Sport mit Behinderung Sport mit und ohne Grenzen

Kirsten Bruhn, Nico Röger und Mike Schwenke haben eines gemeinsam: Sie sind Leistungssportler. Und sie haben ein Handicap. Beim ersten WK-Talk des WESER-KURIER schildern sie ihren schwierigen Weg.
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Sport mit und ohne Grenzen
Von Imke Wrage

Es gibt Tage, sagt Kirsten Bruhn, an denen der Schmerz kaum auszuhalten ist. Tage, an denen sie weinen will, weil sie es so vermisst: Tanzen, die ganze Nacht, zu 80er oder 90er-Songs. Richtig ausflippen, so lange, bis die Füße brennen. Oder am Strand spazieren, mit den Zehen durch den Sand fahren. „Ich habe das so geliebt“, sagt Bruhn. Aber das war früher, in ihrem alten Leben. Damals konnte sie noch laufen.

In ihrem neuen Leben sitzt Kirsten Bruhn im Rollstuhl. Sie hatte einen Motorradunfall, 1991, damals war sie 21 Jahre alt. „Ein paar Sekunden können über ein ganzes Leben entscheiden“, sagt sie. „Auf einmal war nichts mehr wie es war.“ Seitdem ist die heute 49-Jährige querschnittgelähmt, kann ihre Beine nicht bewegen. Was sie aber trotzdem kann, sehr gut sogar, ist schwimmen. Bruhn ist Leistungsschwimmerin und eine der bekanntesten und erfolgreichsten Aktiven im deutschen Behindertensport. 2004, 2008 und 2012 gewann sie jeweils Gold im 100 Meter Brustschwimmen bei den Paralympischen Spielen. „Für viele ist das unvorstellbar“, sagt Bruhn. „Schwimmen mit gelähmten Beinen. Aber es geht, bloß mit anderer Technik.“

Bruhn ist eine von drei Sportlern, die am Freitagabend im WKCafé Weserstrand zu Gast waren, um über ihr Leben und ihre sportliche Karriere zu sprechen. „Grenzenlos: Wie Menschen mit Handicap zu Leistungssportlern werden“ lautete das Thema des ersten WK-Talks, einem neuen Gesprächsformat des WESER-KURIER, moderiert von Sportchef Mathias Sonnenberg. Eingeladen waren neben Kirsten Bruhn auch Rollstuhlbasketballer Nico Röger vom TSV Achim und Sandra Schwenke, Mutter und Trainerin von Mike Schwenke, einem Bremer Leichtathleten mit Downsyndrom. Sie alle haben eines gemeinsam: Sport ist – trotz Behinderung – das Zentrum ihres Lebens.

Auch Nico Rögers Leben hat ein Davor und ein Danach. Das Davor, sagt er, das ist sein Leben auf dem Fußballplatz, das Leben als ganz normaler Junge. Es endete, als er zehn Jahre alt war. „Am Samstag hab ich noch auf den Platz gestanden, am Montag war klar, dass ich nie wieder Fußball spielen kann.“ Wegen Knieschmerzen kam er ins Krankenhaus. Die Diagnose lautete Knochenkrebs. Knie und Unterschenkel seines rechten Beins mussten amputiert werden. „Da war dann erstmal dieses Loch“, sagt Röger.

Aber Röger ist keiner, der sich aufgibt. Er kämpft sich zurück, auch im Sport. Weil es damals wenig Alternativen für Menschen mit Behinderung gibt, fängt Röger mit Rollstuhlbasketball an. Seitdem ist er beim TSV Achim aktiv, hat zwischendurch in Hannover gespielt. In seinem Team spielen Menschen mit und ohne Handicap zusammen, darunter Männer und Frauen, Junge und Alte. „Das ist einfach mega cool", sagt Röger. "Genau so sieht Inklusion aus." Und klar, sagt er, gehe es auch bei den "Rollis" hart zur Sache. "Wir legen richtig los, geben Vollgas. Alles andere wäre halbherzig."

Auch Mike Schwenke, 21, ist einer, der immer Vollgas gibt. In der Leichtathletik ist er Allroundtalent. In Deutschland ist er vermutlich der einzige "Downi", sagt Sandra Schwenke, der Stabhochsprung betreibt. 2017 wurde er Behindertensportler des Jahres. „Der Mike, der ist 'ne richtige kleine Rampensau geworden." Doch der Weg dahin war hart. Als Schwenke ihren Sohn, damals sechs, im Sportverein anmelden will, bekommt sie reihenweise Absagen. "Das Problem waren nicht die Kinder", sagt Schwenke. "Es waren die Erwachsenen, die mit seiner Behinderung nicht umgehen konnten."

Mikes Leben hat kein Davor und Danach. Aber es hat etwas, das auch Bruhn und Röger kennen: Grenzen. Die haben mit ihrer körperlichen Einschränkung zu tun. „Viel aber auch mit der Gesellschaft“, sagt Bruhn. Lange hatte sie das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. „Es ist ein anderes Leben mit Handicap, ja. Aber es ist lebenswert und selbstbestimmt. Davon will ich andere überzeugen.“

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