Interview mit Sportsenatorin Anja Stahmann

Stahmann: „Das muss raus aus der Schmuddelecke“

Die Bremer Sportsenatorin Anja Stahmann spricht im WK-Interview über den Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Sport und die Stabübergabe nach zwei Jahren als Vorsitzende der deutschen Sportminister-Konferenz.
22.12.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Von Olaf Dorow

Frau Stahmann, Corona hat so vieles verändert und sogar plattgemacht. Ging Ihnen das mit Ihren Themen für den Vorsitz der SMK (Sportmi­nisterkonferenz der Länder, d. Red.) auch so?

Anja Stahmann: In Teilen schon. Wir haben uns viel mit Corona beschäftigt, aber wir haben auch den Faden durchhalten können, den wir mit unseren Planungen gelegt hatten. Natürlich hat Corona einiges auf den Kopf gestellt. Als wir 2019 für zwei Jahre den Vorsitz übernommen haben, war von der Pandemie noch nichts in Sicht.

Was war der Plan?

Wir haben die SMK 2019 in Bremerhaven durchgeführt und für 2020 in Bremen geplant. Als Schwerpunkt-Thema hatten wir den entschlossenen Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Sport gewählt, wir haben uns mit dem Thema geschlechtliche Vielfalt beschäftigt, mit der Sportinfrastruktur und der Integration. Da haben wir nach 2015 viel geleistet in Sportdeutschland, was die Integration von Geflüchteten angeht. Und dann haben wir einen Schwerpunkt auf die Erinnerungsarbeit gelegt.

Was meinen Sie damit?

Wir haben eine große Ausstellung nach Bremerhaven geholt, um an die verdrängten Leistungen jüdischer Sportlerinnen und Sportler zu erinnern, die verfolgt wurden von den Nazis. Da gab es eine tolle Gelegenheit, sie einzubetten in eine Veranstaltungsreihe mit dem Auswandererhaus. Im ersten Jahr konnten wir also unsere Planungen abarbeiten. Ja, und dann kam Corona.

Lesen Sie auch

In welcher Situation?

Ich war als SMK-Vorsitzende beim Neujahrsempfang des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB, d. Red.) im Frankfurter Römer. Da stand noch die Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Tokio im Mittelpunkt. Ich hatte mich noch mit Eberhard Gienger (früher Spitzenturner, heute Sportsprecher der CDU-Bundestagsfraktion, d. Red.) unterhalten, weil ich in meiner Rolle als SMK-Vorsitzende neben Bundesinnenminister Horst Seehofer zu den Delegationsleitern in Tokio zählen sollte. Das war für mich schon ein spannender Blick auf 2020, bevor alles ganz anders kam. In Affengeschwindigkeit, wenn man das mal so salopp sagen darf.

Sie sagten sinngemäß, Ihren SMK-Faden hätten Sie trotzdem nicht verloren ...

Wir haben uns natürlich ganz intensiv mit Corona und den Folgen für den Sport beschäftigt. Wir sind von Bremen aus in die Rolle geschlüpft, die Länder zu koordinieren zur Vorbereitung der Runden im Kanzleramt. Das war ein ganz schöner Ritt. Da spreche ich vor allem dem Team im Sportamt und in der SMK-Geschäftsstelle meinen höchsten Respekt aus. Dennoch haben wir weitergearbeitet an unseren Themen für die SMK.

Wie genau?

Das Thema sexualisierte Gewalt hat uns nicht ruhen lassen. Wir haben zum Beispiel Johannes-Wilhem Rörig eingeladen, den Unabhängigen Beauftragten des Bundes für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Und wir hatten Sabine Andresen zu Gast, Leiterin der Kommission zur systematischen Aufarbeitung von Kindesmissbrauch. Sie hat über eine aktuelle Befragung von 1600 Menschen gesprochen, die über Missbrauchserfahrungen berichtet haben.

Lesen Sie auch

Sie haben es für notwendig gehalten, dieses Thema zum Topthema zu machen?

2018 war die Bundes-Sportjugend zu einer Versammlung hier in Bremen. Ich durfte dort zu Gast sein als Sportsenatorin und künftige SMK-Vorsitzende. Ein Schwerpunkt war das Thema sexualisierte Gewalt. Weil es Vorfälle gegeben hat, im Leistungs- wie im Breitensport. Wir fanden: Das muss ein Thema sein für die gesamte Sportstruktur in Deutschland. Als Sozialsenatorin bringe ich da sozusagen auch den Blick mit ein, was Sport für die Gesellschaft bedeutet.

Das Thema ist eines, von dem irgendwie alle wissen, das aber dennoch eher unsichtbar ist. Geht es Ihnen auch so?

Unter den 1600 Menschen, die sich gemeldet hatten in der besagten Befragung, waren 100 aus dem Bereich des Sports. Das ist schon eine relevante Größe, die mich nachdenklich gestimmt hat. Wir hatten auch in Bremen Fälle und haben mit dem Landessportbund diskutiert, wie wir eine Kultur des Hinschauens schaffen können. Es war mir wichtig, das Thema auf die Bundesebene zu ziehen.

Warum?

Das war nicht zum ersten Mal Thema auf einer SMK, es gibt vom DOSB inzwischen auch einen klaren Verfahrenskatalog, wie Vereine vorgehen sollten. Das muss immer weiterentwickelt werden. Mir war zum Beispiel wichtig, dass wir ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis von Übungsleitern fordern und eine klare Struktur von Ansprechpartnern in den Vereinen haben. Übungsleiter sollen schon in der Ausbildung lernen, mit Verdachtsfällen umzugehen. Eltern müssen darauf vertrauen können, dass der Sport alles unternimmt, um ihre Kinder vor Übergriffen zu schützen. Da muss entschieden gehandelt und nicht das Mäntelchen des Schweigens drübergelegt werden.

Lesen Sie auch

Wie sehen Sie da die Bremer Vereine aufgestellt?

Die haben sich auf den Weg gemacht. Bei vielen ist das Thema angekommen. Wir erwarten, dass das ein Bereich bleibt, in dem man sehr sensibel hinschaut und sich immer weiterentwickelt.

In der Bremer Erklärung der SMK loben Sie die Vereine, was alles getan wird. Anderseits heißt es, dass mehr getan werden muss. Ein Widerspruch?

Nein, für mich ist das kein Widerspruch. Ich fand wichtig, dass wir das Thema aufgreifen. Die Bremer Erklärung soll den Vereinen ja Mut machen, offensiver an das Thema ranzugehen. Wir haben gesagt: Wir reden auch über Queerpolitik im Sport. Da heißt es ja auch leicht: Ja, ja, machen wir schon alles. Aber da brauchen viele Vereine noch Hilfestellungen oder Best-practice-Beispiele.

Was sind für Sie Best-practice-Beispiele?

Zum Beispiel, dass man Umkleiden hat, wo nicht nur Mann und Frau dransteht. Dass der Schiedsrichter eingreift, wenn homophobe Sprüche gedroschen werden. Dass auch beim Thema Rassismus eine hohe Sensibilität da ist. Die Themen sind gesellschaftlich relevant, das muss raus aus der Schmuddelecke. Sie hören immer wieder, dass natürlich niemand diskriminiert wird, der schwul oder lesbisch ist. Aber Jahre nach dem Hitzlsperger-Outing werden auf dem Platz Spieler immer noch als Schwuchtel beschimpft. Da gibt es noch einiges zu tun für die Akzeptanz, dass Menschen frei entscheiden, wen sie lieben.

Lesen Sie auch

Könnte auch eine Art Über-Sensibilisierung der Effekt sein?

Warum?

In der Form, dass Trainer verunsichert sind und Angst haben, irgendetwas falsch zu machen im Umgang mit jungen Sportlerinnen und Sportlern?

Der Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt muss Eingang finden in die Trainerausbildung, genauso wie der Schutz vor sexuellem Missbrauch. Das gibt Sicherheit und schützt auch die Trainer. Sport ist Körperarbeit. Aber dabei muss immer klar sein, wo die Grenzen sind. Auf beiden Seiten. Diese Sensibilisierung ist unheimlich wichtig.

Bei Missbrauch ist eine Beweisführung bis hin zu Sanktionen oder einer Verurteilung oft schwierig. Ein Dilemma?

Wenn Vorwürfe erhoben werden, muss jemand das Verfahren auch innerhalb des Vereins lenken. Es muss Ansprechpartner für Eltern und Kinder geben. Die Vereine brauchen da klare Strukturen. Schon vor dem Vorsitz Bremens hatte das der saarländische Kollege Klaus Boillon thematisiert. Auch mein Nachfolger Roger Lewentz (Sportminister von Rheinland-Pfalz, d. Red.) wird es fortführen, das hat er schon signalisiert.

Das gehört quasi zur Staffelübergabe?

Man kann solche Themen nicht in zwei Jahren einfach abschließen, sie werden weiterbearbeitet. Bremen hat in der Zeit seines Vorsitzes auch engen Kontakt mit den Athletinnen und Athleten gepflegt. Da waren wir im Austausch mit den Sprechern und den Gremien. Rheinland-Pfalz hat schon signalisiert, dass das fortgeführt werden soll.

Lesen Sie auch

Was sind weitere Themen, die Sie Roger Lewentz empfehlen, fortzuführen, auszubauen, anzugehen?

Ganz stark beschäftigen uns natürlich Corona und die Folgen für den Sport, das wird auch 2021 noch so sein. Die Vereine sind in großen Schwierigkeiten. Der Profisport verliert Einnahmen, auch der Breitensport hat ein ganz hartes Jahr hinter sich. Jedes Jahr kommen normalerweise neue Mitglieder in die Vereine, meist Kinder und Jugendliche. In der Größenordnung, in der Vereine Mitglieder verlieren. Diese Fluktuation klappt mit Corona nicht mehr. Die Vereine verlieren Mitglieder, aber der Nachwuchs fehlt.

Was tun?

Ich hatte am vergangenen Freitag eine Telefonschalte mit dem DOSB und habe angeregt, dass wir eine Kampagne auf den Weg bringen, um die Vereine zu unterstützen. Wir hoffen, dass wir durchs Impfen und den konsequenten Gesundheitsschutz Corona doch bezwingen und in absehbarer Zeit für Vereinsmitgliedschaften werben können. Was ich an Roger Lewentz auch übergebe, ist das Thema Rettungsschirme. Wir wollen nicht ohne den Vereinssport aus der Krise gehen, sondern mit einem gestärkten.

Ist Ihre Erfahrung in dieser Pandemie: Die Bedeutung von Sport ist eher gestärkt als geschwächt worden?

Ja. Sport ist eben nicht nur das Ringen um Titel oder ums eigene Wohlbefinden. Sport leistet für die seelische Gesundheit der Menschen ganz, ganz viel, und er ist essenziell wichtig für die Gesellschaft. Gerade in der Pandemie muss sich das auch in den Haushaltsausgaben der Kommunen, der Länder und des Bundes widerspiegeln.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.­

Info

Zur Person

Anja Stahmann (53) ist seit 2011 Mitglied des Bremer Senats und steht 2015 unter anderem dem Sportressort vor. Die Grünen-Politikerin wurde in Bremerhaven geboren, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. 2019 übernahm sie den Vorsitz der Sportminister-Konferenz, den sie zum Jahreswechsel an Roger Lewentz aus Rheinland-Pfalz übergibt.

Info

Zur Sache

Die „Bremer Erklärung“

Die Sportminister-Konfernz (SMK) unter Vorsitz von Anja Stahmann hatte im November die sogenannte Bremer Erklärung zu sexueller Vielfalt und geschlechtlicher Identität auf den Weg gebracht. Kernpunkte der Erklärung sind unter anderem: die Empfehlung, einen diskriminierungsfreien Umgang in die Vereinssatzungen aufzunehmen, eine Kultur des Hinsehens zu pflegen, eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts zu schaffen, LSBTI- Belange (Belange von Lesbischen, Schwulen, Bi- Trans- und Intersexuellen) in die Forschung und die universitäre Ausbildung zu integrieren oder entsprechende Ansprechpartner beziehungsweise Strukturen in den Vereinen be­reitzustellen. „Die Sportminister und -minis­terinnen sowie Sportsenatorinnen und Sportsenatoren der Länder setzen sich dafür ein, dass Einrichtungen und Träger des organisierten Sports eine offene Haltung zu Fragen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt einnehmen“, heißt es in der Erklärung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+