Bremer Radprofi

Lennard Kämna bestätigt starke Form vor der Tour de France

Rechtzeitig vor dem Start der Tour de France 2020 am 29. August feierte der Bremer Radprofi Lennard Kämna vor wenigen Tagen seinen ersten Erfolg als Profi. In Frankreich wartet die nächste große Chance auf ihn.
18.08.2020, 05:00
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Lennard Kämna bestätigt starke Form vor der Tour de France
Von Jörg Niemeyer
Lennard Kämna bestätigt starke Form vor der Tour de France

Der Augenblick seines bislang größten Triumphes: Auf der vierten Etappe beim Critérium du Dauphiné bejubelt Lennard Kämna seinen ersten Sieg als Profi.

Michael und Markus Roth

Kurz bevor er auf der Zielgeraden seine rechte Faust in Richtung Himmel reckte, hatte sich Lennard Kämna mit der gleichen Hand noch zweimal leicht auf die Brust geklopft. Eine Geste, die, wäre sie von einem Anderen gekommen, bedeutet hätte: Das hast du heute richtig gut gemacht. Am Sonnabend erreichte der 23-Jährige aus Fischerhude, der inzwischen in Bremen heimisch ist, den nächsten Zwischengipfel seiner noch jungen Karriere. Im französischen Megève gewann Kämna beim 72. Critérium du Dauphiné die vierte von fünf Etappen und feierte seinen ersten Sieg als Profi. Es war ein Triumph mit Vorgeschichte, der bei der weltweit größten Radrundfahrt, der Tour de France, ab 29. August die Hauptgeschichte folgen könnte.

Die Vorgeschichte war eine tragische. Eigentlich ist Lennard Kämna dafür vorgesehen, den aktuell besten Fahrer und Kapitän des Radsport-Teams Bora-hansgrohe, Emanuel Buchmann, zu unterstützen. Auf die 153,5 Kilometer zwischen Ugine und Megève war Buchmann, der Vorjahresvierte der Tour de France, als Dritter des Gesamtklassements gegangen. Mit guten Chancen auf den Dauphiné-Sieg. Doch dann stürzte Buchmann während der vierten Etappe – und plötzlich war Kämna als bisheriger 17. der Wertung der beste Mann seines Teams.

Vom Zuarbeiter zum Hauptdarsteller

Eigentlich hatte der Bremer sich darauf eingestellt, seinem Kapitän nach vorn zu verhelfen. Das jedenfalls sagte er dem Fernsehsender Eurosport nach seinem Tageserfolg. Als Kämna während der Etappe vom Unglück seines Teamgefährten erfuhr, war die Rolle plötzlich jedoch eine andere. Aus dem Zuarbeiter Kämna war von dem einen auf den anderen Moment der Hauptdarsteller Kämna geworden, der keinem anderen, sondern nur noch sich selbst und seinem Arbeitgeber Bora-hansgrohe dienen musste. Und das in einer Weise tat, die dem 23-Jährigen höchsten Respekt einbrachte. Und die im Team offensichtlich niemanden überraschte.

„Wir sind mehr als zufrieden mit Lennards Leistung“, sagte Teamsprecher Ralph Scherzer dem WESER-KURIER am Montag, „er hat sein Können ja bereits im vergangenen Jahr bei der Tour de France aufblitzen lassen.“ Schließlich habe Bora-hansgrohe den Bremer genau deshalb auch verpflichtet. Ein Sieg bei der Dauphiné, so Scherzer, sei schon herausragend. Aber fast noch beeindruckender sei die Art gewesen, in der Kämna seinen ersten Erfolg als Profi einfuhr. Und dass er am Sonntag die, so Scherzer, „extrem harte Schlussetappe“ zeitgleich mit dem Giro-Sieger 2017 und zweimaligen Zeitfahr-Weltmeister 2017, Tom Dumoulin (Niederlande), als Sechster beendete. „Das war fast noch eine größere Leistung als der Sieg am Vortag“, sagte Scherzer. Der sechste Platz am Sonntag, der den Bremer noch auf Rang acht des Gesamtklassements katapultierte, belege, dass Lennard Kämna schnell regenerieren kann.

„Ich habe super Beine, die Form ist da“, übermittelte Kämna nach seinem Etappensieg dem Fernsehteam von Radio Bremen. So wie die Dauphiné letztlich verlief, drängte sich der Eindruck auf: Als Unterstützer seines Kapitäns hätte der 23-Jährige vermutlich nicht demonstrieren können, dass er schon jetzt ein Siegfahrer ist. Im Eurosport-Interview nach seinem Etappensieg ließ Kämna erkennen, dass sich ein gesunder Emanuel Buchmann voll auf die Helferdienste des Bremers hätte verlassen können. Aber nüchtern betrachtet, war es ausgerechnet der Sturz des Kapitäns, der die Beine seines Helfers zum Fliegen brachte. Eine irre Geschichte, die der Sport oftmals dann schreibt, wenn Unvorhergesehenes passiert. Kämna hatte die erste Etappe als 78., die zweite als 20. und die dritte als 17. beendet. Tendenz also stark ansteigend. Und als Buchmann aussteigen musste, fuhr der eigentliche Assistent durch auf Platz eins.

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Vielleicht ist es für den Moment ganz gut, dass dem bodenständigen und bescheidenen Lennard Kämna aufgrund der tragischen Ereignisse an diesem 15. August nicht zu viel der Ehre zuteil wurde. Ihm selbst und auch dem Team war nicht nach Feiern zumute, weil neben Emanuel Buchmann bei der Dauphiné am gleichen Tag mit dem deutschen Meister Maximilian Schachmann ein zweiter Topfahrer von Bora-hansgrohe bei der Lombardei-Rundfahrt schwer gestürzt war. So ging Kämnas Premierensieg irgendwie auch ein bisschen unter.

Was traut sich Kämna zu?

Die Dauphiné galt auch in den Augen des Bremers als Generalprobe für die Tour de France. Das hatte er dem WESER-KURIER vor Wochen gesagt, als er in die konkrete Tour-Vorbereitung einstieg. Auch wenn Lennard Kämna am Montag nicht persönlich zu sprechen war: Er hätte vermutlich nicht bestritten, dass diese Generalprobe geglückt war. Und dass sich nun die spannende Frage anschließt: Was passiert mit ihm ab dem 29. August während der Frankreich-Rundfahrt? Was traut er sich dann zu?

Teamsprecher Ralph Scherzer wollte sich am Montag an keinen Spekulationen beteiligen. „Wir können jetzt nicht sagen, wie sich die Stürze von Buchmann und Schachmann für uns auf die Tour auswirken“, sagte er. Aber derzeit sei „alles auf den Kopf gestellt“, räumte Scherzer ein. Zwei bis drei Tage müsse das Team erst mal abwarten, um zu sehen, wie es den Verunglückten dann gehe. Buchmann sei mit seinen schweren Prellungen am Rücken und tiefen Abschürfungen froh, dass er überhaupt sitzen kann. Und wie fit Schachmann angesichts seines Schlüsselbeinbruchs sein wird, wisse aktuell auch niemand. Die nächste Chance also für Lennard Kämna? „Wenn es mit Emanuel klappt, wird sich an Lennards Rolle nichts verändern“, antwortete der Sprecher.

Ralph Scherzer gab aber auch zu verstehen, dass sich die Rolle des Bremers verändern könnte, wenn es mit Buchmann nicht klappt. Nun wäre es wohl nicht angebracht, Wunderdinge von Lennard Kämna zu erwarten. Andererseits hat er bei der Tour de France 2019 seine Klasse bereits bewiesen. Und jetzt beim Critérium du Dauphiné gezeigt, dass er bestimmt nicht schlechter geworden ist.

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Zur Sache

Rundfahrt über 3470 Kilometer

Am 29. August soll trotz Corona-Krise im südfranzösischen Nizza die eigentlich schon ab dem 27. Juni geplante 107. Tour de France beginnen. Bis zum 20. September liegen 21 Etappen über insgesamt 3470 Kilometer vor den Radprofis. Der 7. und der 14. September sind Ruhetage. Zum zweiten Mal ist Lennard Kämna aus Bremen am Start. Als Neuling belegte er im Vorjahr den ausgezeichneten 40. Platz im Endklassement. Rechtzeitig vor dem Start 2020 gewann der 23-Jährige am vergangenen Sonnabend in Frankreich sein erstes Rennen als Profi.

Eigentlich ist Kämna als Helfer vor allem für Emanuel Buchmann vorgesehen. Doch der Kapitän des Teams Bora-hansgrohe ist nach einem Sturz derzeit ebenso verletzt wie sein Teamgefährte Maximilian Schachmann, der auf der Lombardei-Rundfahrt mit einem auf die Strecke „verirrten“ Auto zusammenstieß.

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