Ein Leben nach dem Sport Stefan und Angelina Hübner haben Zeit für Herzenssachen

Die früheren Weltklasse-Volleyballer Stefan und Angelina Hübner haben sich ein Leben nach dem Sport aufgebaut.
06.03.2017, 19:31
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Stefan und Angelina Hübner haben Zeit für Herzenssachen
Von Andreas Lesch

Die früheren Weltklasse-Volleyballer Stefan und Angelina Hübner haben sich ein Leben nach dem Sport aufgebaut.

Ob er noch Volleyball spielt? Nein, sagt Stefan Hübner: „Genug gemacht für zwei Leben.” Volleyball reizt ihn nicht mehr. „Erschreckt mich selbst manchmal.” Vor Jahren hat er in Köln ein bisschen auf Sand gedaddelt. „Aber da ging’s mehr um das Biertrinken hinterher.“ Stefan Hübner ist 41 Jahre alt, er hat 245 Länderspiele für Deutschland absolviert, er war mal einer der besten Mittelblocker der Welt. Heute trainiert er den Bundesligisten SVG Lüneburg, gerade hat sich sein Team im dritten Jahr nach dem Aufstieg zum dritten Mal für das Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft qualifiziert. Vermisst er seine Sportlerkarriere? „Für mich ist das schon so weit weg”, sagt Stefan Hübner. „Das ist einmal gelebt, und das ist auch gut so.”

Paar hat zwei Söhne

Ob sie noch Volleyball spielt? Braucht man Angelina Hübner gerade nicht zu fragen. In der vergangenen Woche hat sie ihr zweites Kind bekommen, Benjamin, einen kleinen Bruder für Jakob, der im Jahr 2014 auf die Welt gekommen ist. Angelina Hübner sagt, sie sei schon seit der Geburt ihres ersten Kindes „im Hauptjob definitiv Mutter”. Sie ist 37 Jahre alt, sie hat 297 Länderspiele für Deutschland absolviert, sie war mal eine der besten Außenangreiferinnen der Welt; unter ihrem Mädchennamen Grün war sie in der Branche berühmt. Vermisst sie ihre Sportlerkarriere? „Wir sind ja noch so nah dran”, sagt Angelina Hübner. „Dadurch können wir die Emotionen weiterleben, die diesen Sport ausmachen.”

Die Geschichte des Ehepaars Stefan und Angelina Hübner erzählt davon, wie radikal der Sport das Leben der Athleten bestimmt – und wie es für sie ist, wenn dieser Bestimmer nicht mehr da ist. Wenn Menschen, deren Alltag immer von großen Turnieren, von weiten Reisen, vom Applaus des Publikums und der Schnelllebigkeit des Geschäfts dominiert worden ist, plötzlich neu überlegen müssen, was ihnen wichtig ist.

Die Hübners reisen weniger

Die Hübners sind kluge, reflektierte Menschen. Aber auch sie haben eine Zeit gebraucht, um die Antwort auf diese Frage zu finden. Früher hat Stefan Hübner lange für Vereine in Italien gespielt, und er hat an Turnieren in Japan, Russland, China teilgenommen. Angelina Hübner hat bei Klubs in Italien, in der Türkei, in Russland und Aserbaidschan unter Vertrag gestanden; mit dem Nationalteam hat sie die Olympischen Spiele in Sydney und Athen erlebt.

Heute reisen die Hübners nicht mehr so viel. Heute haben sie: zwei Kinder, eine Doppelhaushälfte mit Carport – und Nachbarn, mit denen sie Silvester feiern und sich sonntags zum Bolzen treffen. „Wir leben so ein bisschen das, wonach wir uns nach 15 Jahren Nomadenleben gesehnt haben”, sagt Stefan Hübner. Aber sie haben sich erst daran gewöhnen müssen. Angelina Hübner erinnert sich, sie habe sich „vor anderthalb Jahren sehr gesträubt”, die Doppelhaushälfte zu mieten. Sie kannte das nicht: so bürgerlich zu leben, so verwurzelt zu sein. Sie sagt: „Ich wusste ja gar nicht: Was tut einer Familie gut?”

Trainerausbildung und Sportmanagementstudium

Zunächst zogen die Hübners nach dem Ende ihrer Karriere nach Köln. Sie wohnten in einer Ecke, in der viele Sportler wohnten. Sie fühlten sich wohl. Stefan Hübner machte eine Trainerausbildung und betreute den Zweitligisten TSG Solingen. Seine Frau studierte Sportmanagement und machte eine Coaching-Ausbildung. Sie hatten ihren Weg nie genau geplant. „Wir haben versucht, uns davon leiten zu lassen, wofür das Herz brennt”, sagt Angelina Hübner.

Sie und ihr Mann sind keine Sportler mehr, aber sie wollen vom Sport nicht lassen. Angelina Hübner hat begonnen, zusammen mit der Rechtsanwältin Judith Pelzer Volleyballerinnen zu beraten und zu betreuen. Sie versuchte, den Athletinnen nah zu sein und ihnen Wärme zu schenken in einem oft kalten Geschäft. Sie wollte ihren Klientinnen den Halt geben, den sie in ihrer aktiven Karriere vermisst hat. „Ich hätte mir manchmal gewünscht, ich hätte die Sachen mehr genossen, während ich sie noch gemacht habe”, sagt Angelina Hübner. „Vieles ist mir einfach so passiert.” Wenn ihre Klientinnen nun ein bisschen bewusster leben, dann freut sie das. Dann spürt sie, wie sie den Sport immer noch prägen kann – nur eben in einer anderen Rolle als früher.

Neue Projekte, viele Ideen

Angelina Hübner hat viele Ideen, sie entwickelt auch neue Projekte. Aber wann sie sie umsetzen kann, das weiß sie noch nicht. Sie sagt: „Ich hinterfrage immer: Wie ist das kompatibel mit dem Familienleben?” Diese Frage taucht ständig auf, wenn die Hübners überlegen, wie es weitergehen soll. Als Stefan Hübner 2014 den Trainer-Job beim Erstliga-Aufsteiger SVG Lüneburg begann, haben er und seine Frau ihre Wohnung in Köln zuerst noch nicht aufgegeben. Sie sind gependelt. Sie wussten ja nicht, ob das Lüneburger Projekt funktioniert. Angelina Hübner erzählt: „Wir haben diskutiert: Ist das jetzt unser Zuhause für eine längere Zeit? Als Eltern hat man ja einfach eine andere Verantwortung, eine Konstanz zu bieten.”

Diese Konstanz haben sie jetzt. Stefan Hübner hat seinen Vertrag in Lüneburg bis 2019 verlängert. In den vergangenen beiden Jahren hat er sein Team überraschend ins Halbfinale geführt, nun soll das ein drittes Mal gelingen. Er weiß, dass der Etat, die Halle und die Organisation seines Klubs mit den Spitzenteams aus Berlin und Friedrichshafen nicht mithalten können. Ihm ist bewusst, dass seine Mannschaft noch längst nicht auf dem Weltklasse-Niveau spielt, auf dem er einst gespielt hat. Aber Stefan Hübner sagt, Lüneburg sei für ihn ein langfristiges Projekt, zu dem Geduld gehört. Er will nur, dass der Verein sich entwickelt – wenn auch in kleinen Schritten. Er will das Gefühl haben, dass eine Vision da ist, die alle bewegt. Was seine Vision ist? „Eine Topadresse zu werden in Deutschland – sportlich, von der Infrastruktur, der ganze Verein.”

Ehrgeiz ist geblieben

Sein Ehrgeiz von früher, der ist noch da. Und so wirkt der Sport natürlich noch immer in das Leben der Hübners hinein. Stefan Hübner hat abends, wenn viele Väter ihre Kinder ins Bett bringen, oft Training. Dafür ist er tagsüber häufig zu Hause. Er kann, wenn jetzt die Viertelfinals um die deutsche Meisterschaft beginnen, nicht einfach Urlaub nehmen – auch wenn gerade sein zweiter Sohn geboren worden ist.

Früher, als er noch Volleyballer war, hat Stefan Hübner häufig Knieprobleme gehabt. Heute, da er Trainer und Vater ist, geht's dem Knie besser. Er sagt: „Ich bin froh, dass ich null Probleme damit habe, wenn ich auf den Knien rumkrabbele mit meinem Sohn.” Sein Sport hat ihn geprägt. Aber er lässt ihm die Kraft für das Leben danach.

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