Springreiterin Janne Sosath

Ein Leben im Zeichen der Pferde

Sie arbeitet als studierte Betriebswirtin im familieneigenen Betrieb, sie ist zweifache Mutter und seit Kurzem auch noch deutsche Meisterin: Janne Sosath-Hahn aus Lemwerder führt ein sehr bewegtes Leben.
13.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Leben im Zeichen der Pferde
Von Jörg Niemeyer
Ein Leben im Zeichen der Pferde

Ein Blick in die Box auf dem familieneigenen Hof: Janne Sosath-Hahn, die frisch gebackene deutsche Amateurmeisterin im Springen, mit ihrer 13-jährigen Fuchsstute Cadora.

Frank Thomas Koch

Ungemütlich kühl, windig und grau ist es an diesem herbstlichen Dienstagmorgen in Lemwerder. Auf dem Hof Sosath, herrlich gelegen inmitten der weiten Weiden und Wiesen dieser platten Landschaft, kümmern sich Pfleger in den Stallungen um die Pferde. Draußen im tristen Grau und drinnen in der schmucken Halle wird geritten. Die Tiere wollen wenigstens bewegt, einige auch trainiert werden. Wie die Reitschüler, die an diesem Morgen ihre Stunde haben.

Im topgepflegten Stall herrscht an diesem Tag aber nicht nur der übliche Betrieb. Zusätzlich ist heute Fototermin. Janne Sosath-Hahn, die frisch gebackene deutsche Amateurmeisterin im Springen, hält ihr Erfolgspferd Cadora an der Leine. Hübsch gemacht werden muss die 13-jährige Fuchsstute für diesen Termin nicht – sie ist hübsch. Und stolz und gelassen. Der Job als Fotomodell bringt sie kein bisschen aus der Ruhe. Und es ist zu erkennen, dass Janne Sosath und ihre Stute auch außerhalb des Wettkampfgeschehens prächtig harmonieren.

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Als wäre der Alltag der berufstätigen Mutter nicht schon voll genug, muss sich Janne Sosath gerade auch vormittags noch um ihre beiden Kinder kümmern. Corona! In Lemwerder sind alle Einrichtungen geschlossen, Emil (6) und Gretke (3) müssen Zuhause bleiben. Nun ist das Zuhause der Sosaths alles andere als ein gewöhnliches Zuhause. Zumindest räumliche Enge ist hier nicht das Problem. Auf dem Hof in der Wesermarsch, der der Familie erstmals 1647 urkundlich zugeordnet werden kann, leben drei Sosath-Generationen zusammen und außerdem etwa 300 Pferde.

Der Hof in Lemwerder ist Wohnort, Arbeitsplatz und Gewerbebetrieb in einem. Für die 34-jährige Janne Sosath ist er alles zusammen, ebenso wie für ihren ein Jahr jüngeren Bruder Hendrik und ihren Vater Gerd (65). Sie leiten die Geschicke des Unternehmens gemeinsam. 15 Frauen und Männer bilden das Mitarbeiter-Team. Das Unternehmen Sosath fuße auf zwei Säulen, sagt Janne: Ein Pfeiler sei die Hengststation, der zweite der Verkauf von Pferden. 50 bis 70 Pferde werden jährlich auf dem Hof geboren, etwa die gleiche Anzahl wechsle den Besitzer.

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Der sportliche Erfolg der eigenen und selbst ausgebildeten Pferde ist natürlich verkaufsfördernd. „Alles hängt zusammen“, sagt Janne Sosath. Seit vielen Jahren ist ihre Familie erfolgreich – sowohl bei Turnieren als auch in der Zucht und im Verkauf. Als Janne und Hendrik noch klein waren, lag das Geschäft in den Händen von Gerd Sosath. So lange der heute 65-Jährige ritt, so lange war er auch erfolgreich. Sosath feierte Siege bei großen Turnieren und stellte mit Landor S 1997 beim Bundeschampionat in Warendorf sogar einen Siegerhengst.

Nach und nach taten es die Kinder dem Vater gleich. Janne und Hendrik gewannen S-Springen, der Sohn wurde 2009 im Deutschen Spring-Derby mit dem selbst gezogenen Laokoon Vierter und ritt 2019 beim CHIO in Aachen mit. Nach einer Schulter-Operation vor einigen Jahren hat Gerd Sosath den Turniersport an den Nagel gehängt, ist auf dem Hof aber so allgegenwärtig wie seit Jahrzehnten.

Mit dem feinen Unterschied, dass er jetzt häufiger mit seinen fünf Enkeln zu sehen ist und dass ihm seine Kinder Aufgaben abgenommen haben. Hendrik ist gelernter Pferdewirt mit Schwerpunkt Reiten und Berufsreitlehrer. Janne hat Betriebswirtschaftslehre studiert und kümmert sich halbtags um die Bereiche Soziale Medien und Veranstaltungen. Komplettiert wird die Spitze des Familienbetriebs durch Mutter Inga, die für Verwaltung und Buchhaltung zuständig ist.

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Jannes Alltag ist ausgefüllt. „Reitest du gleich noch?“, fragt Vater Gerd, nachdem gerade noch der sechsjährige Emil die Dienste seiner Mutter als „Aushilfslehrerin“ benötigt hat. Ach, Corona! Wegen der Pandemie ist das Veranstaltungsgeschehen auf dem Hof zusammen gebrochen. Zum Glück, so sagt Janne, werden mit den Events keine Einnahmen erzielt, die folglich jetzt sonst fehlten. „Aber Tag der offenen Tür, Osterball, Züchteradvent oder Hengstschau sind natürlich wichtig fürs Marketing und das Image“, sagt die 34-Jährige. Diese Form der Präsentation falle derzeit weg, ebenso wie die Kontakte zu den Kunden aus Nordamerika. Wenigstens habe Corona die Geschäfte in Deutschland und Europa nicht so eingeschränkt wie die mit Partnern aus Übersee.

Weil Janne Sosath mit Familie und Beruf genug zu tun hat, fehlt ihr die Zeit fürs Reiten. „Vielleicht waren es fünf Turniere in diesem Jahr“, sagt sie, ohne sich zu beschweren. Mehr Reitsport wäre zu viel Stress für alle, und mit den Kindern könne sie dann nicht mehr in den Zoo gehen. „Jetzt ist alles gut wie es ist“, sagt die junge Mutter, die ja trotzdem gerade ihren bislang größten sportlichen Erfolg feiern durfte. In Münster-Handorf wurde die 34-Jährige deutsche Amateurmeisterin. Diese Titelkämpfe sind für diejenigen Sportler über 26 Jahre, die zwar auf hohem Niveau, aber nicht hauptberuflich reiten. Das Besondere an der Meisterschaft: Sie bestand aus drei Prüfungsteilen, von denen die Lemwerderanerin den ersten gewann. In den beiden anderen war sie so gut unterwegs, dass es für sie und Cadora zu Platz eins reichte.

Wie es sportlich weitergeht? „Ich möchte unbedingt noch mein Goldenes Reitabzeichen schaffen“, sagt Janne Sosath. Bis auf einen Sieg in einem Zwei-Sterne-S-Springen hat sie die Bedingungen bereits erfüllt. Gut möglich, dass Cadora Janne Sosath an dieses Ziel tragen wird. Denn Cadora ist, zur Freude der deutschen Meisterin, kein Verkaufspferd. Sie ist auf dem Hof geboren, Vater Gerd und Bruder Hendrik haben mit ihr schon große Siege gefeiert, bevor seit zwei Jahren nun Janne ihr Glück mit der Stute gefunden hat. „Sie bleibt hoffentlich für immer bei uns“, sagt sie. Jung genug für weitere gemeinsame Erfolge sind Reiterin und Pferd auf jeden Fall.

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