American Football

So trainieren die Bremen Firebirds in der Coronazeit

Headcoach Oliver Minschke hofft, dass so schnell wie möglich wieder American Football gespielt werden kann. Um trotzdem Spielen zu können, plant ein Bündnis von Vereinen aus Norddeutschland eine Alternative.
04.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
So trainieren die Bremen Firebirds in der Coronazeit
Von Frank Büter
So trainieren die Bremen Firebirds in der Coronazeit

Alles im Blick: Headcoach Oliver Minschke beim Training mit den Footballern der Bremen Firebirds.

Christina Kuhaupt

Die Pläne liegen bereit und müssen zu gegebener Zeit nur aus der Schublade geholt werden. Pläne für einen Spielbetrieb, den Oliver Minschke salopp als „Coronabowl“ bezeichnet. Wenn das Kontaktverbot aufgehoben ist, wollen die American Footballer im Norden wieder ihrem Hobby nachgehen. „Wir wollen nicht nur“, betont Minschke, „wir müssen es sogar, dringend." Weil die Vereine sonst Gefahr laufen, Spieler in größerer Zahl zu verlieren. „Es ist ohnehin schon immer schwierig, sich den langen Winter hindurch auf eine Saison vorzubereiten – wir können es nicht zulassen, dass sich die Pause jetzt noch mal um zwölf Monate verlängert.“

Oliver Minschke ist der Headcoach der Bremen Firebirds. Da der Spielbetrieb unterhalb der ersten und zweiten Bundesliga, der sogenannten German Football League (GFL 1 und 2), Corona-bedingt in diesem Jahr ausgesetzt ist, fehlt dem Bremer Oberligateam die Perspektive auf einen sportlichen Wettstreit. Aus diesem Grund soll nun in Eigenregie der Klubs eine Alternative geschaffen werden. Acht bis zehn Teams, schätzt Minschke, würden sich an solch einer Liga beteiligen. Teams aus Oldenburg, Bremerhaven, Bremen. Aus der Verbandsliga bis hoch zur Regionalliga. Minschke könnte sich einen Modus vorstellen mit Halbfinale und Finale, „Hauptsache Wettkampf“ sagt er. „Für die Jungs.“

Drei Jahrzehnte American Football gespielt

Minschke war viele Jahre selbst einer dieser „Jungs“. Drei Jahrzehnte lang hat der gebürtige Bremer American Football gespielt. Nicht immer, aber doch mehr als die Hälfte dieser Zeit bei den Firebirds, wo er seine aktive Laufbahn im vergangenen Jahr beendet und den Posten als Headcoach übernommen hat. „Von der Kraft und vom Kopf her kann ich wohl noch mithalten“, sagt der 47-Jährige. „Aber irgendwie geht es mir da wie Pizarro: Man wird dann doch zu alt und zu langsam.“

Oliver Minschke hat einen Schlussstrich gezogen hinter seine Spielerkarriere. Eine Karriere, die sich sehen lassen konnte. Auf höchstem Niveau hat er gespielt. Und er hat einen dieser Ringe gewonnen, für die ein Footballer so ziemlich alles geben würde. Minschke hat den Eurobowl gewonnen, den bedeutendsten europäischen Titel im American Football auf Vereinsebene– im Fußball ist das mit dem Gewinn der Champions League vergleichbar. Im Jahr 2003 war das. Minschke spielte zu der Zeit als linker Guard in der Offense-Line bei den Braunschweig Lions, die inzwischen New Yorker Lions heißen und mit zwölf Titeln deutscher Rekordmeister sind. Drei Spielzeiten lang, von 2001 bis 2003, war der Bremer ein Löwe. Bis zu viermal pro Woche ist Minschke nach Braunschweig zum Training gefahren, ein Riesenaufwand, ja, sagt er heute. Aber auch einer, der sich gelohnt habe. Sportlich und auch finanziell, da American Football um die Jahrtausendwende Sponsoren und Zuschauer mobilisiert habe.

Lesen Sie auch

Dreimal hat Minschke mit Braunschweig den Germanbowl erreicht, das Finale um die deutsche Meisterschaft. Doch in diesen Jahren reichte es nicht für den Titelgewinn. 13:31, 13:16 und 36:37 lauteten die Finalergebnisse, der Gegner heiß dabei jeweils Hamburg Blue Devils. Einen Ring gab es hier also noch nicht als bleibende Erinnerung, dafür aber viele andere tolle Erlebnisse. Spiele vor 34 000 Zuschauern im altehrwürdigen Niedersachsenstadion von Hannover etwa. Spiele, bei denen Nena oder Fury in the Slaughterhouse im Rahmenprogramm auftraten. „Das war der Hammer“, sagt Oliver Minschke.

Der eigentliche Hammer kam dann aber am 5. Juli 2003. Als Gastgeber gewannen die Lions im heimischen Stadion an der Hamburger Straße das Finale der European Football League gegen die Vikings aus Wien. Nach zweimaligem Rückstand setzten sich die Braunschweiger auch dank zweier Touchdowns des niederländischen Runningbacks Kim Kuci mit 21:14 durch. Minschke, der im Vorjahr mit seinem Team noch das Eurobowl-­Finale gegen die Bergamo Lions aus Italien mit 20:27 verloren hatte, war am Ziel seiner Wünsche. Einmal wollte er so einen Meisterring gewinnen.

2003 zu den Firebirds

Nach diesem Sommermärchen 2003 zog sich Minschke aus dem Spitzensport zurück. Zwei Jahre zuvor war seine Tochter zur Welt gekommen, „und die wollte ich aufwachsen sehen“, sagt der inzwischen in Grolland heimische Familienvater. So ganz ohne Football ging es dann aber doch nicht. Im November 2003 schloss er sich den Firebirds in Bremen an – und löste damit ein Versprechen ein, das er Klub-Präsident Jürgen Balz einige Jahre zuvor gegeben hatte. „Wenn ich meinen Ring habe, dann komme ich zu euch.“ Das habe er sinngemäß gesagt, als die Bravehearts Bremen, wo Minschke zuvor gespielt und sich auch als Jugendtrainer engagiert hatte, nach dem Erstligaaufstieg 1999 in die Insolvenz gegangen waren.

„Ich habe meine Jugendmannschaft damals fast komplett bei den Firebirds untergebracht und bin dann als Spieler weitergezogen, erst nach Hamburg zu den Huskies, dann nach Braunschweig.“ Und später wie versprochen weiter zu den Firebirds. Es war ein Glücksgriff für beide Seiten. Minschke hat sich seither in vielen Bereichen in den Dienst des Vereins gestellt. Als Spieler sowieso, aber auch als Unit-Coach für den Offensivbereich. Ehrenmitglied ist der 47-Jährige inzwischen – und nun auch Headcoach. Die Firebirds sind eine Herzensangelegenheit für den als Hauswart bei der Gewoba tätigen Oliver Minschke.

Lesen Sie auch

Umso schmerzhafter waren für ihn die Wochen des Lockdowns und des Kontaktverbotes. „Football ohne Kontakt ist einfach nur Mist“, sagt der Coach. „Das ist so, als würde man Tischtennis ohne Schläger spielen.“ Die jüngsten Lockerungen haben ihn deshalb frohlocken lassen. Kontaktsport ist in Gruppen mit bis zu zehn Personen wieder erlaubt. Die Firebirds haben ihre Trainingsinhalte umgestellt, „und schon geht die Trainingsbeteiligung wieder nach oben". Minschke weiß: „Bälle werfen und fangen kann ich auch am Strand. Die Jungs wollen sich auch körperlich messen.“ Minschke hofft, dass nun auch bald die Pläne für den „Coronabowl“ aus der Schublade geholt werden können. Er will die Jungs bei Laune halten. Seine Jungs.

Info

Zur Sache

Football im Bremer Osten

Der ASC Bremen Firebirds wurde 1992 gegründet und war zu dem Zeitpunkt nach den Bremerhaven Seahawks sowie den Bremen Buccaneers und den Wolverines, die später zu den Bravehearts fusionierten und nach dem Erstligaaufstieg 1999 Insolvenz anmelden mussten, die vierte Kraft im Bremer Landesverband. Der an der Osterholzer Heerstraße im Bremer Osten heimische Footballklub spielte zwischenzeitlich in der Regionalliga, aktuell ist der rund 200 Mitglieder zählende Verein mit seiner Herrenmannschaft in der Oberliga Süd vertreten. Zudem gibt es mit den Birds of Prey (15 bis 19 Jahre) eine Jugendmannschaft und eine sehr erfolgreiche Cheerleading-Abteilung. An der Spitze der Firebirds steht Präsident Jürgen Balz. Das Footballtraining findet dienstags und freitags statt, weitere Infos gibt es auf der Vereinshomepage unter www.bremen-football.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+