Sixdays

Wenn der Zirkus nicht kommt

Dem Mechaniker Jens Lentfer aus Lilienthal fehlt die Sechstage-Familie – dabei hat er Glück, dass er kein Profi-Mechaniker ist.
17.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wenn der Zirkus nicht kommt
Von Olaf Dorow
Wenn der Zirkus nicht kommt

Ein Mann, ein Rad, eine dauerhafte Beziehung: Mechaniker Jens Lentfer vom Fahrradgeschäft Wiegetritt in Lilienthal. siet Jahren gehört sein Jahresurlaub den Sixdays.

Frank Thomas Koch

Man könnte die Erzählung über Jens Lentfer schön reißerisch beginnen. Ungefähr so: Er ist ein Mann der Nacht. Wenn es dunkel wird, dann, ja dann schläft er nicht. Dann ist seine Zeit, dann ist er unterwegs, dann ist er aktiv. Inhaltlich wäre das nicht übertrieben, das ist seit vielen Jahren so, wenn die sechs Tage der Sixdays beginnen. Dass sie in diesem Jahr ausfallen, dafür kann Jens Lentfer ja nicht. Und außerdem ist er auch in diesem Januar immer noch ein bisschen ein Mann der Nacht. Er ist nicht nur Mechaniker bei den Sixdays, er trägt auch Zeitungen aus. Diese Zeitung übrigens.

Jens Lentfer, bald 33 und Single, gehört zu den Menschen, für die der erste Sixdays-Ausfall seit 1965 zwar voll doof, aber nicht voll bedrohlich ist. Die Sixdays sind sein Ding, aber nicht seine Existenzgrundlage. Profi-Mechaniker, die mit einem Rennstall durch die Welt ziehen oder auch mit verschiedenen Auftraggebern, die hätten teilweise viel existenziellere Sorgen, sagt er. Er selbst, so drückt Jens Lentfer das aus, habe nicht sein Hobby zum Beruf gemacht. Sondern quasi seinen Beruf zum Hobby. Glück gehabt, könnte man sagen. Zumindest, wenn man es jetzt mal durch die Pandemie-Brille betrachtet. Er arbeitet, als gelernter Kaufmann und ausgebildeter Mechaniker, in Lilienthal im Fahrradladen Wiegetritt. Der darf zwar den Shop nicht öffnen derzeit, aber immerhin die Werkstatt. Das Fahrrad-Geschäft laufe gut in diesen Pandemie-Zeiten, alledings nur eigentlich. Die Hersteller könnten zum Teil nicht beziehungsweise nur sehr verzögert liefern. Neulich, kurz vor Weihnachten habe eine Kundin ein E-Bike bestellt, erzählt Lentfer. Liefertermin des Herstellers: in knapp neun Monaten.

Sein Berufshobby lebt Jens Lentfer bei den Sechstagerennen aus. Bremen, Berlin, Kopenhagen. Die
Tour stehe jedes Jahr, dafür nehme er seinen Jahresurlaub. In Berlin feiere er meistens seinen Geburtstag, in Bremen sei er letztens mit Anfang 30 der dienstälteste Mechaniker gewesen. Schon als 15-Jähriger hatte er mitgeschraubt im Fahrerlager, und hatte danach kein einziges Jahr ausgelassen. Dieses Jahr wird er dann wohl im Sommer Urlaub machen und mit seinem Segelboot unterwegs sein. Das ist auch nicht schlecht, aber ihm fehle die Sechstage-Familie, gesteht er. „Ich vermisse den Kontakt“, sagt er, „das ist wie ein riesengroßer Zirkus, man sieht seine Familie wieder.“ So beschreibt er die alljährlichen Treffen mit den anderen Mechanikern, den Fahrern, den Masseuren, dem ganzen Sechstage-Tross.

Man sollte dabei nicht vergessen zu erwähnen, dass er etwas vermisst, was auch sehr anstrengend ist. Lentfers Sechstage-Tage haben irgendwie kaum ein Ende und einen Anfang. 2020 hatte er acht Fahrer zu betreuen. Mittags Räder putzen, dann kurz Leerlauf, dann ständig in Habacht-Stellung. Er muss für die verschiedenen Wettbewerbe jeweils die richtigen Gänge auflegen für die Rennmaschinen der Rennfahrer. Er darf sich da nicht vergucken im Zeitplan, und die Achsmutter muss immer sitzen. Ständig in Aktion, ständig auf der Hut. Wenn das Rennen vorbei ist, ist auch die halbe Nacht schon vorbei, dann vielleicht noch mal mit den Kollegen einen Absacker in Halle 4. Vorher lieber kein Alkohol. Und dann fährt Jens Lentfer heim nach Lilienthal, und bevor der Tag richtig anbricht, trägt er noch seine Zeitungen aus. Die Stille der Nacht dabei, die lasse ihn runterkommen nach dem Sechstage-Trubel, sagt er. Dann ein paar Stunden Schlaf, dann wieder hin zur Halle nach Bremen. Den „kleinen Jensi“ oder auch den „kleinen Bürgermeister“ nennen ihn da die Leute in seiner näheren Umgebung. Weil der Bremer Mechaniker Jörg Wohlleben der große Bürgermeister genannt wurde und so etwas wie der Mentor von Jens Lentfer war.

Außerdem wird unter den Masseuren oder Mechanikern auch gerne mal diese Geschichte vom im Wortsinn kleinen Jens erzählt, der heute als Erwachsener 1,75 Meter misst. Lentfer ist in dieser Episode noch 14, aber schon zum vierten Mal beim Kindernachmittag der Sixdays. Die Räder und das Rennen hatten es ihm längst angetan. Und nun durfte er nicht nur ins Fahrerlager, sondern auch auf die Bahn. Bei einem Dernyrennen durfte, sollte er Robert Bartko anschieben. Olympiasieger, Weltmeister, Sixdays-Champion. 1,86 Meter groß, rund 80 Kilogramm schwer, schwer übersehbar beim Erscheinen auf der Bahn. „Ich war 1,50 hoch“, erzählt Lentfer, „und dann sollte ich diesen Olympiasieger und Hünen anschieben.“ Hat aber geklappt. Der Champion ist nicht umgefallen. Die Erzählung vom kleinen Jensi beim großen Bremer Rennen hatte ihren Anfang.

Info

Zur Sache

Kindernachmittag als Karriere-Start

Schon so manche Karriere als Sixdays-Mitarbeiter, -Macher, -Helfer, -Fahrer, -Sponsor oder eben einfach treuer Besucher der Veranstaltung hat - wie bei Jens Lentfer - beim traditionellen Kindernachmittag am Sonnabend begonnen. Seit einigen Jahren wird er von den Veranstaltern neudeutsch Kidsday statt Kindernachmittag genannt. Für einige Stunden gehören die Hallen auf der Bürgerweide vorwiegend den Kindern, denen kostenfrei ein - oftmals erster - Blick ermöglicht wird auf das Geschehen auf der Bahn und um sie herum. Beim Kidsday 2020 war vor einem Jahr der Andrang besonders groß, als Darsteller von „The Voice of Germany“ und „The Voice Kids“ sowie Influencer dabei waren und für Autogramme und Selfies bereitstanden.

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