Dank Schulsportassistenzen

Bremer Schüler sollen mehr Bewegungsanreize bekommen

Mindestens 60 Minuten täglich sollte man sich aktiv bewegen. Die wenigsten Schülerinnen und Schüler kommen auf diesen Wert. Schulsportassistenten könnten Abhilfe schaffen, wenn es sie überall geben würde.
08.12.2020, 07:28
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremer Schüler sollen mehr Bewegungsanreize bekommen
Von Simon Wilke

60 Minuten am Tag sollten es schon sein, gerade für Kinder und Jugendliche, so wünscht es sich die Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Rede ist von körperlicher Aktivität, und gemeint sind damit solche Bewegungen, die zwar einerseits einen gesteigerten Energieverbrauch fordern, aber andererseits zugleich die körperliche und seelische Gesundheit fördern. Allein: Gerade einmal zehn Prozent der Mädchen und knapp siebzehn Prozent der Jungen im Alter zwischen elf und 15 Jahren erreichen in ihrem Alltag diesen Wert.

Einen Anreiz, für ein gesundes Bewegungspensum zu sorgen, könnten sogenannte Schulsportassistenten schaffen. Darunter versteht man extra qualifizierte Schülerinnen und Schüler, die beispielsweise in Schulpausen oder bei Projektwochen Bewegungsangebote machen – ein potenziell wichtiges Zusatzangebot, gerade auch im Ganztag. In Niedersachsen sind solche Assistenzen deshalb etabliert, in Sachsen-Anhalt auch. In Bremen gibt es das Angebot zwar ebenfalls, es wird aber längst nicht so oft genutzt, wie es sich die Beteiligten aus Sport und Politik wünschen würden.

Die letzte Qualifizierung, heißt es in einer Senatsantwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion, habe 2017 stattgefunden. Das sei „natürlich nicht zufriedenstellend“, sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). Sie betont, dass der Bekanntheitsgrad des Angebots in Zukunft gesteigert werden müsse. Andererseits würden die Schulen aber bereits jetzt jährlich auf die Möglichkeit der Qualifikation aufmerksam gemacht. Sie hält es für richtig, dass die Schulleitungen bei diesem Thema eigenverantwortlich entscheiden, ob sie sich an den für die Ausbildung zuständigen Landessportbund (LSB) wenden. Denn ob ein tatsächlicher Bedarf für das Angebot bestehe, könne man am besten vor Ort einschätzen. Dennoch: Kemp spricht sich dafür aus, das Thema Schulsportassistenzen auch im Ressort wieder auf die Tagesordnung zu holen. Klar ist: Einen dauerhaften Kommunikationskanal zwischen Schulen und LSB gibt es, jedenfalls derzeit, nicht.

FDP sieht Bildungsbehörde am Zug

Im Moment, sagt Linus Edwards, stellvertretender Geschäftsführer des LSB, laufe die Kontaktaufnahme stattdessen vor allem informell. Soll heißen: Wenn, dann wenden sich in erster Linie einzelne engagierte Lehrkräfte an den LSB, um mit ihren Klassen oder einer Gruppe von interessierten Schülerinnen und Schülern an den Lerneinheiten teilzunehmen. Ist der Kontakt erst einmal hergestellt, mache man in der Arbeit mit den Jugendlichen durchgehend positive Erfahrungen, sagt Edwards. Für die Vorsitzende der Sportdeputation, Birgit Bergmann (FDP), ein insgesamt unzureichender Zustand. Sie sieht die Bildungsbehörde in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Schulsportassistenz verstärkt fördern. Schließlich, sagt sie, seien Bewegungsangebote, notfalls auch in digitaler Form, nicht nur im Interesse der Gesundheit der Schülerinnen und Schüler, sondern erhöhten darüber hinaus nachweislich auch deren kognitive Leistungsfähigkeit.

Argumente, die sie gerade in Pandemiezeiten für wichtiger denn je hält. Schließlich seien viele der üblicherweise in Anspruch genommenen Bewegungsmöglichkeiten gerade komplett entfallen oder zumindest eingeschränkt. Bergmann spricht sich deshalb dafür aus, ein System zu etablieren, das Schulen darin stärkt, aktiv auf den Landessportbund zuzugehen, um Qualifikationskurse zu vereinbaren. Ihr Argument: Wer ein schulisches Bewegungsangebot möchte, soll sich auch darum bemühen und nicht auf eine Initiative des LSB warten. Als einen Baustein, um die Schulsportassistenz für die Schülerschaft attraktiver zu machen, kann sie sich vorstellen, mit der Teilnahme an den Assistenz-Kursen bestimmte Anreize zu verbinden. Günstiger ins Kino dank Schulsportassistenten-Ausweis also? Denkbar. Preisverleihungen an den Schulen? Ebenso. Und in der Bewerbungsmappe macht sich ehrenamtliches Engagement ohnehin gut. Oftmals, meint Bergmann, brächten Jugendliche die Motivation sich zu engagieren aber auch schon von sich aus mit.

Sportbund will Schulen unterstützen

Das eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Landessportbund wünschenswert wäre, bestätigt auch Edwards. Ihm geht es nun darum, ein Konzept zu entwickeln, das schulische und außerschulische Bewegungsangebote zusammenbringt, insbesondere im Bereich der Ganztagsbetreuung, wo genügend Zeit für kurze und längere Aktivitäten abseits vom regulären Sportunterricht sei. Er wünscht sich deshalb Gespräche, einen runden Tisch vielleicht, um Ideen zu entwickeln, wie der organisierte Sport die Bremer Schulen strukturell unterstützen kann. Denn der Status Quo könne sicher optimiert werden, sagt er.

Das allerdings wird noch dauern. Denn die Schulung künftiger Schulsportassistenten während der Pandemie hält Edwards nicht für praktikabel. Man könne beim LSB zwar auch digitale Lerneinheiten anbieten, doch die Arbeit vor Ort sei nicht umsetzbar. Trotzdem: Es soll sich etwas bewegen an Bremens Schulen. Und beim Landessportbund sei man dazu in der Lage, daran mitzuwirken. Selbst, wenn man dafür aktiv auf die Schulen zugehen müsste.

Info

Zur Sache

Was sind Schulsportassistenten?

Schulsportassistentinnen und -assistenten sind nicht etwa externe Lehrkräfte, sondern interessierte Jugendliche, meist zwischen zwölf und 15 Jahren, die beim Bremer Landessportbund (LSB) eine entsprechende Qualifikation erworben haben. Sie machen in Schulpausen oder bei Sportfesten eigene Bewegungsangebote. Die Qualifikation umfasst 32 Lerneinheiten zu je 45 Minuten, die von Angestellten und Honorarkräften des LSB angeleitet werden. In ihnen werden die Jugendlichen für Wahrnehmungs-, Aufwärm- oder Musikspiele geschult und ihnen Kommunikationsstrategien vermittelt. Ebenso werden eigene Übungsstunden erarbeitet.

Die Qualifikation vermittele Basiswissen, erklärt Linus Edwards vom LSB. Sie biete Anreiz und Orientierung für sportaffine Schülerinnen und Schüler und fördere gleichzeitig die Persönlichkeitsentwicklung. Abgeschlossen wird die Ausbildung zur Schulsportassistenz mit einer sogenannten Vorstufenqualifikation, die sich später häufig bei dem Erwerb einer Trainerlizenz anrechnen lässt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+