Taekwondo

Ein Seitenwechsel auf höchstem Niveau

Imke Turner hat im Taekwondo viele internationale Titel gefeiert, unter anderem fünf Weltmeisterschaften. Jetzt hat die gebürtige Bremerin als Aktive aufgehört und arbeitet seit 1. November als Bundestrainerin.
18.11.2020, 06:00
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Ein Seitenwechsel auf höchstem Niveau
Von Jörg Niemeyer
Ein Seitenwechsel auf höchstem Niveau

Ein Foto aus dem Jahr 2019: Imke Turner gelingt bei der Europameisterschaft in der Türkei die Titelverteidigung.

Tura-Pressestelle

Als begeisterte Musikerin hat Imke Turner vor langer Zeit erlebt, was ihr als Taekwondo-Kämpferin kein zweites Mal passieren soll. Die studierte Musikpädagogin spielte einst mit Leidenschaft Gitarre. Als die Zeit irgendwann nicht mehr reichte, um das Niveau halten zu können, war es um die Leidenschaft geschehen. „Es hat keinen Spaß mehr gemacht“, sagt die 57-Jährige. Mit der Folge, dass sie die Gitarre zum Spielen auch nicht mehr hervorgeholt hat.

Im Sport hat sich die Situation in diesem Jahr etwas anders dargestellt, das Ergebnis jedoch fällt ähnlich aus. Imke Turner betont zwar, dass die Pandemie nicht der Grund ist, dass sie ihre Laufbahn als Aktive beendet hat. Doch Corona hat nachgeholfen. Zumindest hat Covid 19 der fünffachen Weltmeisterin aus Bremen, die erst 1995 zum Taekwondo fand und danach eine sagenhafte Karriere hinlegte, früher als eigentlich geplant den Stecker gezogen.

Anders als damals mit der Gitarre, war die Leidenschaft bei Imke Turner im Frühjahr 2020 noch vorhanden. Die 57-Jährige hatte das große Ziel, ihren Technik-Einzeltitel von der WM 2018 im Mai in Dänemark zu verteidigen. Anders als damals mit der Gitarre, trainierte Imke Turner auch noch für das große Ziel. Dann kam der Lockdown, wochenlang ruhte der Sportbetrieb. Erst geriet die Vorbereitung auf die WM ins Stocken, dann sagte der Weltverband Ende März die Meisterschaft ab. „Ich wusste aber schon vorher, dass diese WM meine letzte sein würde“, sagt Imke Turner. Sie sei schon 2019 angesprochen worden, ob sie sich eine Zukunft als Technik-Bundestrainerin vorstellen könnte – da reifte also eine Entscheidung heran, die durch Corona letztlich nur beschleunigt wurde. Seit dem 1. November ist die gebürtige Bremerin und Wahl-Frankfurterin in ihrem neuen Amt.

Natürlich bedauert Imke Turner den Ausfall der WM. Denn so ist ihr die Chance genommen worden, sich standesgemäß zu verabschieden. „Vielleicht war Corona am Ende sogar hilfreich bei meiner Entscheidung, Bundestrainerin zu werden“, sagt sie. Wie damals bei der Geschichte mit der Gitarre, habe das fehlende Training im Frühjahr ihr Leistungsvermögen im Sport erheblich verringert. Ganz offen spricht Turner davon, dass sie nur wenig Lust verspürt habe, das Training für eine eventuell auf 2021 verschobene WM wieder hochzufahren. „Ich kann mir vorstellen, dass es komisch ist, nach langer Pause wieder in ein Turnier zu starten.“ Wie sie diese Worte so sagt, wird deutlich: Die Weltmeisterin möchte gar nicht ausprobieren, wie sich ein Neustart wohl anfühlt.

Imke Turner ist mit sich und der Entscheidung im Reinen. Jetzt steht der nationale Verband im Zentrum und nicht mehr ihre Laufbahn als Aktive. Theoretisch dürfte sie noch bei Turnieren und sogar der deutschen Meisterschaft starten, doch praktisch schließt sie das aus. „Das gehört sich nicht, dass ich bei einem Wettkampf gegen die Sportler antrete, die ich als Trainerin betreue.“ Nein, sagt sie, der Anreiz für eigene Wettkämpfe sei weg. Der bestand in den vergangenen Jahren vor allem aus den Teilnahmen an EM und WM – das ist Vergangenheit. Sie habe genügend Medaillen zu Hause, auch die lockten nun nicht mehr.

Ein klitzekleines Hintertürchen hält sich die seit vielen Jahren beim Hessischen Rundfunk arbeitende Hörfunk-Redakteurin aber noch offen. „Vielleicht habe ich in vier Jahren ja wieder Lust auf Training“, sagt sie. Ihr Vertrag als Bundestrainerin sei bis 2024 befristet – was danach kommt, sei offen. Erst mal freut sich Imke Turner aber riesig auf ihre neue Tätigkeit. „Mir macht der Wettkampfbetrieb ja Spaß“, sagt sie, „und als Bundestrainerin kann ich an diesem Thema dranbleiben.“ Sie habe die Erfahrung, andere Sportler zu coachen und zu motivieren. Das sollte einer vielfachen nationalen und internationalen Meisterin nicht abzusprechen sein – erst recht nicht vor dem Hintergrund, dass sie in den vergangenen sechs Jahren schon als erfolgreiche hessische Landestrainerin gearbeitet hat.

Jetzt also folgte der Aufstieg zur Bundestrainerin. In der Deutschen Taekwondo-Union habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, sagt Imke Turner. Als sie ihre internationale Karriere begann, habe es bei weitem nicht so viele Kadersportler gegeben wie jetzt. Und auch nicht so viele Altersklassen – sowohl in der Jugend als auch bei den Damen und Herren sowie in den Altersklassen. So sind allein im Technikbereich neben Imke Turner zwei weitere Bundestrainer tätig. „Im Vergleich zu früher werden die Aufgaben im Verband jetzt auf mehrere Schultern verteilt“, sagt die Bremerin.

Erste Erfahrungen als Übungsleiterin hatte Imke Turner beim Frankfurter Taekwondo-Verein Dojang gesammelt. Dem trat sie bei, nachdem sie 2001 beruflich in die Main-Metropole gewechselt war. Doch ihre Meistertitel feierte sie bis zuletzt als Starterin von Tura Bremen, immer noch eng verbunden mit ihrem langjährigen Heimtrainer Roland Klein. Inzwischen ist die 57-Jährige allerdings nur noch selten in Bremen. Im September hatte es mal wieder geklappt, aber häufiger als einmal pro Jahr schaffe sie es kaum. Und es ist wenig wahrscheinlich, dass sie als vielbeschäftigte Redakteurin und Bundestrainerin künftig mehr Zeit für die persönliche Kontaktpflege haben wird.

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