Werder-Sprinter bei Leichtathletik-WM

Said Gilani startet als einziger Sportler für Afghanistan

Wenn Said Gilani rennt, vergisst er. Sein Mantra: "Kopf aus und ballern." Bei der Leichtathletik-WM soll ihm das helfen. Dann sprintet der Werderaner in London vor 60.000 Menschen. Für Afghanistan.
02.08.2017, 11:49
Lesedauer: 4 Min
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Said Gilani startet als einziger Sportler für Afghanistan
Von Nico Schnurr

Natürlich hatte er nicht gerechnet mit dem Anruf aus Kabul. Said Gilani hatte geahnt, dass er im engeren Kandidatenkreis sein könnte, das schon. Sprachlos war er trotzdem, als vor nicht einmal zwei Wochen sein Handy klingelte. Die Nachricht: Gilani, 21, soll rennen. In London, bei der Leichtathletik-WM. Für Afghanistan. Als einziger Sportler wird er das Land vertreten, das sein Vater 1995, ein Jahr vor Gilanis Geburt, Richtung Bremerhaven verlassen hatte.

Bei der Eröffnungsfeier am Freitagabend wird er die afghanische Flagge durchs Londoner Olympiastadion schwenken. Und danach rennt Gilani. 100 Meter vor 60 000 Zuschauern. Gleich im ersten Wettkampf der WM, ein Vorlauf für Gewinner der Wildcard, von der jedem Land eine zusteht. Kommt er weiter, tritt Gilani später am Abend gegen die schnellsten Männer der Welt an, auch gegen Usain Bolt.

Eigentlich studiert Gilani Sportmanagement in Bremen und startet für Werder. Auch wenn er sich stetig steigert, den deutschen Spitzensprintern läuft er noch hinterher. Um sich auf normalem Weg für die WM zu qualifizieren, fehlte ihm über eine Sekunde – eine Ewigkeit auf 100 Metern. Gilani ist das egal, er weiß, dass seine Chancen in London nicht groß sind. „Es geht nicht um das Ergebnis. Es geht darum, Hoffnung zu geben”, sagt er. „Allein dort als Afghane zu laufen, ist ein Zeichen.”

Kurzzeitiger Kontaktabbruch zum Verband

Gilani will seinen Sport nicht mit Bedeutung überfrachten. Er weiß aber auch: In einem Land wie Afghanistan ist Sport nie einfach nur Sport. „Dabeisein ist ein Erfolg – für mich, aber auch für das Land.” Ein Leichtathletik-Nationalteam zu unterhalten, sei eben nicht selbstverständlich. Während der Taliban-Herrschaft war Sport im Land verboten und Afghanistan von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Erst nach dem Sturz der Radikal-Islamisten lebte der Sport ab 2001 langsam wieder auf. Seitdem ist er in Afghanistan gleichermaßen Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung. Gilani spürte das gleich, als er 2013 erstmals vom Verband nach Kabul eingeladen worden war: zum Training ins Ghazi-Stadion, jenen Ort, der lange als Symbol der Unterdrückung galt. Wo unter dem Taliban-Regime öffentliche Exekutionen statt Fußballspiele stattgefunden hatten. Heute ist in Afghanistan noch immer nicht alles gut. Natürlich nicht. Seit zwei Jahren schon war Gilani selbst nicht mehr in Kabul – zu gefährlich, sagt er. Zwischenzeitlich war sogar der Kontakt zum Verband abgebrochen. Die Trainer hätten sich um ihre Sicherheit, nicht ums Trainieren von Talenten sorgen müssen. „Sport kann dort schnell zur Nebensache werden”, sagt Gilani. Und dennoch: Die Afghanen seien nicht trotz, sondern gerade wegen der angespannten Lage sportverrückt, glaubt er: „Sport hilft ihnen, zu vergessen und zu verarbeiten.” Sport verspricht den Menschen am Hindukusch ein Gegenangebot: etwas Alltag im Ausnahmezustand.

„Die Menschen sehnen sich nach Erfolgsgeschichten”, sagt Gilani. In London will er dem Land eine solche Geschichte liefern. In den vergangenen Tagen hat er viel telefonieren müssen, Verwandte und Freunde aus Kabul hatten von seiner WM-Teilnehme erfahren. Sie berichteten, dass sein 100-Meter-Rennen live im afghanischen Fernsehen übertragen wird. Gilani ahnt: „An diesem einen Abend wird Afghanistan auf mich schauen.” Unter Druck setzt ihn dieser Gedanke nicht. Wenn Said Gilani rennt, vergisst er. Sprinten bedeutet für ihn: ausblenden. Loslassen. Sein Mantra: „Kopf aus und einfach nur ballern.”

„Alles beginnt im Kopf”, sagt Gilani. Gelernt habe er das beim Boxen, damals in Bremerhaven. Erst im Ring habe er verstanden, wie das geht: seine Gedanken zu kontrollieren. Boxen sei ein einziger Psychokrieg, wer nervös ist, verliert. „Boxen hat mir gezeigt: Die dicksten Arme bringen dir nichts, wenn du deinen Kopf nicht beherrschst.” Gilani glaubt, dass er seinen Kopf inzwischen beherrscht. Dass er ruhig bleiben wird, wenn plötzlich Usain Bolt neben ihm im Call-Room stehen sollte, dort, wo sich die Athleten versammeln, bevor es raus auf die Bahn geht. Dass er ganz bei sich bleibt, trotz der 60 000 Menschen um ihn herum im Londoner Olympiastadion. „Das wird der Lauf meines Lebens, und ich bin niemand, den solche Chancen einschüchtern”, sagt Gilani. Er will seine persönliche Bestzeit in London verbessern. Elf Sekunden – dann will er im Ziel sein. Spätestens.

An sich selbst glauben

„Man darf sich nicht zu klein machen”, findet Gilani. Ein bisschen soll das am Freitag auch seine Botschaft an die Afghanen sein: Hoffnung haben, an sich selbst glauben. Zumindest für diese elf Sekunden. „Afghanistan wird unterschätzt, genauso wie ich am Freitag wohl unterschätzt werde.” Gilani gefällt das. Er kennt die Rolle des Außenseiters, und er mag sie. Gilanis ganze Leichtathletik-Vita gleicht einer einzigen Außenseiter-Geschichte.

Bevor er mit 18 Jahren zu Werder wechselte, trainierte er in Bramel, einem 800-Seelen-Dorf im niedersächsischen Nirgendwo unweit von Bremerhaven. In Bramel und allen umliegenden Gemeinden gab es aber keine Leichtathletikanlage. Keine Laufbahn, keine Hürden, keine Sprunggruben. Nur einen ackerähnlichen, von Maulwürfen zerpflügten Fußballplatz. Also rannte Gilani über den Bolzplatz. Auf und ab, elf Jahre lang, immer wieder. Die Sprints über den Bolzplatz brachten ihn bis zur Deutschen Meisterschaft, wo er seine Bestzeit lief. Gilani erinnert sich: „Da hat sich dann jeder erst mal gefragt: Was macht der denn hier? Und vor allem: Wie hat dieser Typ das angestellt?” Said Gilani hat nichts dagegen, wenn sich diese Geschichte am Freitagabend in London wiederholen sollte. Er erwartet es nicht, aber wünschen würde er es sich. Für ihn. Und für Afghanistan.

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