Für Frauen läuft sie derzeit, die Fußball-Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland. Im kommenden Jahr wird die Europameisterschaft der Männer ausgetragen. Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität, die sich also weder als ausschließlich männlich noch weiblich identifizieren, dürfen laut DFB-Richtlinien selbst entscheiden, ob sie bei den Männern oder den Frauen mitspielen wollen. Dazwischen und außerhalb gibt es aber keine weiteren Kategorien. Die Einteilung in Männer- und Frauenteams ist aus vielen Vereinssportarten nicht wegzudenken. Wie gehen nicht-binäre Menschen damit um?
Der Landessportbund differenziert in der Mitgliederstatistik nicht nur nach Alter, sondern auch nach Geschlecht – männlich, weiblich und divers. Für die diesjährige Statistik haben im Kanu-Sport von 2371 erfassten Personen fünf angegeben, sich weder als männlich noch als weiblich zu identifizieren. Eine dieser Personen ist Caan Hollenbach. Hollenbach selbst bezeichnet sich als nicht-binär oder auch als genderfluid, demnach sind Geschlechtskategorien fließend und können sich mit der Zeit verändern. Seit Ende 2021 ist Hollenbach auf dem Kajak unterwegs, in der Regel mit einer weiteren Person. Auch weil Caan Hollenbach nicht an Wettkämpfen teilnimmt, die in Mann und Frau eingeteilt sind, sei die Präsenz von Geschlecht im Verein für Hollenbach relativ gering. Die Wahl sei aber nicht bewusst deshalb auf Kajak gefallen: "Wenn es nur die Möglichkeit gäbe, sich als männlich oder weiblich zu registrieren, wäre auch das kein Ausschlusskriterium", sagt Hollenbach.
Binarität, also die Zweiteilung der Geschlechter in Mann und Frau, begegnet Hollenbach aber zum Beispiel beim sogenannten Wanderfahrerabzeichen. Laut der Wandersportordnung des Deutschen-Kanu-Verbandes müssen Damen für die Auszeichnung in Bronze 500 Kilometer in einem Sportjahr gepaddelt haben, Herren hingegen 600 Kilometer. "Da wüsste ich dann nicht, wie das für mich funktionieren soll", sagt Hollenbach. Außerhalb des Vereinssports geht Hollenbach gerne bouldern, ein Sport, bei dem Geschlecht nahezu keine Rolle spiele.
Gerne bouldern geht auch Lukas Book. Book, 29 Jahre alt, spielt Quadball beim ATS Buntentor. Quadball dürfte manchen als Quidditch aus den Harry-Potter-Romanen bekannt sein. Dass der Sport nun aber Quadball heißt, hat zum einen mit den Lizenzrechten zu tun, "zum anderen mit transfeindlichen Aussagen der Autorin J.K. Rowling", so Book, von denen sich die Sportbegeisterten so distanzieren wollen. Beim Quadball stehen pro Team sieben Menschen auf dem Feld, eine Kontaktsport- und Ballsportart. Die Quadball-Gruppe kam auf den ATS Buntentor zu, um Teil des Vereins zu werden und an Wettkämpfen teilzunehmen. Eine Regel des Sports ist es, dass maximal vier Personen mit derselben Geschlechtsidentität auf dem Feld stehen dürfen. "Der Sport ist eine Sparte, die einen Gender-Mix von Anfang an mitgedacht hat", so Book.
Das sei nicht das Einzige, wodurch sich der geschlechtersensible Umgang beim Quadball zeige: "Häufig wird vor Spielbeginn gefragt, ob es Menschen gibt, die misgendert werden könnten". Misgendern heißt es, wenn Menschen nicht mit dem Geschlecht oder den Pronomen angesprochen werden, mit denen sie sich identifizieren. Trotz dieser Nachfrage könne es aber vorkommen, dass Book von Personen aus dem gegnerischen Team misgendert wird. Das kennt auch Caan Hollenbach, dabei ist es immer wieder aufs Neue eine Entscheidung, ob Hollenbach das dann korrigiert: "Ich habe keine Lust, dass jede Begegnung notwendigerweise eine aktivistische Aktion ist, weil es mir sehr viel Kraft raubt." Zudem sei es nicht Hollenbachs Aufgabe, alle Menschen aufzuklären. Wie sich Caan Hollenbach unbekannten Menschen gegenüber vorstellt, hängt damit zusammen, ob sich Hollenbach den Energieaufwand zutraut, aber auch damit, wie wohl oder sicher sich Hollenbach mit der anderen Person fühlt.
Auf dem Stadtwerder hat der ATS Buntentor eine geschlechterneutrale Kabine bauen lassen. "Wir wollten alle gesellschaftlichen Diskussion mit aufnehmen, ob im Bereich Klima oder halt Geschlecht", sagt Jürgen Maly, 1. Vorsitzender des Vereins zu diesem Schritt. Dazu zählten demnach ebenso eine Brennwertheizung wie eine geschlechtsneutrale Kabine. Die Kabine ist derzeit nicht ausschließlich nicht-binären Menschen vorenthalten, sie sei auch ein Ausweichort für diejenigen, die sich aus körperlichen oder psychischen Gründen unwohl fühlen, erklärt Maly.
Seit circa zwei Jahren lebt Lukas Book offen nonbinär. In einem Sportverein hat Book früher Fußball gespielt, etwas, das sich Book heute nicht mehr vorstellen kann: "Fußball zum Beispiel ist sehr in Binarität gefangen", sagt Book und fügt an, "dort wäre Angst auf jeden Fall ein Thema." Denn für Book ist der Sport nicht frei von seinen Strukturen. Was Book am Sport nerve, der starr nach einem Mann-Frau-Schema funktioniere, ist "ein Sich-Zuordnen-Müssen und ein Nicht-Gesehen-Sein", so Book. Das sei im Quadball-Team hingegen nicht so, dort könnten sich alle aneinander wenden. So auch bei Books Outing – "Das war im Team sehr einfach, weil alle sehr sensibel mit dem Thema umgegangen sind."