Radsport

Guter Einstand der Spätstarterin Carolin Schiff

Die Bremerin hat ihr Debüt als Profiradsportlerin gefeiert. Der Auftakt hatte es mit gleich drei Klassikern in sich. Doch die 35-Jährige holte für ihr Team die besten Platzierungen.
06.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Stefan Freye
Guter Einstand der Spätstarterin Carolin Schiff

Carolin Schiff hat inzwischen weniger Zeit, um den Werdersee zu radeln. Die 35-Jährige feierte kürzlich ihr Debüt als Profi und sammelte bei gleich drei Klassikern viele, aber nicht nur gute Erfahrungen.

Christina Kuhaupt

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das sagt man so, und es klingt etwas undifferenziert. Manchmal ergibt der Spruch aber einen Sinn. Etwa bei Carolin Schiff. Gerade hatte die Radsportlerin im Alter von 35 Jahren innerhalb von acht Tagen ihre ersten drei Profirennen absolviert, da packte sie ihre Sachen und flog nach Mallorca. Aktive Erholung nach einem ziemlich schweren Auftaktprogramm begleitet von einer einigermaßen positiven Stimmungslage. „Ich bin nicht unzufrieden“, sagt Schiff. Nicht unzufrieden. Das bezieht die Bremerinnen natürlich nicht auf ihren Platz im Team von Cycles-Immo Losch. Dass sie dabei ist in der vom ehemaligen Tour-Sieger Andy Schleck unterhaltenen Mannschaft, ist schon etwas ganz Besonderes. „Sonst habe ich die Rennen immer nur im Fernsehen gesehen, jetzt bin ich selbst dabei, und das ist einfach cool“, findet Carolin Schiff.

Dieses verhaltene „nicht unzufrieden“ bezieht sich dagegen auf die sportlichen Erfahrungen in den ersten Rennen der Saison. Da bekam es Carolin Schiff nämlich mit dem Amstel Gold Race, dem Flèche Wallone und Lüttich-Bastogne-Lüttich zu tun. Es ging um nicht weniger als die Ardennen-Klassiker in diesen ersten Rennen der UCI-World-Tour. Die neue und verhältnismäßig kleine Mannschaft von Cycles-Immo Losch ging dabei mit rund 20 anderen Kontinentalteams und acht richtig gut besetzten World-Tour-Teams an den Start. Es war klar, dass Carolin Schiff – bis 2020 noch erfolgsverwöhnte Amateurfahrerin – hier ein paar ganz neue und nicht ausschließlich positive Erkenntnisse sammeln sollte. Den Auftakt beim in der Nähe von Maastricht gestarteten Amstel Gold Race bezeichnet sie sogar als „deprimierend“. Die deutsche Bergmeisterin von 2019 ist es eben nicht gewohnt, ein Rennen unfreiwillig und ohne Defekt beendeten zu müssen. Aber das war der Fall, ausgerechnet zum Auftakt. „Unsere Gruppe wurde zwei Runden vor Schluss rausgenommen“, berichtet Schiff.

Die niedrigen Temperaturen hatten ihr ohnehin nicht zugesagt, das Rennen war hart und die Vorbereitung nicht eben optimal. Insgesamt sei sie „auf dem falschen Fuß erwischt“ worden, findet Carolin Schiff. Und weil die Spitze schließlich weit vorausfuhr, war eben bereits nach sieben von neun Runden Schluss für die Bremerin. Ihr Kommentar: „Rausgenommen zu werden, ist einfach doof.“ Das Gute an den Ardennen-Klassikern: Es bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Nur wenige Tage später ging's ja weiter zum Flèche Wallone nach Belgien, und so stand Carolin Schiff gleich vor der nächsten Bewährungsprobe. Diesmal lief es besser. „Ich war super motiviert“, sagt die Radsportlerin. Sie war sogar so motiviert, dass sie in einer der ersten Fluchtgruppen mitfuhr – die dann direkt vom ersten Anstieg vom Feld eingeholt wurde. So hatte sich die Bergspezialistin das natürlich nicht vorgestellt. An einer ordentlichen Platzierung änderte der unglückliche Rennverlauf allerdings nichts: Am Ende belegte Schiff den 65. Rang unter rund 150 Startern.

Eine Platzierung, die sie sich offenbar merken sollte. Mit dem gleichen Ergebnis beendete Carolin Schiff nämlich nur wenige Tage später Lüttich-Bastogne-Lüttich, und sie trug dort auch noch die Startnummer 65. Dabei hatte sie im letzten der drei Rennen noch ein bisschen Pech, musste nach einem Defekt relativ früh auf ein Ersatz-Rad umsteigen. „Man erhofft sich immer mehr, aber darauf kann man aufbauen“, sagt Schiff. Ein ordentliches Fazit, nicht mehr und nicht weniger. Dabei ließen sich die ersten Rennen der Bremerin auch ganz anderes einordnen. Viel positiver. Schließlich war Carolin Schiff die einzige Fahrerin des achtköpfigen Teams, die bei allen drei Rennen am Start war – und bis auf das Amstel Gold Race sorgte sie auch immer für das beste Resultat von Cycles-Immo Losch. „Das spricht entweder für mich oder gegen die anderen Fahrerinnen“, sagt Carolin Schiff mit einem Lachen.

Tatsächlich ist der einzigen Deutschen in dieser Mannschaft mittlerweile klargeworden, dass sie es nun mit vielen jungen internationalen Fahrerinnen zu tun hat. Die Rolle der Routinierin nimmt Schiff an. Bis sie ihren Frieden gemacht hat mit den ersten Rennen der Saison, wird es womöglich noch etwas dauern. Vielleicht helfen die Tage auf Mallorca dabei. Allerdings: Wirklich entspannt verläuft der Urlaub vermutlich nicht, das Vergnügen wird durch Arbeit begleitet. Schließlich hat die Bremerin ihr Rad mitgenommen auf die Insel. Sie wird täglich trainieren, gemeinsam mit Vladi Riha, ihrem Lebens-, Trainings- und Geschäftspartner. Der 48-Jährige, einst selbst erfolgreicher Amateurfahrer, musste zuletzt allerdings viel arbeiten, weil es eine Menge zu tun gab im gemeinsamen Radladen und Carolin Schiff ja bei internationalen Rennen im Einsatz war.

„Vladi ist entspannter geworden“, berichtet Schiff augenzwinkernd vom nachlassenden Ehrgeiz des Partners. Sie wird ihr Pensum auf Mallorca dagegen durchziehen, stehen doch schon bald weitere wichtige Aufgaben auf dem Programm. Etwa die Thüringen-Rundfahrt zum Ende dieses Monats und die deutsche Meisterschaft im Juli in Stuttgart. Danach möchte sich Carolin Schiff über richtig gute Ergebnisse freuen.

Info

Zur Sache

Der Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich

Das Eintagesrennen Lüttich–Bastogne–Lüttich gehört zu den bedeutendsten Klassikern im Radsport und ist eins der fünf sogenannten Monumente des Radsports. Kein anderes heute noch im Kalender stehendes Eintagesrennen ist so alt wie dieses. Erstmals wurde es 1882 gestartet. Am letzten April-Sonntag fand der Ardennenklassiker zum 107. Mal für die Männer über 259,1 und zum fünften Mal für die Frauen über 140,9 Kilometer statt. Die Bremerin Carolin Schiff kam nach 4:09:29 Stunden als 65. ins Ziel, eine knappe Viertelstunde später als die Siegerin Demi Vollering aus den Niederlanden (3:54:31).

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+