Veranstalter sehen Absagen auch als Chance

Sixdays-Absage stößt auf Verständnis und soll einmalig bleiben

Angesichts steigender Infektionszahlen kommen die Entscheidungen nicht überraschend. Aber die Veranstalter lassen sich nicht unterkriegen und sehen sogar die Chance, in der Zukunft noch besser zu werden.
20.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Sixdays-Absage stößt auf Verständnis und soll einmalig bleiben
Von Jörg Niemeyer
Sixdays-Absage stößt auf Verständnis und soll einmalig bleiben

Was für ein Spaß, was für eine Vollheit aus Anlass der Bremer Sixdays: So ein Bild wie 2018 wird es 2021 aus der ÖVB-Arena nicht geben.

Daniel Chatard

Die offizielle Mitteilung der Veranstalter kam am Mittwochmorgen – zu einem Zeitpunkt, als die Absage des 57. Bremer Sechstagerennens längst die Runde gemacht hatte. Am Dienstagnachmittag war publik geworden, was noch ein paar Stunden hätte intern bleiben sollen. Aber der Geschäftsführer der Event & Sport Nord GmbH (ESN), die die Sixdays veranstaltet, schien das Informationsleck vom Vortag schon fast vergessen zu haben. Als Geschäftsführer der Bremer Messegesellschaft M3B, der Hans Peter Schneider ebenfalls ist, hat er derzeit größere Sorgen als irgendwelche Lecks, denn vor den Sixdays hatte er schon zahlreiche Messen absagen müssen. Dass eine Nachricht früher als gewünscht öffentlich wird, könne mal passieren, wenn man vorab etliche Partner informieren wolle, sagte Schneider gelassen.

Dichtes Gedränge im Innenraum der ÖVB-Arena, auf den Tribünen und in den Nebenhallen auf der Bürgerweide sind derzeit weder erwünscht noch sinnvoll. Die Corona-Pandemie hat alle Lebensbereiche fest im Griff. Die Sixdays sind nicht die erste und werden nicht die letzte große Veranstaltung sein, die dem Virus und seinen Folgen zum Opfer fällt. „Absehbar und verständlich“: Mit diesen Worten kommentierte Erik Weispfennig die Absage. Als Sportlicher Leiter der Sixdays war er an allen Überlegungen beteiligt, ob das Rennen stattfinden soll oder nicht. „Die Entscheidung ist im Team gefallen“, sagte Schneider – und sie scheint überall auf Verständnis zu stoßen.

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Schneider zitierte, ohne Namen zu nennen, aus Mails, die er nach der Absage am Dienstag bereits bis Mittwochmorgen erhalten hatte. Da war von Bedauern die Rede, von Zustimmung und von der Bereitschaft, sich demnächst wieder zusammenzusetzen. Seit Mittwoch können Tickets fürs nächste Rennen bestellt werden – immer noch für die 57. Ausgabe, die jetzt aber nicht im Januar 2021, sondern erst vom 13. bis 18. Januar 2022 laufen wird.

Mit der Absage am Dienstag beginnen also die Planungen für das erste Rennen nach der ersten Unterbrechung seit 1965. Schlechtes Winterwetter oder durch das defekte Hallendach auf die Bahn tröpfelndes Wasser hatten die Sixdays nie wirklich bedroht – da musste erst Corona kommen. So bedauerlich Schneider und Weispfennig die Zwangspause auch finden: Sie betrachten sie ernsthaft auch als eine Chance. „Jetzt haben wir Zeit, um über neue Formate nachzudenken“, sagte Schneider, „und um das Thema Überregionalität und überregionale Partner anzugehen.“ Seine Worte klangen nicht nach Zweckoptimismus, Resignation und Untergang, sondern nach Aufbruch.

Sixdays 2018 - erstes Ausscheidungsfahren

Kein Rennen, kein Einkommen: Die Absage trifft die Profis hart.

Foto: Frank Koch

Auf das Prinzip Hoffnung setzen

Den Sixdays-Veranstaltern kommt zugute, dass sie zumindest keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Schaden haben. „Wir haben für das Marketing noch kein Geld ausgegeben“, sagte Schneider, „und das Sportbudget wird in diesem Jahr wohl keines sein.“ Natürlich hat die Absage Verlierer. Wo keine Gäste sind, wird nichts gegessen und getrunken. Da tritt auch kein Musiker oder Diskjockey auf. Und die Hotels verdienen nichts an auswärtigen Gästen oder an der Unterbringung von Fahrern und deren Begleitern. Alles schlimm genug. „Aber wir können doch nicht aufs Prinzip Hoffnung setzen und drauflos planen“, sagte Schneider, „deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Absage.“ Eine Absage womöglich erst im Dezember hätte dagegen zur Katastrophe werden können.

„Es gibt null Planungssicherheit, aber wir brauchen Sponsoren und Gäste“, sagte Erik Weispfennig, der auch als Veranstalter weiß, wovon er spricht. Im badischen Oberhausen ist der Ex-Weltmeister im Bahnfahren alljährlich Gastgeber der sogenannten Sixdays-Night, eines Sechstagerennens im Miniformat an nur einem Tag. 2020 fand auch sie nicht statt, wegen Corona. Weispfennig, ebenfalls Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer und daher sehr nahe dran am Bahn- und Straßenrennsport, weiß, dass Radsportler sehr flexibel sind. „Die erleben Absagen einen Tag vor dem Rennen“, sagte Weispfennig, „so etwas passiert auch.“ Entsprechend verständnisvoll hätten nun auch mögliche Kandidaten beziehungsweise die Zugpferde fürs Bremer Rennen 2021 reagiert. „Ich habe mit Theo Reinhardt, Kenny De Ketele und Sprinter Robert Förstemann gesprochen“, so Weispfennig, „die sehen es genau so wie wir. Da müssen wir jetzt einen Winter durch.“

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Sixdays als eine Disziplin des Radsports sieht Weispfennig aber nicht gefährdet. „Es ist jetzt ja kein wirklicher Rückschlag für die Sportart, sondern alles der Pandemie geschuldet“, sagte er. Obwohl auch das Rennen in Rotterdam im Herbst dieses Jahres bereits abgesagt ist, werde es weiterhin Sechstagerennen geben. Bedauerlich sei aber, dass die Fahrer im ohnehin schon dünnen Sixdays-Kalender nun noch weniger Einnahmen haben werden. Er selbst habe jedoch die Riesenchance, in Ruhe am Konzept für 2022 zu arbeiten. Seit Weispfennig ab den Sixdays 2012 die Sportliche Leitung übernommen hat, gab es in Bremen ständig Veränderungen. Sie gehören quasi zum Selbstverständnis der Organisatoren.

Messechef Hans Peter Schneider.

Messechef Hans Peter Schneider.

Foto: Frank Thomas Koch

Bremer Sixdays wird es weiter geben

Auch Hans Peter Schneider zögert nicht den Bruchteil einer Sekunde mit seiner Antwort: Ja, die Bremer Sixdays werde es weiter geben. Ob es bei einer einmaligen Absage bleibe, hänge aber entscheidend davon ab, „ob die Zukunft wieder normal wird“. Niemand wisse derzeit, wann das Geschäft wie weitergeht. Die Absage jetzt wäre vielleicht der Todesstoß für die Sixdays gewesen, wenn das Rennen im Januar 2020 ein Fiasko gewesen wäre. „Das war es aber nicht“, sagte Schneider.

Die Bremer Sixdays 2021 sind also Geschichte, bevor sie angeschossen worden sind. Für die Durchführung einiger Messen auf der Bürgerweide, die derzeit noch auf der Kippe stehen, will Schneider aber unverdrossen weiterkämpfen. Hallenchef Andreas Adolph habe inzwischen ein Hygienekonzept ausgearbeitet. Für Konzerte bringe das aber so wenig wie für die Sixdays: In einer Halle könnten nun einmal nicht Tausende von Menschen auf Abstand gehalten werden. So richtig die Absage des Sechstagerennens auch sei: Sie bereite ihm ein Gefühl der Leere, sagte Schneider. „Ein bisschen wie Weihnachten ohne Tannenbaum.“

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