian triumphierte 2008 in Peking. Angefangen mit den olympischen Medaillen hatte Großvater Erwin, der 1936 in Berlin Silber errang. Großmutter Helga war auch Nationalspielerin und hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Edelmetall gewonnen, wenn es damals schon ein olympisches Frauenturnier gegeben hätte.

Deutschlands Rekordspielerin

Das Mädchen, das damals ebenfalls rund um das Klavier jagte – man ahnt es – wurde auch eine Olympiasiegerin. 2004 in Athen stand Natascha Keller ganz oben auf dem Treppchen. Das Mädchen ist inzwischen 35 Jahre alt und geht demnächst in London zum fünften Mal im Zeichen der Ringe an den Start. Sie ist Deutschlands Rekordspielerin. Als Deutschland am Donnerstag beim Viernationenturnier auf der Anlage des Bremer Clubs zur Vahr Südafrika mit 5:1 besiegte und sie dabei das erste Tor schoss, war das ihr 414. Länderspiel.

Natascha Keller will einen sauberen Abschluss. London könnte der Endpunkt der einzigartigen Karriere sein. Bislang hat sie ihn für sich noch nicht gefunden, den richtigen Moment zum Aufhören. Peking 2008 hätte der Moment sein können. Deutschland verlor sein Halbfinale knapp gegen China, verlor das Spiel um Bronze gegen Argentinien, und alle konnten im Fernsehen die Tränen sehen, auch die von Natascha Keller. "So wollte ich nicht aufhören", sagt sie. Sie ist keine Getriebene, die noch etwas braucht oder beweisen muss. Sie hat ja schon ihr Gold. "Ich hab‘ doch so viel erlebt", sagt sie. Aber der Schlusspunkt soll anders sein, als es der von Peking gewesen wäre.

Vor zwei Jahren hielt sie ihn für gekommen: Weltmeisterschaften in Argentinien, wo Hockey hoch im Kurs steht, Zehntausende in die Stadien strömten und den deutschen Amateursportlerinnen das Herz aufging. Wieder Platz vier, wieder Tränen. Natascha Keller brauchte Abstand vom Hockey. Sie hat BWL studiert und arbeitet in einer Berliner Vermarktungsagentur.

Nach einem halben Jahr Pause wusste sie: So wenig wie mit Peking 2008 sollte es mit Argentinien 2010 enden. Da soll noch was kommen. "Was jetzt noch kommt, ist das i-Tüpfelchen", sagt sie. Sie kehrte zurück aufs Feld. "Bis jetzt habe ich das nicht bereut, ich hoffe das bleibt so", sagt sie. Ihr würde es im Moment leicht fallen, im Training den inneren Schweinehund zu besiegen.

Mit Stolz erzählt sie von der Nationalmannschaft, mit der sie sich jetzt auf London vorbereitet. Wie die jungen und die alten Spielerinnen miteinander umgehen, das würde ihr richtig gut gefallen. Sie kann das einschätzen, sie hat im Team Deutschland vom Nesthäkchen bis zur Führungsspielerin alle Rollen gehabt. "Wir sind eine richtig coole Truppe", sagt sie. In London sei sie zwar nicht der Top-Favorit, aber sie könne jeden Gegner schlagen, jeden. Die Konkurrenz würde Respekt haben.

Und vielleicht läuft es so ähnlich wie vor acht Jahren in Athen. Nach der sportlichen Enttäuschung von Sydney 2000 mit Rang sieben war Athen das Größte überhaupt für Natascha Keller. Wird es wahrscheinlich für immer bleiben. Weil die Deutschen ihr Vorrundenspiel gegen Südafrika überraschend mit 0:3 verloren hatten, war das Halbfinale ganz weit weg. Nur bei einem Sieg der bereits qualifizierten Holländerinnen gegen das starke Team von Australien würde es noch reichen. Keller wird das nie vergessen, wie die deutschen Spielerinnen im olympischen Dorf zwischen den beiden 8er-Apartments hin und her flitzten, als das Spiel, von dem sie abhängig waren, im Fernsehen lief. Mehr Aufregung ging nicht. Holland besiegte dann Australien 1:0, und alles wurde gut. Mit einem Finalsieg gegen die hilfreichen Holländerinnen übrigens. Nach jenem TV-Erlebnis sei die Mannschaft in einen regelrechten Sog hineingekommen, erzählt Natascha Keller. "Wir waren richtig geflasht", sagt sie. Wer will das nicht nochmal haben?

Die deutsche Hockeynationalmannschaft der Frauen trifft heute im Rahmen des Vier-Nationenturniers auf der Anlage des Clubs zur Vahr (Bürgermeister-Spitta-Allee) auf Belgien, Spielbeginn ist um 13.30 Uhr. Im Anschluss um 16 Uhr stehen sich die Olympia-Teilnehmer Südafrika und Neuseeland gegenüber.

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