Virus von Valencia

Herpes-Katastrophe für den Reitsport

Eine besonders aggressive Variante des Herpesvirus bedroht auch in Bremen und Niedersachsen das Leben der Pferde. Nach ersten Fällen im spanischen Valencia gibt es inzwischen auch welche im katarischen Doha.
04.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Herpes-Katastrophe für den Reitsport
Von Jörg Niemeyer

Erst die Bedrohung durch die Corona-Pandemie, jetzt der Ausbruch des Equinen Herpesvirus (EHV-1) beim spanischen Reitturnier CES Valencia: Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres setzt ein Virus dem Reitsport schwer zu. „Jetzt müssen wir sehen, dass wir da auch noch durchkommen“, sagt der Präsident des Pferdesportverbands Bremen, Walter Kind. Hergen Forkert ist froh, dass niemand aus seinem Stall in Spanien war. „Wir haben uns auf Turniere für Jungpferde in unserer Region spezialisiert“, sagt der erfolgreicher Reiter, Ausbilder und Züchter vom RC Rosenbusch Oberneuland. Doch Forkert fühlt mit betroffenen Kollegen. „Ich habe das natürlich verfolgt und kenne viele Reiter, die dort waren“, sagt er. Schockiert sei er gewesen, als er die Videos aus Spanien sah, die das Leiden der Pferde dokumentierten.

In Valencia sind mehrere Pferde nach der Virus-Erkrankung gestorben, viele zeigen schwere Krankheitsverläufe und kämpfen noch immer gegen den Tod. Es gibt ganz unterschiedliche Herpesviren, von denen das jetzt in Spanien aufgetretene eine ganz besonders aggressive Variante darstellt. So wie viele Menschen dauerhaft ein Herpesvirus in sich tragen, das nur gelegentlich zu Symptomen wie beispielsweise Bläschen an der Lippe führt, ist es auch bei den Pferden. Equine Herpesvirusinfektionen verursachen laut einer Pressemitteilung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) jedoch keine auf Menschen übertragbaren Krankheiten. Bis zu 80 Prozent aller Pferde trügen das Virus in sich. Auch bei ihnen verlaufe die Infektion häufig symptomlos.

In Valencia aber, wo sich noch immer zahlreiche Pferde auf dem Turniergelände befinden, spielen sich zum Teil dramatische Szenen ab. Es kommt bei einigen Pferden zu schweren neurologischen Ausfällen. Sie zeigen Lähmungserscheinungen, einige können sich nicht mehr auf den Beinen halten und müssen mit technischer Hilfe angehoben werden. Da Turnierteilnehmer aus Valencia abgereist waren, als ihre Pferde noch keine Symptome zeigten, ist noch immer unklar, wohin sich das Virus weiter verbreiten konnte. Alle deutschen Valencia-Starter seien inzwischen nachverfolgt worden, teilte die FN mit. Doch ausländische Reiter, die mit ihren Pferden in Deutschland leben, seien noch nicht alle kontaktiert worden. Von daher ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass sich das Virus auch in Deutschland weiter verbreiten könnte oder es bereits getan hat.

Deshalb sei, wie Walter Kind und Hergen Forkert sagen, in allen Ställen die Vorsicht jetzt auch oberstes Gebot. Schon am Dienstag dieser Woche hatte die FN in einer Online-Konferenz mit den deutschen Landesverbänden entschieden, dass alle nationalen Veranstaltungen bis mindestens zum 28. März abgesagt werden. Dabei handelt es sich nicht nur um Turniere, sondern auch um Sichtungslehrgänge, Zuchtveranstaltungen, Auktionen und Körungen. Der internationale Reitsportverband FEI hatte zuvor bereits die meisten internationalen Turniere abgesagt. Wie es in zwei, drei oder vier Wochen weitergehen werde, könne derzeit niemand sagen, hieß es von der FN. Das hängt von der weiteren Entwicklung rund um das Herpesvirus ab, das letztlich auch Auswirkungen auf die Reitwettbewerbe bei den Olympischen Spielen in Tokio haben könnte – sofern die vom Vorjahr verlegten Spiele vom 23. Juli bis 8. August 2021 wegen der Corona-Pandemie überhaupt ausgetragen werden können.

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Die Absagen aller nationalen Veranstaltungen ist nur eine von mehreren Vorsichtsmaßnahmen. Denn letztlich kann jeder Pferdesportbetrieb und jeder Verein auch selbst zur Eindämmung des Herpesvirus und zum Schutz vor ihm beitragen. Die aktuell wichtigste Maßnahme: das Einschränken oder, noch besser, das Unterlassen von unnötigen Kontakten. „Wir werden vier bis sechs Wochen keine fremden Pferde, aber auch keine fremden Menschen rein- und rauslassen“, sagt Hergen Forkert. Auch die Tierärzte und Pfleger müssten besonders vorsichtig sein, weil sich das Virus von einem Pferd auf das andere auch über die Kleidung und Schuhe von Menschen übertragen könnte. „Wenn alle gut aufpassen, dürfte eigentlich nichts passieren“, sagt Forkert und ist zuversichtlich, dass das Herpesvirus aus Spanien in Bremen keinen Schaden anrichten wird.

Walter Kind betont außerdem, dass die Verantwortlichen ihre Tiere besonders aufmerksam beobachten sollten. „Man sollte gucken, wie das Pferd frisst und wie es ihm insgesamt geht“, sagt der Bremer Verbandschef, der seit vielen Jahren Vorsitzender des RFC Niedervieland ist und in Mittelshuchting einen eigenen Betrieb führt. Wichtig sei jetzt auch, regelmäßig Fieber zu messen, denn Fieber und Erkältungssymptome könnten Anzeichen für eine Herpesinfektion sein. Kind und Forkert lassen ihre Pferde grundsätzlich gegen Herpes impfen. „Die Impfung verspricht Sicherheit“, sagt Kind, „aber wir wissen noch nicht, ob sie auch vor dem jetzt aufgetretenen Virus schützen würde.“

An ein so großes Drama wie in Valencia kann sich Walter Kind nicht erinnern. Der Weltverband spricht vom schlimmsten Ausbruch der vergangenen Jahrzehnte. Hergen Forkert hat mit dem Virus vor Jahren traurige Erfahrungen gemacht, als einige seiner Stuten nicht lebensfähige Fohlen vor der Geburt abstießen.

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