Interview mit Tischtennis-Bundestrainer Jörg Roßkopf Roßkopf: "Müssen Talente nachziehen"

Bremen. Die Tischtennis-Nationalspieler sollten seltener zu Turnieren reisen und stattdessen mehr trainieren: Das sagt Bundestrainer Jörg Roßkopf, der mit seinem Trainerstab bei den German Open in Bremen derzeit neun Akteure betreut.
02.11.2012, 05:00
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Roßkopf:
Von Jörg Niemeyer

Die Tischtennis-Nationalspieler sollten seltener zu Turnieren reisen und stattdessen mehr trainieren: Das sagt Bundestrainer Jörg Roßkopf, der mit seinem Trainerstab bei den German Open in Bremen derzeit neun Akteure betreut. Im Gespräch mit Jörg Niemeyer lobt der 43-Jährige zugleich die Aktivitäten des Bundesligisten Werder Bremen.

Sie haben selbst einige Male als Aktiver an den German Open in Bremen teilgenommen. Früher war die Stadt Tischtennis-Niemandsland, jetzt stellt sie einen Champions-League-Teilnehmer. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des SV Werder?Jörg Roßkopf:

Ich finde es toll, dass eine Stadt wie Bremen Tischtennis-Bundesliga und eine Mannschaft hat, die um Titel mitspielen kann. Mit Chuang Chih-Yuan hat sie einen Top-Weltklassespieler, aber die ganze Mannschaft spielt eine gute Rolle in der Liga. Dazu der Aufbau eines Trainingszentrums – das ist alles nur positiv.

Ist so ein Trainingszentrum nur eine lokale Einrichtung oder tut es dem deutschen Tischtennis ganz allgemein gut?

Wenn professionelle Verhältnisse herrschen, tut es dem Tischtennis immer gut. Wenn dann irgendwann auch deutsche Spieler in Bremen spielen werden, kann das für unseren Sport nur hilfreich sein. Als Bundestrainer kann ich es nur begrüßen, wenn in Vereinen intensiv trainiert wird.

Sie sind während der German Open sehr beschäftigt. Wie viele Spieler betreuen Sie während des Turniers?

Mein Kader besteht aus zehn Spielern, von denen Patrick Baum abgesagt hat. Unser Trainerstab ist am Dienstag angereist, Mittwoch und Donnerstag Qualifikation, ab Freitag das Hauptturnier: Da ist man von morgens bis abends beschäftigt.

Brauchen Weltklassespieler wie Boll, Ovtcharov oder Süß noch Ihre Unterstützung? Man könnte glauben, dass sie sich mit ihrer Erfahrung selbst helfen können.

Jeder Spieler braucht jemanden, der in entscheidenden Momenten das eine oder andere sagen und in der Spielvorbereitung noch Hilfestellung geben kann. Natürlich ist ein Timo Boll taktisch sehr ausgereift und könnte Spiele allein bestreiten. Aber auch er hat ganz gern jemanden hinten dran an der Box sitzen.

Wie sieht Ihre Unterstützung während eines Matches konkret aus? Viel Zeit zum Gespräch haben Sie ja nicht.

Es sind die taktische Unterstützung und die positive Anfeuerung, wenn es mal nicht läuft. In einer Minute geht es dagegen nicht so viel um spielerische Belange.

Wie sehen Sie die Nationalmannschaft aufgestellt? Wo steht das deutsche Tischtennis, und wohin möchten Sie es führen?

Es wird ja oft gesagt, wir sind die Chinesen Europas. In Europa haben wir wenig Konkurrenz. Unser Ziel ist, die Nummer zwei in der Welt zu bleiben, die Chinesen weiter unter Druck zu setzen und aufzupassen, dass die Südkoreaner und Japaner uns nicht überholen.

Hat sich der Abstand zu den Chinesen verringert oder vergrößert?

Wir haben in diesem Jahr zwei gute Spiele gegen China gemacht. Das 0:3 bei der WM war nicht so klar wie das Ergebnis vermuten lässt – da gab es auch knappe Spiele. Ähnlich war es beim 1:3 bei den Olympischen Spielen. Es gibt genügend Beispiele, auch im Tischtennis, für Riesenüberraschungen. Wenn China mal verlieren würde, wäre ich jedoch sehr enttäuscht, wenn wir dann nicht dabei sein würden.

Sorgen Sie sich schon um die Zeit nach Timo Boll?

Timo wird noch einige Jahre weiterspielen – das ist gut für alle. Wir haben eine gute junge Generation mit Ovtcharov, Baum, Steger und Süß, die alle noch Jahre spielen können. Deshalb mache ich mir keine Gedanken, was bis 2016 passiert. Wir müssen uns aber Gedanken machen, was 2020 oder 2024 passiert. Wir müssen Talente nachziehen, sie in Zentren bringen, um sie unter professionellen Bedingungen auf die Zukunft vorzubereiten.

Haben Sie schon Ideen, wie Sie das angehen möchten?

Wir wollen das deutsche Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf und die anderen Sportinternate wieder mit mehr jungen deutschen Spielern bestücken. Dafür muss die Zusammenarbeit mit den Verbandstrainern noch intensiver gestaltet werden.

Ihre Nationalspieler sind viel unterwegs. Wie oft können Sie Ihren Kader zu Trainingsmaßnahmen zusammenbringen?

Viel zu selten. Sie spielen zu viel und haben zu wenig Zeit für lange, intensive Trainingsphasen. Da haben die Asiaten uns gegenüber einen Vorteil. Man hat es bei Dimitrij Ovtcharov gesehen: Der hat weniger gespielt und bei Olympia zwei Medaillen im Einzel und mit der Mannschaft geholt. Das Trainingsniveau der Nationalspieler muss weiter gehoben werden, sie sind unsere Aushängeschilder.

Weniger spielen bedeutet für die Profis weniger Verdienstmöglichkeiten...

Man muss natürlich beide Seiten sehen. Die Spieler sind finanziell gut abgesichert. Außerdem zahlt sich eine Medaille bei Olympia oder einer Weltmeisterschaft für die Aktiven aus. Sie dürfen nicht kurzfristig, sondern müssen langfristig denken.

Noch einmal zurück zur Bundesliga: Die Spitzenteams verpflichten immer bessere Spieler, rücken leistungsmäßig immer näher zusammen. Das ist gut für die Spannung, aber ist das auch gut für deutsche Talente?

Solange die Talente noch in der Bundesliga spielen, ist es gut. Wenn sie keinen Platz in der Bundesliga finden, wird es natürlich im Allgemeinen schwer, sich international durchzusetzen. Wenn ein anderer Spieler besser ist als der deutsche, muss der deutsche mehr leisten. Dann wird er auch eingesetzt. Dass viele Ausländer in Deutschland spielen, zeigt aber auch, dass andere nationale Ligen wie in Schweden, Frankreich oder Belgien zu schwach geworden sind. Das war zu meiner Zeit anders.

Wünschen Sie sich manchmal, wie es häufig zum Beispiel bei den Handballern diskutiert wird, eine Quotenregel, die die Bundesligisten zum Einsatz eines deutschen Spielers verpflichtet?

Es spielen derzeit genügend deutsche Spieler in der Bundesliga. Grundsätzlich sollte den Aktiven nichts geschenkt werden – es bringt nichts, wenn es eine Quote nur auf dem Papier gibt. In der Bundesliga muss man sich gut präsentieren, da muss man kämpfen, dann honorieren das die Zuschauer und auch die Manager der Klubs.

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Zur Person: Jörg Roßkopf (43) gehört im deutschen Tischtennis zu den erfolgreichsten Akteuren überhaupt. Der achtfache deutsche Einzelmeister wurde 1989 mit Steffen Fetzner überraschend Weltmeister im Doppel, gewann 1992 Olympia-Silber im Doppel und 1996 Olympia-Bronze im Einzel.

Nach dem Ende seiner Laufbahn als Spieler wurde er am 1. August 2010 Bundestrainer der Herren, die seitdem dreimal EM-Gold im Einzel sowie mit der Mannschaft zweimal EM-Gold, einmal WM-Silber und die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2012 in London holten.

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