Hockey-Trainer Nico Stankewitz Das erzwungene Sabbatjahr

Mehr Gelassenheit, mehr Lebensqualität - und ein langer Atem bei der Jobsuche: Wie der derzeit arbeitslose Hockeytrainer Nico Stankewitz mit der Corona-Krise umzugehen versucht.
17.12.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Das erzwungene Sabbatjahr
Von Olaf Dorow

Ein Kollege habe ihm neulich erzählt: Er habe das Gefühl, er arbeite für den Mülleimer. Die Hockeytrainer des Landes seien eigentlich alle alles andere als glücklich, seien zumeist in Kurzarbeit. Keine Wettkämpfe, kein Adrenalin. Der Hockeytrainer Nico Stankewitz, bekannt in der Szene und zwar nicht nur in Bremen, ist derzeit nicht in Kurzarbeit. Er arbeitet gar nicht, zumindest nicht im Sinne eines Arbeitsverhältnisses. Seit rund neun Monaten ist das so, seit Ausbruch der Pandemie quasi.

Ein Corona-Opfer? Das würde die Erzählung über ihn zu sehr auf eine Mitleids- oder Betroffenheitsschiene heben, da gehört sie nicht hin. Stankewitz ist so weit okay, er bezieht Arbeitslosengeld I, er sagt, dass er in guten Gesprächen mit Hockeyclubs sei. Er hofft, dass er im Frühjahr wieder als Hockeytrainer beschäftigt sein und bald einen Vertrag unterschreiben werde. Dass er sich im vergangenen Frühjahr vom Club zur Vahr trennte, hatte nichts mit der Pandemie zu tun. Die Trennung war zu einem Zeitpunkt auf den Weg gebracht, als Covid-19 noch weit davon entfernt war, die Welt zu unterdrücken. Nico Stankewitz – Mitte 50, zweites Standbein: Sportjournalismus – steht als Beispiel für diejenigen, für die die Krise mit C zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausbrach. In seinem Fall: zum Zeitpunkt von Jobsuche und Neuorientierung. Außerdem ist er ein Beispiel für das, was Corona so machen kann mit Leuten wie ihm.

Leute wie er, das kann man sich bildlich vielleicht so vorstellen: Sie fahren bevorzugt auf der Überholspur des Lebens. Zumindest in Bezug auf das berufliche Engagement. Immer was los, ständig im Thema, alles sehr dynamisch. Nico Stankewitz darf, nach Selbstauskunft, zu den – neudeutsch formuliert – 24/7-Typen dazugezählt werden. Wenn sie was machen, dann aber mit allem, was geht. Corona hat diesen Volldampf-Typen ausgebremst, und der gibt zu: „Die ersten Monate waren hart.“ Er sei sprichwörtlich wie der Tiger im Käfig unterwegs gewesen. Er musste erst mal runterkommen. Runterkommen, das war nicht seine Kernkompetenz.

Die Gespräche mit neuen Arbeitgebern verloren sich im Ungewissen. Drei konkretere Anfragen hätte er gehabt, erzählt er, das hätte sich dann aber schnell erledigt. Zumal er auch nicht mehr wie früher landesweit suchen wollte. Er suchte und sucht nach etwas, das noch in Pendler-Distanz zu Bremen liegt. Er hatte mit Mitte 50 nicht mehr noch mal weit wegziehen wollen.

Welcher norddeutsche Clubchef wollte aber im Frühjahr bei all den Ein- und Beschränkungen seinen Mitgliedern schon verkaufen, dass in diesen Zeiten des Verzichts ein neuer Cheftrainer eingestellt werde? Hockeyclubs tragen sich zunächst mal durch Mitgliedsbeiträge, nicht durch TV-Verträge und selten durch Großsponsoren. Als die Lage und die Möglichkeiten sich auch im Hockeysport verbesserten, verbesserten sich im Sommer auch Stankewitz' berufliche Aussichten. Ehe sich das Spielchen wiederholte. Es kam Lockdown Nummer zwei.

Welcher Verein wollte für den Winter schon einen ordentlich dotierten Cheftrainer einstellen? Hockey in der Halle? Um nicht zu fragen: Team- und Kontaktsport in einer Halle voller Aerosole? Die Zeit der Untätigkeit ging in die Verlängerung. Auch auf dem Markt für Sportjournalisten wurde eher gespart als gesucht. Es reize ihn weiterhin, in diesem Metier etwas zu machen, erzählt Nico Stankewitz. Aber, nun ja, der Markt ist, wie er ist. Und wie das alles werden soll mit den geplanten sportlichen Großereignissen für 2021, mit der Fußball-EM oder mit Olympia? Wer will das verlässlich voraussagen?

Dass durch den Stillstand aus dem Nico Stankewitz vor Corona ein ganz anderer Nico Stankewitz geworden ist, wäre wohl zu viel gesagt. Am liebsten wäre ihm natürlich die Rückkehr ins Volldampf-Engagement rund ums Hockeyfeld, sagt er. Er sagt aber auch, dass er jetzt besser schlafen würde. Dass er gelassener geworden sei. Entspannter. Eine neue Lebensqualität spüre. Vielleicht vergleichbar mit jener, die man bildlich mit dem Schritt raus aus dem Hamsterrad zu beschreiben versucht. Nico Stankewitz erzählt, dass er viel lese, inzwischen in der fünften Staffel einer marathonlangen TV-Serie angekommen sei – und ein Fernstudium Sportmanagement angefangen habe. Weil er das halt mal ausprobieren wollte.

Solch einen Tagesrhythmus wie jetzt habe er eben noch nie gehabt. „Ich habe ein paar Monate gebraucht“, sagt er, „um mich davon frei zu machen, dass ich mich immer um irgendwas kümmern muss.“ Wenn alles klappt und er im März, April wieder eine Hockey-Anstellung bekommt, dann wäre es eine Auszeit von ziemlich genau einem Jahr. Er nehme das inzwischen als erzwungenes Sabbatjahr wahr. Zeit für sich. Wobei er wirklich betonen möchte, dass er sich das freiwillig nicht ausgesucht hätte. Man muss ja auch sagen, dass die Freiheiten nicht denen eines herkömmlichen Sabbatjahres entsprechen. Herumzureisen wäre schon mal schwierig. Wie so vieles derzeit.

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Anders als in einigen anderen Sportarten ruht der Spielbetrieb im Hockey. Von der Bundesliga abwärts bis hinunter in die unteren Ligen der Landesverbände ist nach Auskunft des Bremer Hockey-Verbandes die Hallensaison für diesen Winter überall corona-bedingt gestrichen worden. Die Spiele der Feldsaison, in Folge des Lockdowns im Frühjahr 2020 inzwischen als Saison 2019/2021 umorganisiert, sollen, so ist zumindest der Plan, ab Ende März fortgesetzt werden.

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