Weltmeister-Trainer im Interview

Tanztrainer Roberto Albanese: „Dann werde ich eben Pizzabote“

Weltmeister-Trainer Roberto Albanese über die Auszeit im Tanzsport, Wut auf den Fußball und den Auftritt bei Let's Dance
26.04.2020, 06:11
Lesedauer: 5 Min
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Tanztrainer Roberto Albanese: „Dann werde ich eben Pizzabote“
Von Mathias Sonnenberg

Herr Albanese, was macht eigentlich ein Tanzlehrer, wenn nicht getanzt werden darf?

Roberto Albanese: Ja, das ist wirklich schwer. Wir machen viel Training über Zoom, also Videokonferenzen, da schalten sich alle ein. Aber ganz ehrlich: Einfach ist das alles nicht.

Wie hat sich Ihr Lebensalltag verändert?

Die ersten zwei Wochen waren eine Katastrophe, ich war noch voll auf Touren, auf 100 Prozent. Die Meisterschaften, die Turniere im Juli hier bei uns, die Paare waren alle auf dem Leistungshöchststand. Und auf einmal musste ich von zwölf bis 14 Stunden Arbeit pro Tag auf null runter. Das hat mich erst mal wahnsinnig gemacht. Ich bin ja keiner, der stillsitzen und gar nichts machen kann. Und gerade, wenn du an so einem Punkt warst, an dem richtig viel gearbeitet wurde.

Wann ist Ihnen den so richtig klar geworden: Corona, das ist jetzt keine Sache von zwei, drei Wochen, sondern womöglich von mehreren Monaten.

Das ist mir klar geworden, als ich im März in Magdeburg alles aufgebaut hatte für die deutsche Meisterschaft der S-Klasse Latein und dann die Bundeskanzlerin in der Öffentlichkeit verkündete, dass eigentlich nichts mehr geht. Und ich stand da in Magdeburg und alles war vorbei.

Mit welchen Gefühlen?

Dass ich auch sehr viel Geld verloren habe. Und natürlich war da auch die Enttäuschung der Tänzer, die alle nicht mehr durften und dastanden und sagten: Mist, die ganze Vorbereitung ist jetzt für den Eimer.

Und Sie sind nach Bremen gefahren und haben sich mit einer Kiste Bier eingeschlossen?

Genau so, aber nicht mit einer Kiste Bier, ich habe eine Flasche Wein zu mir genommen.

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Wie lange hält der Frust bei Ihnen an?

Der ist jetzt noch immer da. Ich akzeptiere, dass man vorsichtig sein muss, aber diese ganzen Widersprüchlichkeiten der Landesregierungen, die nerven wirklich. Alle sagen was anderes, das ist eine Katastrophe. Ich wünsche mir, dass jetzt mal einheitlich was entschieden wird, ich empfinde das als nicht besonders gut organisiert.

Wo wären Sie jetzt an diesem Wochenende?

Warten Sie mal, hmm, wir haben Ende April, da hätte ich ein Turnier gewertet, ich glaube in Rumänien. Bei mir ist alles ausgefallen, alles auf null gesetzt, komplett. Und ich weiß auch nicht, wie das mit dem Tanzsport jetzt weitergehen soll. Wir sind ja nun mal eine Kontaktsportart. Aber...

...ja?

Fußball ist doch auch eine Kontaktsportart. Oder wollen die mir jetzt sagen, dass die sich nicht mehr berühren und nicht mehr foulen? Wo ist da der Unterschied, wo wird da eine Grenze gezogen?

Profi-Fußball dient der Berufsausübung, das ist etwa der Unterschied zum Tanzen.

Aber viele unserer Tänzer und Tänzerinnen sind ja auch im richtigen Leben ein Paar, die wohnen zusammen. Warum können die dann nicht gemeinsam trainieren?

Haben Sie beim Ordnungsamt einen Antrag gestellt auf Ausübung des Trainingsbetriebs?

Ja, wir stehen schon die ganze Zeit mit der Politik in Kontakt.

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Wie viele Veranstaltungen und Geld haben Sie bislang in der Krise verloren?

Unser Dancing Superstars Festival im Juli in Bremen hätte 280.000 Euro gekostet, das fällt jetzt komplett aus. Die Veranstaltung im Magdeburg mit 120.000 Euro ist verloren gegangen. Dazu kommen meine Lehrgänge, die Wertungsrichter- und Trainerkongresse, die ich regelmäßig durchführe – alles ersatzlos ausgefallen. Und wir haben ja jetzt gerade die Hochzeit im Tanzen.

Haben Sie ein Gefühl dafür, wann es wieder losgehen könnte?

Nee, gar nicht. So wie sich die Politik derzeit äußert, habe ich null Gefühl dafür, wann es weitergehen könnte mit unserem Sport.

Dabei sind Sie ja ein optimistischer Mensch. Wie schlaflos sind Sie?

Das war ich tatsächlich die ersten Wochen, aber das ist vorbei. Ich bin ein Stehaufmännchen. Wenn ich jetzt in die Knie gezwungen werde und was ganz anderes machen muss, dann werde ich eben Pizzabote. Das wäre dann auch egal, das Leben geht ja weiter. Es soll natürlich nicht passieren, aber ich bin wirklich keiner, der den Kopf in den Sand steckt und an nichts anderes mehr denkt.

Sondern?

Ich muss mich beschäftigen, ich muss was machen, das ist mein Naturell. Rumsitzen und ruhige Kugel, das geht nicht.

Deshalb sind Sie erst mal in der Let‘s Dance-Show bei RTL aufgetreten.

Der Auftritt war ja schon vorher abgemacht. Da diese Sendung ja noch stattfinden darf, bin ich letzte Woche wieder dabei gewesen, so wie eigentlich jedes Jahr.

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War das ein einmaliger Auftritt? RTL-Juror Joachim Llambi hatte sogar den Plüschtiger, das Maskottchen vom Grün-Gold-Club, sehr auffällig vor sich gelegt.

Ich war öfter zu den Dreharbeiten bei RTL in Köln, aber der Auftritt war jetzt nur einmalig. Die Show ist ja sehr eingeschränkt in ihren Möglichkeiten. Das hat eigentlich auch nichts mit den Kontaktbeschränkungen zu tun, die es für das öffentliche Leben gibt. Aber es muss ja auch ein bisschen Unterhaltung geben, da wird schon mal eine Auge zugedrückt. Let‘s Dance ist nun mal das erfolgreichste Show-­Format für RTL, da geht es auch um viel Geld.

Und jetzt schauen Sie freitags immer die Show?

Na klar, jetzt hab‘ ich ja viel Zeit.

Aber brauchen die Menschen nicht auch ein bisschen Abwechslung? Das ist auch ein gängiges Argument für die Geisterspiele im Fußball: Der Mensch braucht Zerstreuung und Unterhaltung.

Ja, aber ich habe da eine klare Meinung: Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle Leistungssportler in Deutschland, für die Olympioniken, Parasportler, Breiten- oder Freizeitsportler, wenn ein paar Fußballer trotz aller Verbote ihren Sport ausüben dürfen. Der Fußball hat da eine Vorbildfunktion und das gilt auch für die Vereine. Ob einer insolvent geht, der eine Million Euro verdient oder nur 2000 Euro, wo ist da der Unterschied? Vielen geht es schlecht, vielleicht überlegt der Fußball jetzt mal, was für ein Wahnsinn es ist, was da für ein Geld fließt. Das ist doch nicht normal.

Aber der Fußball sagt: Wir haben mit den Vereinen auch Wirtschaftsunternehmen, die gestützt werden müssen. So wie andere Firmen und Unternehmen in anderen Branchen auch.

Ja, aber dann können wir ja mal die 5000 Tanzschulen in Deutschland zusammen nehmen, die auch Wirtschaftsunternehmen sind und Angestellte haben. Wenn das multipliziert wird, kommen da viele Menschen zusammen. Für mich geht es um die menschlichen Schicksale. Und die sind hier genau so groß wie vielleicht in Fußball-Vereinen. Aber dort gibt es Ausnahmen, die wir nicht bekommen. Und ich registriere, welch große Sonderstellung der Fußball einnimmt. Das finde ich extrem ungerecht.

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Wie halten Sie sich eigentlich gerade fit?

Laufen, Crosstraining, Gartenarbeiten, Garage streichen. Da kommen ein paar Dinge zusammen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht habe. Und Zeit mit der Familie ist ja auch etwas, was jetzt endlich mal wieder stattfindet. Wir verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander.

Und Kontakt zu Ihren Tänzern haben Sie per Video?

Es geht ja auch darum, dass wir die geplanten Gruppentrainings weiter fortführen. Da kann ich auch ich viel analysieren. Das ersetzt natürlich niemals ein echtes Training. Aber positiv ist, dass man sich jetzt mal als Einzeltänzer analysieren kann, weil ich die Zeit habe. Was ist gut gelaufen, wo hapert es noch, in welchen Bereichen kann ich besser werden?

Wird das angenommen?

Ja, die haben ja aber auch keine andere Möglichkeit. Wir haben feste Tage und feste Uhrzeiten, nach denen wir trainieren. Mehr können wir nicht machen.

Was machen Ihnen jetzt Hoffnung?

Das Gespräch der Bundeskanzlerin am kommenden Donnerstag mit den Länderchefs. Dort soll es ja eine Prognose geben, wie es weitergeht. Ich hoffe, dass wir dann schlauer sind. Vielleicht gehen ja Trainingseinheiten mit einer bestimmten Anzahl von Tänzern.

Und was ist mit der Weltmeisterschaft im Dezember in Bremen?

Wir hoffen, dass sich die Krise bis dahin wieder etwas erholt hat. Wenn die WM ausfällt, wäre das für uns alle eine wirtschaftliche Katastrophe, der Knockout. Eine Tanz-WM ohne Zuschauer können wir jedenfalls nicht finanzieren. Es sei denn, die Stadt bezahlt das.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Roberto Albanese (46)

ist Tanzsporttrainer und Choreograf und arbeitet seit dem Zusammenschluss mit dem TSC Schwarz-Silber Bremen im Jahr 2002 für den Grün-Gold-Club. Unter seiner Regie wurde der Klub 16-mal Deutscher Meister, viermal Europameister und zehnmal Weltmeister. Albanese ist verheiratet, das Paar hat eine Tochter.

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