Doppel-Interview zum Fall Özil

"Rassismus? Was für ein Blödsinn"

Ex-Werder-Manager Willi Lemke und Vatan Sport-Leiter Cengiz Cakir diskutieren leidenschaftlich über den Fall Mesut Özil und seine Folgen.
25.07.2018, 21:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Olaf Dorow Mathias Sonnenberg

Herr Lemke, Herr Cakir, Erdogan hat Mesut Özil zu seinem Rücktritt aus der Nationalelf gratuliert. Kann man sagen, dass das Spiel, das der türkische Staatspräsident offenbar mit Özil getrieben hat, aufgegangen ist?

Willi Lemke: Es war meines Erachtens keine Kampagne von Erdogan, um einen Spalt in unsere Gesellschaft zu bringen, so weit würde ich nicht gehen. Ich glaube, dass er einen Fototermin wollte, um ein paar Punkte in seinem Wahlkampf zu machen. Wir kennen ja die Politiker, wie sie Sportler umgarnen. Auch unsere Bundeskanzlerin hat sich gerne in der Kabine der Nationalelf ablichten lassen. Für Erdogan war Özil eine perfekte Wahlkampfhilfe, bei der die Berater von Özil komplett versagt haben.

Cengiz Cakir: Ich fand das Foto überhaupt nicht schlimm. Herr Erdogan war auf Staatsbesuch in England und hat Özil und Gündogan eingeladen. Und Özil hat sich gefragt: Was soll dagegen sprechen, den Staatspräsidenten meines Herkunftslandes zu treffen? An eine Wahlkampagne glaube ich nicht. Vielleicht wollte Erdogan in Deutschland ein paar Punkte machen, aber mehr auch nicht.

Lemke: Herr Cakir, klarer Einspruch von mir. Im Fokus standen die türkischstämmigen Menschen in Deutschland, die wahlberechtigt waren. Und auch die Massen an Fans in der Türkei, die Erdogan ihre Stimme geben sollten. Da macht sich solch ein Foto gut. Natürlich denkt sich ein Özil nichts dabei, aber die Berater hätten wissen müssen: Mensch, das gibt Probleme. Auch mit vielen deutschen Fans, für die Özil einer von ihnen war. Und dann lässt er sich mit einem Erdogan ablichten. Nein, das geht nicht.

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Ist Özil vielleicht auch gesteuert worden?

Lemke: Nein, das ist nicht Mesuts Charakter. Er ist ein ordentlicher, anständiger Junge, der seine Wurzeln in der Türkei hat. Aber er ist kein Spaltpilz. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass er besonders stolz war, das deutsche Trikot zu tragen.

Cakir: Ich habe das Gefühl auch gehabt, er ist aber auch nicht der Typ, der so offensiv agiert. Als er 2008 mit 19 Jahren zu Werder kam, ist mir aufgefallen, dass er gebrochen deutsch gesprochen hat. Daran erkennt man die familiäre Situation. Meine Eltern haben auch gesagt, dass ich als Kind türkisch in der Familie sprechen kann. Aber ich habe gesagt: Wie soll ich mich da weiterentwickeln? Ich wollte sofort die Sprache lernen. Allein schon, um hier beim Fußball integriert zu werden. Heute verstehen meine Eltern, wie wichtig das damals war. In Özils Elternhaus aber wurde nur türkisch gesprochen, Mesut hat frühestens im Kindergarten Kontakt mit der deutschen Sprache gehabt, wenn überhaupt.

Weil Özil die Nationalhymne nicht gesungen hat, zeigt es, dass er nicht zu 100 Prozent Deutscher ist?

Cakir: Das ist mir zu banal. Er hat das deutsche Nationaltrikot sehr stolz getragen. Aber nicht jeder kann so laut und voller Inbrunst singen wie ein Thomas Müller. Ich habe von meinen Eltern als Kind gehört: Du musst alles zwei- oder dreimal so gut können wie ein Deutscher, ansonsten wirst du hier ignoriert. Im Nachhinein hat sich das anders entwickelt. Ich wurde hier in Deutschland immer so akzeptiert, wie ich bin.

Lemke: Herr Cakir, wenn sich in Sachen ­Sprache alle so verhalten hätten wie Sie, hätten wir heute viel weniger Probleme. Noch ­immer gibt es so viele Kinder, die in der Schule sehr schlecht deutsch reden. Da sind die ­Startchancen von Beginn an sehr ungleich verteilt.

Mesut Özil hat in seiner Erklärung auch Rassismus in Deutschland beklagt.

Lemke: Das kann ich nicht nachvollziehen. Es ist für mich unerträglich, wenn ich lesen muss, dass Deutschland ein rassistischer Staat sein soll. Was für ein Blödsinn. Und jetzt müssen wir das millionenfach lesen, weil ein paar Berater von Mesut Özil so etwas geschrieben haben. Ich finde es schlimm, dass wir uns jetzt verteidigen müssen, keine Rassisten zu sein. Natürlich gibt es ein paar Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland, die schlimmes Gedankengut haben oder äußern. Aber denen steht eine große, große Mehrheit gegenüber, die anders denkt.

Cakir: Natürlich gibt es das auf dem Fußballplatz, dass einer „Scheiß Kanake“ sagt, aber damit muss ich leben. Das geht bei mir links rein und rechts raus – und nach dem Spiel gibt es Shakehands. Aber ich weiß, das kann nicht jeder. Ich bin jetzt seit 39 Jahren in Bremen im Fußball aktiv und habe mich noch nie rassistisch beleidigt gefühlt. Ich habe in Bremen-Nord auch eine Mannschaftskabine gesehen, in der „Türken raus“ und Hakenkreuze an die Wände geschmiert war. Aber ich habe das nicht so an mich rangelassen. Allerdings kann die Integration von 13- oder 14-jährigen Jungs hier im Fußball jetzt schwerer werden, weil viele Türken sagen könnten: „Ich hab‘ euch doch immer gesagt, dass wir in Deutschland nicht willkommen sind“.

Lemke: Ich finde es schade, dass Mesut aus England heraus jetzt solche Rassismus-Thesen lanciert. Das mag ihm oder seinen Beratern egal sein, aber ich finde das schlimm. Wir sollten lieber gemeinsam daran arbeiten, dass alle die gleichen Startchancen bekommen. Ich habe gelesen, dass ein Aufsatz von Max besser bewertet wird als der von Murat, auch wenn sie identisch sind. Das ist wissenschaftlich belegt und ein großes Problem. Da gibt es eine Menge zu verbessern, aber das ist kein Rassismus, sondern sind Vorurteile, weil einige Menschen immer noch glauben, dass eine Junge, der Max heißt, besser lernt, als ein Junge, der Murat heißt.

Cakir: Ich finde es schade, dass wir hier im 21. Jahrhundert in Bremen noch immer über Rassismus reden müssen.

Lemke: Ja, wegen der Pressekampagne von Mesut Özil.

Cakir: Ja, aber auch wegen Erdogan und Uli Hoeneß. Herr Lemke, Ihr ehemaliger Parteivorsitzender Gerhard Schröder sitzt doch auch bei Gazprom in Russland und wir Steuerzahler müssen noch immer seine Rente zahlen.

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Lemke: Das ist korrekt, aber das mit der Rente ist in unserer Verfassung nun mal so vorgesehen. Aber ich bleibe dabei, Mesut hat sich politisch missbrauchen lassen.

Cakir: Ich glaube, so weit kann er gar nicht denken. Er war mit ganz anderen Dingen ­beschäftigt, er war schon mitten in der ­Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft. ­Natürlich muss Mesut Özil wissen, wie Erdogan in der Welt gesehen wird. Aber nichtsdestotrotz: Ich finde das Bild absolut nicht schlimm.

Lemke: Mit meinen demokratischen Vorstellungen hat das Handeln von Erdogan nichts zu tun. Und wenn ich für solch einen Menschen Wahlkampfhilfe mache, muss ich mit den Konsequenzen leben.

In der Öffentlichkeit wurde – auch mithilfe des DFB – der Eindruck erweckt, Mesut Özil sei sogar am sportlichen WM-Desaster schuld.

Lemke: Was natürlich Quatsch ist. Dass Oliver Bierhoff und auch der DFB-Präsident Reinhard Grindel diesen Eindruck erweckt haben, geht natürlich gar nicht. Und dann tritt auch noch Uli Hoeneß nach. Es gilt für mich das Motto: Wir gewinnen und verlieren zusammen. Wer das durchbricht, macht einen schweren Fehler. Und das werfe ich auch dem DFB vor. Einen Spieler an die Wand zu nageln, das geht natürlich nicht.

Cakir: Vielleicht wollte der DFB auch ablenken vom sportlichen Misserfolg und hat einen Sündenbock gesucht.

Lemke: Aber das ist falsch. Und vielleicht hat gerade das bei Mesut großen Frust hervorgerufen. Das hat er ja mitbekommen. Ich wäre ja auch stinksauer, wenn der DFB-Präsident mich dafür verantwortlich gemacht hätte, dass wir bei der WM so früh rausfliegen. Deshalb muss auch der DFB überlegen, ob er nicht auch schwere Fehler gemacht hat.

War Özils Rücktritt richtig?

Cakir: Ich kann das nachvollziehen, ich an seiner Stelle wäre schon vor der WM zurückgetreten. Weil ihm überhaupt nicht der Rücken gestärkt wurde, auch nicht von Joachim Löw oder Reinhard Grindel. Und noch mal: Würden wir jetzt hier sitzen und über Özil, Rassismus und Integration reden, wenn er im WM-Finale das Siegtor geschossen hätte?

Lemke: Auf keinen Fall. Dabei hat sich die Ausgangslage ja nicht geändert. Entweder wir haben rassistische Tendenzen hier bei uns oder eben nicht. Daran hätte ja ein WM-Siegtor von Mesut nichts geändert.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass türkische Jungs nicht mehr für Deutschland spielen wollen?

Lemke: Die sehe ich nicht. Es gibt nach wie vor viele Eltern mit Migrationshintergrund, die den großen Wunsch haben, dass ihre Kinder eine Fußballer-Karriere schaffen. Wenn nur jemand ansatzweise das Talent von Mesut hat, wird genau geguckt, welche Vorteile ich habe, wenn ich für Deutschland spiele oder später sogar in der Nationalmannschaft. Das finde ich auch überhaupt nicht ver­werflich. Wenn ich beispielsweise aus Kasachstan komme, werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit an keiner Weltmeisterschaft teilenehmen, ich werde keine großen Werbeverträge kriegen. Oder soll ich bei meinem Talent nicht versuchen, hier in Deutschland zu spielen und Werbeverträge zu kriegen? Ich glaube, dass Mesut mittlerweile mehr Geld mit Werbung verdient als bei seinem Klub FC Arsenal.

Cakir: Nein, es gibt kein besseres Land als Deutschland, um im Fußball ausgebildet zu werden. Ich bin auch Trainer gewesen und habe immer nur darauf geachtet, ob der Spieler den Ball gut verarbeiten kann oder den Willen hat, sich zu integrieren. Aber niemals auf seine Hautfarbe oder Religion, das interessiert mich nicht.

Das Gespräch führten Mathias Sonnenberg und Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Willi Lemke (71) war Manager von Werder Bremen, anschließend Senator für Bildung und Inneres und zuletzt Sonderberater des UN-Generalsekretärs. Lemke ist verheiratet und hat vier Kinder.

Cengiz Cakir (50) ist gebürtiger Bremer, seine Eltern sind 1968 aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Er ist Sportlicher Leiter bei Vatan Sport. Cakir ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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