56. Bremer Sixdays

Nils Politt liebt die „Hölle des Nordens“

Der 25-Jährige, für den Sechstagerennen eine willkommene Abwechslung von seinem Hauptberuf als Straßenfahrer sind, ist 2019 in der Weltspitze angekommen. Der Klassiker Paris-Roubaix ist sein Lieblingsrennen.
10.01.2020, 22:04
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Nils Politt liebt die „Hölle des Nordens“
Von Jörg Niemeyer
Nils Politt liebt die „Hölle des Nordens“

Weltspitze als Straßenfahrer, auf der Bahn wie jetzt in Bremen aber nur noch selten unterwegs: der Kölner Nils Politt.

Frank Thomas Koch

Wie er so dasteht mit seiner hochgestellten Rennmaschine, wirkt der Mitfavorit der Bremer Sixdays wie der nette junge Mann von nebenan und nicht wie ein Kerl, der bereit ist, durch die Hölle zu fahren. Nils Politt sagt das nicht nur, er hat das auch schon häufiger getan. Er liebt sie geradezu, die „Hölle des Nordens“. Seit etwa 100 Jahren wird der Radsportklassiker Paris-Roubaix umgangssprachlich so genannt, weil das seit 1896 ausgetragene Eintagesrennen nach dem Ersten Weltkrieg durch ein zerstörtes Nordfrankreich führte.

Höllisch zu fahren sind die etwa 250 Kilometer auch im 21. Jahrhundert noch, weil die Straßen auf gut 50 Kilometern Länge aus Kopfsteinpflaster bestehen. Was ist das für ein 25-Jähriger, für den die äußeren Bedingungen gar nicht schlimm genug sein können? „Ich liebe brutal harte Rennen, in denen zum Schluss am besten jeder auf dem Zahnfleisch kriecht“, sagt Politt, „das sind meine Rennen – am liebsten noch ein bisschen Regen und Kälte dazu.“ Er komme mit Rennen, in denen andere eher leiden würden, eben gut klar.

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Wer dieser Nils Politt ist, wie er tickt, lässt sich vielleicht aus seiner Premiere bei diesem Klassiker ableiten: 2015, damals noch in der U 23 fahrend, stürzte der Kölner bei Paris-Roubaix auf regennasser Strecke gleich fünfmal. „Beim fünften Mal bin ich liegengeblieben“, erzählt er lachend, „dann hat mich mein Vater aufgesammelt.“ Vater Politt hatte im Begleitfahrzeug gesessen und den Sohn mit einem „Und, Junge?“ vorsichtig nach dem Befinden gefragt. Die Antwort: „Papa, auch wenn ich gerade fünfmal auf der Fresse gelegen habe und jetzt Schmerzen habe: Ich glaube, das Rennen ist echt geil.“

Bei Paris-Roubaix musst du im Kopf voll da sein

Ein Jahr später hatte Politt junior seinen ersten Profivertrag in der Tasche. Und stieg diesmal bei Paris-Roubaix ohne Sturz aus. „Ich war im Kopf nicht da. Aber bei Paris-Roubaix musst du im Kopf voll da sein. Das war ich nicht.“ Im Gegensatz zu 2017: Da bot sich ganz plötzlich für Nils Politt die große Chance. Der Kapitän seines Katusha Alpecin, der Norweger Alexander Kristoff, war in einer Kurve geradeaus gefahren, sodass der Sportliche Leiter nun den Kölner als letzten aussichtsreichen Fahrer des Teams aufforderte, seine erste Top-30-Platzierung zu erkämpfen. Der junge Deutsche nutzte die Chance, fuhr auf Rang 27. 2018 wurde er Siebter, im Vorjahr Zweiter. Zuvor war Politt bei der Flandern-­Rundfahrt, einem anderen Klassiker, Fünfter geworden. Spätestens 2019 war Nils Politt endgültig in der Weltklasse angekommen.

So werde es aber vermutlich nicht weitergehen. „Nach Roubaix haben die Favoriten in anderen Rennen mehr auf mich geachtet, wenn ich meinen Popo gehoben habe“, sagt Politt. Es werde sehr schwer, diese „für mich saugute Klassiker-Saison“ zu toppen. Zumal der 1,92-Meter-Hüne die Tour de France als 64. beendete und mit der deutschen Mixed-Staffel am Saisonende auch noch Vizeweltmeister wurde. Die letztjährige Tour de France, seine bisher dritte, wird Nils Politt mit Sicherheit bis zum Lebensende in Erinnerung bleiben. Denn diese Tour bestand für ihn aus zwei Touren: aus der Tour vor der 13. Etappe am 19. Juli, dem Einzelzeitfahren in Pau, und den Etappen danach. An jenem 19. Juli kam nämlich seine Tochter Lilly zur Welt. Noch ein besonderes Ereignis, das 2019 für Nils Politt zu einem wundervollen Jahr machte.

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„Wenn du wieder nach Hause kommst, bist du Vater“, hatte seine Frau Annike ihrem Mann mit auf den Weg nach Frankreich gegeben. Lange habe er mit sich gerungen, ob er die Tour überhaupt fahren sollte, sagt er. Weil er bei der Geburt dabei sein wollte. Nun konnte er es physisch nicht, dafür quälte ihn in Frankreich seine Psyche umso heftiger. Alle Gedanken kreisten um die Ehefrau und das ungeborene Kind. „Bis dahin war ich gar nicht bei der Tour“, sagt Politt. In den letzten acht Etappen der Tour war der Kölner dann sechsmal in der Spitzengruppe zu finden.

Vom Familienvater zum Teufelskerl

„Als ich wusste, dass Frau und Kind gesund sind, war ich ein komplett anderer Fahrer.“ Einer, der plötzlich so befreit im Sattel saß, dass er auf der 18. Etappe während der Abfahrt vom Col de Vars mit der Wahnsinnsgeschwindigkeit von 101,5 Stundenkilometern den Berg hinunterraste. Der sich eben noch sorgende Familienvater war wieder als Teufelskerl unterwegs und zeigte der Konkurrenz, was in ihm steckt. Was geht, wenn der Kopf mitspielt.

Wer Nils Politt erlebt, wer mit ihm spricht und wer ihn als Radprofi fahren sieht, der erkennt: Der 25-Jährige ist der nette, fröhliche junge Mann von nebenan und zugleich der Teufel, der die Hölle liebt. Beruf und Privatleben sind zwei unterschiedliche Welten mit zwei unterschiedlichen Typen von Nils Politt. „Wer soll mich in den Rennen denn noch abhängen“, sagt er ebenso nett wie selbstbewusst. Und man ahnt: Da spricht auch der Teufel in ihm. Irgendwie ein netter Teufel.

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