Sport in Zeiten von Corona

Psychologe Peter Hahl: „Joggen ist der perfekte Ausbruch“

Sport ist in Zeiten von Corona kaum noch möglich. Doch Joggen ist weiterhin erlaubt. Im Interview erklärt Psychologe Peter Hahl, warum man das nutzen sollte und weshalb Laufen dem Kopf in der Krise hilft.
27.03.2020, 19:20
Lesedauer: 4 Min
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Psychologe Peter Hahl: „Joggen ist der perfekte Ausbruch“
Von Nico Schnurr
Psychologe Peter Hahl: „Joggen ist der perfekte Ausbruch“

„Laufen hilft gegen das Isolationsgefühl, das sich im Homeoffice einstellen kann“, sagt Peter Hahl. Der Bremer ­Psychologe meint: „Laufen hilft uns, mit unseren Ängsten umzugehen.“

Paul Zinken/dpa

Herr Hahl, kennen Sie das Motto des Bremer Marathons?

Peter Hahl: Ich bin meinen ersten Marathon in Bremen gelaufen, natürlich kenne ich das Motto. Es heißt: „Nix geht, alles läuft“.

Das beschreibt die aktuelle Situation ganz gut, oder?

Sie meinen, dass in Zeiten von Corona plötzlich besonders viele Bremer joggen würden?

Den Eindruck kann man gewinnen.

Ich sehe nicht viel mehr Läufer als sonst auf den Straßen. Ich finde, es sollten noch mehr werden.

Wieso das?

Joggen drängt sich neben Radfahren in der Corona-Krise einfach auf.

Laufen ist als Sport gerade alternativlos?

Im Grunde schon. Extrem vielen Freizeitsportlern bricht gerade ihr Hobby weg, weil die Sportplätze geschlossen sind und man sich nicht in Gruppen aufhalten darf. Ihnen fehlt ein Ausgleich zum neuen Alltag, eine Herausforderung, bei der sie etwas für sich tun können und kleine Erfolgserlebnisse verbuchen. Sie alle sollten jetzt Laufen gehen.

Warum Laufen?

Joggen kann man wunderbar allein. Der Sport macht es einem relativ leicht, den erforderlichen Abstand zu anderen einzuhalten. Laufen stärkt das Immunsystem und, fast noch wichtiger, es hilft unserem Kopf, mit der Coronakrise und allem, was dazu gehört, fertig zu werden. Wenn wir für ein paar Kilometer zum Joggen rausgehen, fällt es uns leichter, den Rest des Tages drinnen in den eigenen vier Wänden zu verbringen.

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Joggen gegen den Lagerkoller?

Klar. Auch in Bremen arbeiten gerade viele Menschen von zu Hause, natürlich wirkt sich das auf unsere Psyche aus. Das Arbeiten im Homeoffice verändert den Alltag. Es erscheint vielleicht unbedeutend, aber ­allein, dass der Weg zur Arbeit wegfällt, macht etwas aus. Dem Gehirn fehlt die Herausforderung, sich mit dem auseinanderzusetzen, was vor der Haustür passiert.

Was ist die Folge?

Das Gehirn funktioniert wie ein Muskel, wir trainieren es, indem wir uns neuen Reizen aussetzen. Wenn wir uns nur noch zwischen dem Schreibtisch im Homeoffice und der Couch im Wohnzimmer hin und her bewegen, dann verkümmert sozusagen ein Teil unseres Gehirns. Es fehlen die Erfolgserlebnisse, ohne sie wird weniger Dopamin im Gehirn ausgeschüttet, wir erleben unseren Alltag deutlich grauer und eintöniger.

Joggen kann das verhindern?

Laufen hilft gegen das Isolationsgefühl, das sich im Homeoffice einstellen kann. Joggen ist eine gedankliche Herausforderung für Kopf und Körper, die immer belohnt wird. Wir gehen raus und nehmen die Bäume wahr, die Luft, den Boden. Wir erleben die Umwelt und lenken unsere Aufmerksamkeit auf die äußeren Einflüsse. Das regt unser Gehirn an und beschäftigt uns. Gerade in der Krise ist das wichtig.

Erklären Sie mal, warum.

Die Kanzlerin hat in ihrer Fernsehansprache an den Menschenverstand der Bürger appelliert. Das ist natürlich richtig. Psychologisch muss man aber sagen: Die Einsicht hat bei uns Menschen nicht besonders viel zu sagen, erst recht nicht in so einer Krise. Ein kleiner Vergleich: Das Zwischenhirn und das Stammhirn muss man sich so groß wie einen Ozean vorstellen. Das Großhirn, wo die Einsicht sitzt, ist im Vergleich so klein wie ein Schiff auf diesem Ozean. Gefühle wie Trauer und Angst werden vor allem in Zwischenhirn- und Stammhirnprozessen erzeugt. Das Verarbeiten der aktuellen Situation findet also dort statt. Wir haben es beim Coronavirus schließlich mit einer Krise im doppelten Sinne zu tun. Wir erleben nicht nur eine medizinische Krise, sondern auch eine psychologische.

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Was heißt das?

Viele von uns leben gerade mit Ängsten und müssen Unsicherheiten aushalten. Was gerade passiert, haben wir als Gesellschaft noch nicht erlebt. Da stehen große Fragen im Raum: Bleiben Freunde und Familie gesund? Komme ich in Kurzarbeit? Wie zahle ich meine Rechnungen, wenn meine Arbeit vielleicht über Monate wegbricht?

Sie wollen nun aber nicht behaupten, dass Laufen die Antwort auf diese Fragen ist?

Nein, nicht unbedingt. Aber Joggen ist der perfekte Ausbruch. Laufen hilft uns, mit unseren Ängsten umzugehen. Wenn wir länger laufen, kommen wir irgendwann in einen Zustand der Trance. Wir achten auf die Strecke, auf unser Tempo, auf unsere Atmung, und irgendwann verflüchtigen sich die Gedanken. Wir können auf Dauer nicht beides: Ans Laufen denken und Angst haben. Laufen bedeutet Selbststeuerung, wir lenken unsere Aufmerksamkeit weg von den Ängsten, die uns den Tag über im Homeoffice beschäftigt haben. Joggen hilft, der Krise gedanklich kurz zu ent­fliehen.

Eine Lösung der Probleme ist das aber auch noch nicht.

Es hilft jedenfalls nicht, den ganzen Tag auf den Fernseher oder auf den Liveticker auf dem Smartphone zu starren und zu denken: O Gott, o Gott! Laufen ist dagegen ein Anfang.

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Für was?

Beim Laufen bietet sich Raum zum Nachdenken. Wenn man rausgeht, wechselt die Perspektive. Das Homeoffice ist kein kreativer Ort, nicht mehr, nachdem wir dort Tage verbracht haben. Auf neue Ideen kommen wir beim Joggen.

Warum glauben Sie das?

Laufen löst Denkblockaden. Es bringt uns in eine Art Trance-Zustand, wir schweifen ab, lassen das Homeoffice und die Krise gedanklich hinter uns. Die Lösungen und Ideen kommen dann von ganz allein, unterwegs, wenn man sich keine Gedanken mehr macht.

Von einer strikten Ausgangssperre, die auch das Joggen verbietet, halten Sie also nichts?

Auf keinen Fall. Die psychologischen Folgen einer Ausgangssperre, bei der nur noch das Einkaufen erlaubt ist, wären nicht zu unterschätzen. Natürlich ist es wichtig, jetzt diszipliniert zu sein und sich an die Regeln zu halten, damit wir diese Krise gemeinsam meistern. Damit uns das gelingt, brauchen wir aber wenigstens etwas Bewegung. Das steckt einfach in uns Menschen drin.

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Die Leute also laufen lassen?

Unbedingt. Laufen dürfte in dieser Krise für viele zu einem Ritual werden, zu einer Insel in diesem merkwürdigen Alltag. Vielleicht ist es nur eine halbe Stunde am Tag, aber die bedeutet: Ich nehme mir Zeit für mich, laufe meine Kilometer, schalte ab. Das brauchen wir. Deswegen hoffe ich, dass noch viel mehr Bremer Joggen gehen.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um anzufangen?

Es hat wahrscheinlich selten einen besseren Moment dafür gegeben. Die Flugzeuge bleiben am Boden, es fahren kaum Autos. So eine frische Luft wie gerade haben Läufer selten. Das sollte man nutzen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Peter Hahl (61)

ist Diplom-Psychologe. Der Therapeut betreibt eine Praxis in der Bremer Überseestadt. Er ist auch als Coach für Führungskräfte in Unternehmen tätig. Hahl ist ausgebildeter Sportmentaltrainer. Er hat neben Psychologie unter anderem auch Sport studiert.

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