Werder-Leichtathlet Said Gilani Der afghanische Botschafter

Im Sport wie im Beruf – der Werder-Leichtathlet Said Gilani hat ein volles Programm und hohe Ziele. Er will für Afghanistan bei Olympia laufen, obwohl er in Deutschland gerade eine Prüfung nach der anderen hat.
16.07.2020, 21:50
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Der afghanische Botschafter
Von Olaf Dorow

Als die Olympia-Absage kam, als die Spiele von Tokio um ein Jahr verschoben wurden, da ging es Said Gilani wie so vielen Athleten. Es ging ihm nicht gut. Er war schon nominiert, er hatte seinen Startplatz. Seinen Olympiatraum. Womöglich werden dann viele Sportler die niederschmetternde Nachricht so verarbeitet haben wie der junge Mann aus Sellstedt bei Bremerhaven. Auf jeden Fall hat er nicht zu denjenigen gehört, die sich runterziehen ließen. Um es mal mit etwas Übertreibung und sehr pathetisch zu sagen: Said Gilani, 24 Jahre alt und Leichtathlet beim SV Werder, ist so etwas wie ein fleischgewordenes Lebensmotto. Weitermachen, stark bleiben, sich Ziele setzen. Wie ein Chip scheint das fest in seinem Kopf zu sitzen. Und wohl mehr als zufällig ist es so, dass diese Schlagworte regelmäßig auftauchen, wenn man sich mit ihm unterhält.

Dann eben Tokio 2021. Und die WM in Eugene, Oregon. Jetzt 2022 statt 2021. Dafür trainiert Said Gilani, dafür will er sich nun wieder neu qualifizieren. Afghanistan, das Land seiner Eltern, hat eine Wildcard für den 100-Meter-Lauf, aber es ist nicht so, dass automatisch er die bekommt. Er wurde in Deutschland geboren, er hat seit gut zehn Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft, aber er hatte halt schon immer die afghanische. Seine Mutter sei schwanger mit ihm gewesen, als die Eltern zusammen mit seiner damals zweijährigen Schwester weg sind aus ihrem Dorf in der Nähe Kabuls. Weg mussten, wie Said Gilani erzählt. Sie hätten ihr Hab und Gut verkauft und seien geflüchtet. Erst vor den Mudschaheddin, dann vor den Taliban.

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Sie landeten schließlich in Norddeutschland. Gut zwei Jahrzehnte später wurde Said Gilani norddeutscher Meister im Zehnkampf. Und trat ein in den Kreis der internationalen Leichtathletik. War der afghanische Starter bei der WM 2017 in London und der 2019 in Doha. Internationale Medien stürzten sich auf ihn und seine Story. Er erzählte allen, wie viel er seinen Eltern zu verdanken habe, wie stolz er sei, sein Land zu vertreten. Er wurde eine Art Afghanistan-Botschafter. In Afghanistan kennen und bewundern ihn inzwischen viele, und in der Welt draußen wird mit Berichten über seinen Sport mal eine andere Story erzählt als die von Terror, Tod und Taliban. Wenn er in Kabul ist, was bislang viermal der Fall , aber zuletzt zu gefährlich war, dann trainiert er dort im Ghazi-Stadion. Auf der Straße wird er bisweilen angesprochen.

Die Sport-Story ist eigentlich kaum die halbe Story über diesen Said Gilani. Er hat es im Sport, rein leistungsmäßig betrachtet, längst nicht so weit gebracht wie sein Großvater mütterlicherseits, der in der Ukraine lebt und einst im Zehnkampf die stets als magisch bezeichnete Marke von 8000 Punkten übertroffen haben soll. Gilani wird mit 6300 Punkten in den Bestenlisten geführt. 100 Meter: 11,13 Sekunden. Das Bemerkenswerte an diesen Resultaten ist eher, dass sie quasi obendrauf kommen auf ein volles Programm. Said Gilani, der beim SV Werder von Trainer Andriy Wornat betreut wird, arbeitet in einem Edeka-Center in Bremerhaven. Wenn er Frühschicht hat, muss er gegen halb fünf aufstehen. Wenn er nicht bei Edeka arbeitet, lernt er. Er macht seinen Bachelor zum Integrierten Handelsfachwirt. Anderthalb Jahre Ausbildung, anderthalb Jahre Studium. Derzeit ist er in der Ausbildung, sie findet sieben Zugstunden entfernt von Sellstedt in Neuwied bei Koblenz statt. Immer wochenweise, insgesamt achtmal. Es gibt 14 Prüfungen. Buchhaltung, Personalentwicklung, Warenannahme, Controlling, Marketing. „Man ist ständig im Prüfungsstress“, sagt Said Gilani. Im Juni hätten sie an fünf Tagen sechs Prüfungen nachgeholt.

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Er ist der Typ, der das klaglos auf sich nimmt. Vielleicht darf man sogar sagen: gerne auf sich nimmt. Er ist einer, der vorankommen will im Leben. Nach dem Bachelor überlegt er den Master draufzusetzen, der dann Handelsbetriebswirt heißen und erneut lange Zugfahrten nach Neuwied bedeuten würde. Gilani hätte dann das Rüstzeug, um weiter oben zu landen in der Arbeitswelt. Als Filialleiter oder in der Zentrale. Er hat ein Stipendium bekommen von der Deutschlandstiftung. Das Programm „Geh Deinen Weg“ (GDW) wurde 2012 ins Leben gerufen. „als eines der wichtigsten Förderprogramme für begabte junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, wie es auf der Homepage heißt.

Said Gilani könnte als Prototyp für die GDW-Werbung durchgehen. Alles auf sich nehmen, alles ausprobieren – vielleicht kommt ihm dabei sein Vielfältigkeits-Gen zugute, das er vielleicht vom Zehnkampf-Opa hat. Er war Fußballer, Rettungsschwimmer und Boxer, er ist viel herumgelaufen als Kind. Heute zählt er zu den wenigen Zehnkämpfern, für die die abschließenden 1500 Meter kein Graus sind. Mit einer Zeit um die 4:30 Minuten würde er da so manchem Weltklasse-Mehrkämpfer weglaufen – und hat damit auch wenigstens eine Disziplin, in der er besser ist, als Opa je war.

Drei- bis viermal die Woche, mehr schafft er derzeit partout nicht zu trainieren, eher weniger. Aber er will das durchziehen, er will in Form bleiben, um für sein Afghanistan starten zu dürfen. Und für sich selbst, na klar. Die Eindrücke vor allem von der WM 2017 in London wird er wohl nie mehr vergessen. 65 000 im Stadion, beste Leichtathletik-Stimmung. „Es war so irre laut, ich konnte den ganzen Abend nichts mehr hören“, erzählt er. Für ein, zwei Stunden habe er dort mal gemeinsam mit Supersprinter Usain Bolt trainiert. Und dann habe er 2019, bei der WM in Doha, sein Idol getroffen. „Ich habe mich getraut und ihn angesprochen“, sagt Said Gilani. Es handelte sich um einen Mann, der in der Königsdisziplin der Leichtathleten ungefähr das darstellt, was Said Gilani in diesem GDW-Programm verkörpert: etwas sehr Gelungenes. Ashton Eaton hatte zweimal bei Olympia sowie zweimal bei der WM gewonnen und mehr als 9000 Punkte geschafft. Die beiden haben dann noch ein Selfie gemacht.

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Zur Sache

Bislang zwei afghanische Olympiamedaillen

Cricket und Taekwondo, sagt der Werder-Leichtathlet Said Gilani, seien in Afghanistan die beliebtesten Sportarten. Bei Olympischen Spielen hat es für das Land sogar schon zweimal eine Medaille im Taekowondo gegeben. 2008 und 2012 war das, jeweils eine Bronzemedaille im Fliegengewicht sprang heraus. In der olympischen Kernsportart Leichtathletik sind seit 1936 laut Wikipedia bislang insgesamt 17 Athleten aus Afghanistan angetreten, zuletzt 2016 in Rio über 100 Meter per Wildcard die Sprinter Kamia Yousufi (Frauen) und Abdul Wahab Zahiri (Männer). Zahiri schaffte dabei eine Zeit 11,56 Sekunden. Die Bestzeit von Said Gilani, der für die wegen Corona auf 2021 verschobenen Spiele in Tokio nominiert war, liegt bei 11,13 Sekunden. Für die Olympia-Ausgabe 2021 muss er sich wieder neu qualifizieren.

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