Schach

Von der Lust und der Unlust, Profi zu sein

Anders als sein Werder-Kollege Romain Edouard, will Spartak Grigorian mit Schach nicht sein Geld verdienen. Der 22-Jährige ist trotzdem ehrgeizig und hofft, schon bald ein Internationaler Meister zu sein.
14.10.2020, 05:31
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von der Lust und der Unlust, Profi zu sein
Von Jörg Niemeyer
Von der Lust und der Unlust, Profi zu sein

Seit Jahren Vereinskameraden bei Werder, traten Romain Edouard (hinten links) und Spartak Grigorian beim Claus-Dieter-Meyer-Gedenkturnier jetzt erstmals offiziell gegeneinander an.

Christina Kuhaupt

Es ist still im Raum. Eine Atmosphäre wie in der Schule zu Beginn einer Klassenarbeit. Der Unterschied: Vorne am Tisch sitzt nicht der Lehrer, sondern der Schiedsrichter. Und die 22 überwiegend jungen Frauen und Männer, die sich, getrennt durch Plexiglasscheiben, jeweils zu zweit an insgesamt elf Tischen gegenübersitzen, befinden sich in keiner Prüfungssituation. Sie spielen Schach. Jeden Tag eine Partie, seit vergangenem Sonnabend und noch bis zum kommenden Sonntag. Für die Besten wird es sich am Ende auch finanziell lohnen. Wer nach der neunten Runde die meisten Punkte hat, erhält das erste Preisgeld in Höhe von 1500 Euro.

Stille ist beim Schach nichts Ungewöhnliches. Und doch ist es beim Claus-Dieter-Meyer-Gedenkturnier des SV Werder in den oberen Räumen der Halle Hemelinger Straße derzeit noch ein bisschen leiser als sonst bei Spielen oder Turnieren. Denn diesmal müssen, zum Leidwesen der Veranstalter, die Zuschauer draußen bleiben. „Wir sind ja schon froh, dass wir den Aktiven überhaupt eine Spielmöglichkeit bieten können“, sagt Werders hauptberuflicher Trainer Jonathan Carlstedt, der sich mit Abteilungsleiter Oliver Höpfner und Werders Manager Olaf Steffens für das Turnier stark gemacht hat.

Internationales Schachturnier - Werder Bremen

Der Älteste im 22-köpfigen Teilnehmerfeld des Turniers: Werder-Manager Olaf Steffens.

Foto: Christina Kuhaupt

Olaf Steffens sprengt mit seinen 53 Jahren den Altersdurchschnitt der Teilnehmer. Doch vom Leistungsprofil passt der Fide-Meister – Fide ist die Abkürzung für den Schach-Weltverband – mit seiner aktuellen Elo-Wertungszahl 2171 ins Teilnehmerfeld hinein. Seine Ambitionen hingegen unterscheiden sich doch erheblich von denen seiner Konkurrenten. Die leistungsstärkeren Großmeister wie der Deutsche Alexander Donchenko (22 Jahre/Elo 2658), Werders Franzose Romain Edouard (29/2645) oder der Ungar Gabor Popp (33/2601) wollen, klar auch so ausgesprochen, das internationale Turnier gewinnen.

Großmeister Alexandr Fier (32/2562) aus Brasilien, die Weibliche Großmeisterin Melanie Lubbe (30/2254) aus Deutschland und Werders Neuzugang Lara Schulze (Fide-Meisterin/18/2314) freuen sich zu allererst darüber, mal wieder analog am Brett sitzen zu dürfen und nicht vor einem Rechner. Gleichwohl haben alle Teilnehmer mindestens ein Ziel: ihre Elo-Zahl zu verbessern. Einige streben außerdem ihre erste oder die nächsthöhere Meister-Norm an, die sie mit guten Resultaten jetzt in Bremen möglicherweise auch erreichen.

Werders Verantwortliche haben das Turnier vor allem aus zwei Gründen ins Leben gerufen: Zum Gedenken des früheren Werder-Trainers und langjährigen Motors der Abteilung, Claus Dieter Meyer, der im März 2020 gestorben ist; und zur Förderung der Talente aus den eigenen Reihen. Nicht nur natürlich, sonst wäre der zwölfjährige Inder Sreyas Payyapat (2144) wohl nicht dabei. Aber Jonathan Carlstedts Ziel ist schon, dass seine Schützlinge Spartak Grigorian (22/2433), Jari Reuker (19/2399), Nikolas Wachinger (17/2334), Collin Colbow (15/2247), David Kardoeus (23/2172) und Lara Schulze bald den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung gehen.

Bei Spartak Grigorian dürfte der Tag, an dem er seine Norm zum Internationalen Meister (IM) schafft, nicht mehr weit sein. Am Montag im Vereinsduell mit Romain Edouard hat der Wildeshauser mit armenischen Wurzeln schon mal ein Zeichen gesetzt. Das Duell zwischen dem Schach-Auszubildenden, der gerade seinen Bachelor in Logistic Management gemacht hat, und dem Schach-Profi aus Frankreich endete unentschieden. Kurioserweise war es das erste offizielle Spiel der beiden gegeneinander. Kurios deshalb, weil Edouard (seit 2012) und Grigorian (seit 2015) schon lange für Werder antreten.

Aber ein Mann wie Romain Edouard kommt viel herum, vor allem in Europa – und ist nicht dauerhaft in Bremen. Der 29-Jährige verdient sein Geld mit Schach, spielt – was in dieser Sportart möglich ist – nicht nur für Werder, sondern auch für Vereine in seiner Heimat, in Spanien, England und Belgien. Edouard hat mit fünf Jahren begonnen, schwimmt gern und ist seit seinem Abitur Profi. Er finanziert sich, indem er spielt, lehrt und Bücher schreibt. Und er genießt sein Leben wie es ist. „Ich bin glücklich“, sagt er und lacht.

„Ich genieße mein Leben jetzt auch gerade“, sagt Spartak Grigorian – und lacht ebenfalls. Er konzentriert sich für ein halbes Jahr voll auf Schach. Er liest viel über Schach, er bekommt Aufgaben und Dateien von seinem Trainer, er ist ehrgeizig und talentiert. Und trotzdem weiß er genau, dass das Profidasein für ihn nichts ist. „Ich sehe mich nicht als Profi“, sagt er. Jonathan Carlstedt ist bei aller Wertschätzung für seinen Spieler ehrlich genug zu sagen, dass er ihn auch nicht als Profi sieht. „Spartak müsste im Schach jetzt schon weiter sein, um so viel Geld verdienen zu können wie in seinem erlernten Beruf.“ Gleichwohl schätzt der Trainer den 22-Jährigen und ist davon überzeugt, dass er im Bundesliga-Team eines Tages sogar an einem der vorderen Bretter sitzen könnte. „Wichtig ist, dass Spartak für sich den richtigen Weg wählt.“

Spartak Grigorian ist fokussiert, hält sich mit Krafttraining fit, lebt für Schach, aber auch für anderes. Er ist seit Urzeiten Werder-Fan, hat eine Stehplatz-Dauerkarte in der Ostkurve und will sein Geld auf jeden Fall anders verdienen als mit dem Verschieben von Schachfiguren. Auch wenn er mithalten kann mit Topleuten wie Romain Edouard.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+