Leichtathletik Nytras schmaler Grat mit Hürden

Bremen. Nach dem gelungenen Saisonstart hofft Hürdensprinterin Carolin Nytra jetzt darauf, keine weiteren Cortison-Spritzen mehr zu benötigen. Bei ihrem ihrem Einstieg in die Freiluftsaison war Nytra in Bremen auf Anhieb unter der EM-Normzeit geblieben.
30.05.2010, 19:45
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Nytras schmaler Grat mit Hürden
Von Olaf Dorow

Bremen. Ein Arzt in Amerika sagte ihr, High Heels wären gut. High Heels würden die Achillessehne entlasten. Carolin Nytra stand vorm Schuhregal und rang mit sich. Dann nahm sie die hochhackigen Schuhe doch nicht. In High Heels zum Training staksen? Geht irgendwie nicht. 'Würde tussihaft aussehen', dachte sie sich.

Aber sie musste immer wieder an die hohen Schuhe denken. Wegen der Sehne. Die Sehne ist in ihrem Kopf, immerzu. Sie ist eine Hürdenläuferin, Bremens beste. Deutschlands beste, sie will im Juli bei der Europameisterschaft in Barcelona um eine Medaille laufen. Sie braucht eine Achillessehne ohne Schmerzen. Sie geht eine Treppe hoch und fühlt, ob der Schmerz da ist. Sie geht nachts auf Toilette und überprüft den Schmerz. Sie steht in der Stadt vorm Schaufenster und denkt über achillessehnen-freundliche Hackenschuhe nach. Seit vier Monaten geht das so. Die blöde Sehne hat ihr Leben erobert.

Gut, das ist ein bisschen übertrieben. Es waren nur drei Monate und zweieinhalb Wochen. Seit zwölf Tagen hat Carolin Nytra keine Schmerzen im Fuß. Sie vermutet, dass sie deswegen Glückshormone produziert, die sie ohne diesen fiesen Dauerschmerz im Leben nicht produziert hätte. Am Sonnabend ist sie auf Platz 11 so schnell in eine Saison gestartet wie noch nie, sie brauchte nur 12,91 Sekunden für 100 Meter Hürden (wir berichteten). Als ihr Trainer Jens Ellrott die Zeit sah, jubelte er wie... wie ein Trainer, der sich monatelang gegen die Verzweiflung gewehrt hatte.

Fliegende Spikes

Spikes waren in die Ecke geflogen, vielleicht waren sie sogar in seine Richtung geflogen. Einmal habe ihm seine Athletin gesagt, dass sie keinen Bock mehr habe. Carolin Nytra hatte Tag für Tag gegen diesen hinterhältigen Schmerz antrainiert, und manchmal war ihr großes Ziel, die Medaille in Barcelona, weiter weg als der Mars. Die Ärzte sagten, die Sehne könne nicht kaputt gehen, es sei nur das Gewebe drumherum. Ja, und? 'Nur' das Gewebe! 'Wir sind von Herodes zu Pilatus gerannt', sagt Ellrott.

Erst vorletzte Woche schaffte eine Cortison-Spritze in den Rücken den Durchbruch. Es gibt, vereinfacht gesagt, einen Zusammenhang zwischen Achillessehne und Rücken-Nerv. Man spritzte so viel Cortison in einen Nerv von Carolin Nytra, dass sie das bei der NADA, der Anti-Doping-Agentur anmelden musste. Sonst wäre sie ein Dopingfall geworden.

'Ich weiß', sagt sie betont, wenn das Gespräch auf hochdosierte Cortison-Spritzen kommt. Sie muss dann mit dem Reporter darüber reden, wie weit sie gehen würde, um Spitzensport betreiben zu können. Cortison ist nicht gut. Sie will gesund aus dem Spitzensport herausgehen, sie will später mit ihren Kindern im Garten herumrennen, sagt sie. Ihre Physiotherapeutin hat ihr einmal gesagt, sie würde sie nicht mehr behandeln, wenn sie Cortison nehmen würde.

Aber es war nur der Nerv, 'nur', nicht ein Knochen, für den Cortison wesentlich schädlicher wäre. Der Arzt nahm ihr die Sorge, die Therapeutin behandelt sie noch. Sie hofft jetzt, dass sie keine weiteren Spritzen braucht. Von dem Zeug darf sie nur maximal sechs Injektionen in maximal sechs Wochen bekommen.

Es ist der schmale Grat, auf dem sich viele Spitzensportler bewegen. Sie schinden ihren Körper durchs Training, sie muten ihm heftige medizinische Eingriffe zu. 'So ist das im Spitzensport', gibt Sebastian Bayer zu, 'wahrscheinlich haben nur Schachspieler dieses Problem nicht.' Er ist Deutschlands bester Weitspringer und Nytras Lebensgefährte. Er war gerade monatelang verletzt und trainiert seit drei Tagen erst wieder voll.

Carolin Nytra war in der Hallensaison eine überaus tolle Zeit gerannt - und wurde für den Verband DLV eine gute Werbeträgerin. Jung, hübsch, schnell. Die Hallen-WM in Doha ließ sie, sehr zum Bedauern des Verbandes, sausen. Sie wollte die Sehne schonen und kurieren. Sie fuhr mit Ellrott ins DLV-Trainingslager nach Orlando, USA. 'Und du fährst nicht nach Florida um dir Disney World anzugucken', sagt Ellrott. In Florida wurde die Sehne das Thema. Spikes flogen. Die Wade und der Beuger fingen auch noch an, wehzutun. Tja, wegen der Ausweichbewegungen, sagten die Physios. Viele Hürdenläufer haben das Problem. Schon vor drei Jahren hatte die einstige EM-Zweite Kirsten Bolm sie vorgewarnt: Sie könne sich auf nette Schmerzen gefasst machen.

Die Mutter weiß Bescheid

Zwei Wochen nach Orlando, USA, kam Anfang Mai Ayamonte, Spanien. Ganz okay trainiert, aber dann kam der letzte Tag in Ayamonte. Sie sollte noch ein paar Mal 100 Meter flach laufen, in jeweils 15 Sekunden. Das ist mittelschnell, aber eigentlich recht locker für eine Athletin wie sie. Die Sehne meldete sich, und zwar sehr. 15 Sekunden wurden zu einem Problem. Die Spikes flogen nur deswegen nicht, weil sie Turnschuhe anhatte. Der EM-Traum? Wieder unterwegs zum Mars.

Der Trainer versuchte, ihr Mut zu machen. Jens Ellrott konnte ihr ja schlecht die eigene Ratlosigkeit vermitteln. Die Ärzte hätten doch versichert, dass die Sehne selbst okay wäre, sagte er. Ihr Freund half, wie er helfen konnte. Wenn es ging, kam er mit zum Arzt und hielt die Hand bei Spritzen in den Fuß. Beschwerden an der Achillessehne sind nicht nett, die Behandlung dieser Beschwerden sind es auch nicht.

Carolin Nytra verlangt sehr viel von sich, von ihrem Körper. Sie will es schaffen und jetzt hat sie es schon mal geschafft, den Traum zurückzuholen vom Mars. Sie wird um die 12,70 laufen müssen in Barcelona, aber wer mit 12,91 einsteigt, der kann damit liebäugeln. Sie wird wieder kämpfen, wenn der Schmerz zurück kommt. Sie ist eine Kämpferin. Ihre Mutter weiß das. Ihre Mutter sagt: 'Wenn Caro sagt, dass das weh tut, dann tut es wirklich weh.'

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+