German Open im Tischtennis Patrick Franziska überzeugt, Ma Long überragt

Franziska zeigte in Bremen auch im Halbfinale beim 2:4 gegen Xu Xin eine starke Leistung. Das chinesische Duell im Endspiel wurde dann zu einer klaren 4:1-Angelegenheit für den Weltmeister Ma Long.
25.03.2018, 20:29
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Patrick Franziska überzeugt, Ma Long überragt
Von Jörg Niemeyer

Patrick Franziska hat sich bei den German Open im Tischtennis in die Herzen der Bremer gespielt. Knapp 5000 Zuschauer feierten den 25-Jährigen, der am vergangenen Dienstag als Qualifikant in die ÖVB-Arena gekommen war und am Sonntag, dem letzten Tag dieses Weltklasse-Turniers, auf dem Sprung ins Finale stand. Franziska, die Nummer 30 der März-Weltrangliste, hielt im Halbfinale gegen die Nummer fünf, den Chinesen Xu Xin, hervorragend mit, ehe er sich mit 2:4 (11:8, 6:11, 8:11, 11:8, 5:11, 7:11) geschlagen gab. Applaudierend bedankte er sich anschließend beim Publikum, tausendfacher Beifall prasselte auf ihn zurück.

Möglicherweise hatte der Deutsche sogar seinen Anteil am Ausgang dieses Platinum-Turniers der World-Tour-Serie. Xu jedenfalls hatte im Endspiel gegen seinen Landsmann Ma Long beim 1:4 (9:11, 11:9, 9:11, 9:11, 6:11) keine Siegchance – vielleicht hatte ihn die Partie gut zwei Stunden zuvor gegen Franziska einfach zu viel Kraft gekostet. Dass der Erfolg von Ma Long am Ende hoch verdient war, stand aber außer Zweifel: Der amtierende Weltmeister, nach einer verletzungsbedingten Pause im März nur die Nummer neun der Welt, war der überragende Akteur der Titelkämpfe.

Ma Long – die wahre Nummer eins

„Für mich ist er der beste Spieler der Welt“, hatte Timo Boll schon nach seinem Viertelfinal-Aus am späten Sonnabend gegen Ma Long gesagt. Die Art, wie der 29-jährige Chinese den Weltranglisten-Ersten Boll und alle anderen Gegner beherrschte, war schlicht beeindruckend. Wenn ein Chinese keine Angst vor den aufstrebenden Deutschen haben muss, ist es Ma Long. Gleichwohl: Timo Boll war gegen ihn beim 1:4 keineswegs chancenlos, vergab aber zweimal, beim 9:4 im vierten und beim 10:5 im fünften Satz, komfortable Vorsprünge. Bei genauer Betrachtung eine Tatsache, die weniger gegen den Deutschen als viel mehr für den Asiaten sprach.

Die Deutschen waren mit Boll als Nummer eins und Dimitrij Ovtcharov als Nummer drei der Welt ins Turnier gegangen und werden auch bei der Team-WM Ende April in Schweden als Nummer eins vor China starten. Seit Sonntag ist klar, dass die Weltrangliste nur eine Statistik ist und die Wahrheit am Tisch ermittelt wird. Zwei Chinesen hatten für die German Open gemeldet, und beide erreichten das Finale. Xu Xin agierte zwar keinesfalls so souverän wie Ma Long, aber Xu konnte noch jede Schwächephase in seinen Partien wettmachen.

Ein Leidtragender dieser Stärke von Xu war Patrick Franziska. „Ich hab‘ ihm Paroli geboten“, sagte der 25-Jährige kurz nach dem 2:4 via Hallenmikrofon. Dafür erntete er noch einmal donnernden Applaus. Erkennbar war aber auch: Wer während des Duells mit einem Top-Chinesen nicht kontinuierlich seine Bestleistung abrufen kann, gewinnt auch nicht. Leichtfüßig und mit unglaublich viel Druck bringen Xu und Ma Long nahezu jeden Ball zurück auf den Tisch. „Das bin ich noch nicht gewohnt“, sagte Franziska. So sah er den Hauptgrund für seine Niederlage auch in den langen Ballwechseln, den sogenannten Rallyes, die fast durchweg Xu für sich entschied. Wenn jedoch Franziska über seinen Aufschlag/Rückschlag Druck erzeugen konnte, punktete meistens er – insgesamt eben nur ein paar Mal zu selten.

Bundestrainer Jörg Roßkopf attestierte Xu und Franziska „ein hochklassiges Spiel vom ersten bis zum letzten Ballwechsel“. Als der Deutsche wenig später in der Medien-Mixedzone dann selbst über seine letzte Partie sprach, war seine anfängliche Enttäuschung schon verflogen. „Die sechs Tage hier waren sehr intensiv“, sagte er, „ich habe viel Spaß gehabt und viel Selbstvertrauen gewonnen.“ Er genoss das für ihn neue Gefühl, in einem Turnier der letzte Europäer neben drei Asiaten zu sein. Er genoss die Aufmerksamkeit, die bei den German Open im eigenen Land am Sonntag allein ihm galt. Und er freute sich über die großartige Unterstützung der Zuschauer, die eigentlich Boll und Ovtcharov da erwartet hatten, wo Franziska jetzt stand.

Bremen ein gutes Pflaster

Die Bilanz nach sechs Tagen German Open in Bremen fiel rundum positiv aus. Der deutsche Präsident des Weltverbands ITTF, Thomas Weikert, und der Präsident des deutschen Verbands DTTB, Michael Geiger, attestierten der Stadt und den Gastgebern in der ÖVB-Arena mit dem neuen Chef Andreas Adolph an der Spitze hervorragende Arbeit. Die Veranstalter hatten mehr als 13 000 Zuschauer gezählt – so viele wie nie zuvor bei den bisherigen acht Bremer Großveranstaltungen im Tischtennis. Bremens Verbandschef Tobias Genz freute sich über die Strahlkraft des Turniers.

DTTB-Sportdirektor Richard Prause zog ein auch in sportlicher Hinsicht positives Fazit. Von den deutschen Damen, die mit dem Turnierausgang nichts zu tun hatten, befänden sich Petrissa Solja und Sabine Winter auf dem Weg nach oben. Und die Herren, so hob Prause hervor, wären als sehr starkes Team aufgetreten. Boll finde nach seiner Pause allmählich zu alter Form zurück, Franziska hätte für das herausragende Ergebnis gesorgt. Prause schreibt selbst den verletzten Ovtcharov („Unser Sorgenkind“) für die WM noch nicht ab. Da ihn auch Ruwen Filus, Kilian Ort, Benedikt Duda, Ricardo Walther und Werders Bastian Steger überzeugt hätten, ist Prause vor der WM nicht bange.

In zwei Wochen will Bundestrainer Jörg Roßkopf den Kader für Halmstad (29. April bis 6. Mai) benennen. Boll und Ovtcharov, sofern er fit ist, sind gesetzt. Nach den German Open in Bremen sollte eigentlich auch Patrick Franziska einen Platz sicher haben.

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