Tänzer des Grün-Gold-Club Bremen im Interview

Thomas Friedrich: „Ich stelle mich auf jede Dame einzeln ein“

Seit 2002 tanzt Thomas Friedrich für den Grün-Gold-Club Bremen. Im Interview berichtet der Formationstänzer über Störfaktoren vor einem Auftritt und wie man sich als Mann auf seine Tanzpartnerin einstellt.
11.01.2020, 21:37
Lesedauer: 6 Min
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Thomas Friedrich: „Ich stelle mich auf jede Dame einzeln ein“
Von Frank Büter
Thomas Friedrich: „Ich stelle mich auf jede Dame einzeln ein“

Mit der Lateinformation des Tanzclubs Grün-Gold-Bremen hat Thomas Friedrich zehn Weltmeistertitel gewonnen.

Frank Thomas Koch

Herr Friedrich, Ihr langjähriger Trainer Roberto Albanese hat Sie kürzlich als „Pelé des Formationstanzens“ bezeichnet. Fühlt man sich da geadelt?

Thomas Friedrich: Das ist schon ein echter Ritterschlag! Und das motiviert mich noch mal, weiterzumachen.

Sie sind inzwischen 42…

…und der Oldie im Team, ja. Aber die jungen Leute halten mich frisch. Das Team ändert sich ja eigentlich jährlich. Es kommen immer neue, coole Leute dazu. Das macht es immer wieder interessant. Und man bleibt jung dadurch.

Sie sind nicht nur der Routinier im Team, sondern mit zehn Weltmeistertiteln auch der Rekordchampion des Vereins. Wie fühlt sich das an?

Das ist schon cool. Allein die Vorstellung, mal 50 Turniere zu tanzen, da war nicht mit zu rechnen. Dann 75. Dann die Goldene Ehrennadel vom Deutschen Tanzsportverband für 100 Turniere. Da überhaupt hinzukommen, Wahnsinn. Jetzt stehe ich bei 188 Turnieren – und habe auch noch diese ganzen Titel in der Tasche. Das hätte ich mir niemals erträumt.

Um das zu begreifen, werfen Sie hin und wieder einen Blick auf den Vitrinenschrank mit den Auszeichnungen und WM-Medaillen.

Ich habe gar keine Vitrine dafür. Die müsste ich mir vielleicht mal anschaffen. Im Moment sind die Medaillen auf mehrere Räume verteilt, liegen hier und dort. Andererseits war ich auch mal ganz froh darüber: Bei uns wurde vor zwei Jahren eingebrochen, da hat man mir vier Medaillen geklaut. Dabei sind die finanziell ja eigentlich nichts wert…

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Sie haben bereits als Zwölfjähriger mit dem Tanzen angefangen. Sind Sie anfangs nicht belächelt worden von ihren Klassenkameraden?

Klar. Die anderen sind zum Fußball gegangen und haben schon etwas gegrinst über mein Hobby. Aber das hat sich gelegt, als wir dann später alle zur Tanzschule mussten. Da wurde ich gebeten, ihnen vorab ein paar Schritte zu zeigen. Und heute lächelt niemand mehr darüber.

Wie sind Sie überhaupt zum Tanzen gekommen?

Meine Schwester Sandra brachte mir die ersten Tanzschritte bei und fuhr mich dann regelmäßig zur Kindertanzgruppe des TSC Schwarz Silber Bremen, die von Andreas Stölting geleitet wurde. Als im Sommer 1991 die Latein B-Formation gegründet wurde, begleitete ich meine Schwester einmal zum Training. Und da wurde ich vom Zuschauer zum Akteur, denn Andreas Stölting rief mich aufs Parkett und platzierte mich in der Reihe. So kam ich zum Formationstanzen.

Was hat Sie damals gereizt, diesen Sport auszuüben?

Wir waren eine coole Gruppe, ein eingeschweißtes Team und hatten viel Spaß, nicht nur bei den Tanzabenden. Dieses gute Miteinander ist ganz wichtig, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wesentlich verändert hat sich heute aber der zeitliche Aufwand. Das Trainingsvolumen mit 25 und mehr Stunden pro Woche grenzt schon an Leistungssport. Woher nehmen Sie die Energie, um dieses Pensum im Alltag bewältigen zu können?

Das ist pure Leidenschaft. Tanzen ist ein besonderer Sport, der Menschen verbindet, auf der Fläche sowie im Leben. Und ich habe gottlob Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet und unterstützt haben, sei es meine Familie, Trainer oder Freunde. Wir sind damals als Formation mit Roberto Albanese hochmarschiert von der Oberliga bis in die Bundesliga. Da lässt man nicht so einfach los. Der Erfolg ist dann ja auch Bestätigung.

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Wissen Sie, wie viele Choreografien Sie in ihrer Laufbahn bereits erlernen mussten?

Ganz genau kann ich es nicht sagen. Aber es dürften mehr als 20 sein inzwischen.

Wie ist der Moment, wenn es heißt: Jetzt starten wir wieder mit einer neuen Choreo?

Spannend. Aber auch mühsam. Man weiß ja, wie viel Arbeit da drin steckt. Für den Trainer, der das ausarbeitet. Aber auch für uns Tänzer, wenn wir die Choreo erlernen müssen. Da wird dann sehr viel gefeilt und hart trainiert.

Andersherum: Ist es für einen Tänzer nicht auch langweilig, wenn eine Choreo über zwei Saisons getanzt wird?

Nein, denn eine Choreo ist im ersten Jahr noch nicht fertig ausgearbeitet. Es ist meistens besser, sie noch ein zweites Jahr zu tanzen, weil man dann noch mal Sachen überarbeiten und festigen kann.

Sie tanzen nun schon seit 29 Jahren. Haben Sie eine Ahnung, wie viele Tanzpartnerinnen Sie in dieser Zeit hatten?

Das müsste ich auch erst nachzählen. Wir wechseln ja auch in der Saison noch mal, das kommt vor. Im letzten Jahr hatte ich allein vier verschiedene Partnerinnen. Am längsten getanzt habe ich mit Inga Jörns. Das waren etwa sieben Jahre.

Wie schafft man es, sich als Paar aufeinander einzustellen?

Das erfordert schon viel, viel Arbeit. Aber vieles kann ich inzwischen auch mit meiner Erfahrung ausgleichen.

Was genau meinen Sie? Der Mann führt?

Ich gucke erst mal: Was muss ich bei der jeweiligen Dame machen? Wie dreht sie die Pirouetten? Wie tanzt sie das Roundabout? Wo braucht sie wie die Führung?

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Das heißt, Sie passen sich an?

Ja, das könnte man so sagen. Ich stelle mich auf jede Dame einzeln ein. Denn bei jeder Dame sind die Führungspunkte anders. Mal höher. Mal tiefer. Die Dame muss auf ihren hohen Hacken sicher stehen können. Sie muss sich sicher fühlen.

Von Beruf sind Sie Kfz-Mechaniker und schrauben ölverschmiert an Motoren herum. Als Tänzer wiederum treten sie adrett gekleidet und geschminkt auf. Wie lange dauert so eine Verwandlung?

Bei uns Männern ist das ja relativ einfach. Haare zurechtmachen mit Gel oder Schaum. Rasieren. Braun machen. Die Augen hervorheben, das war’s.

Schminken Sie sich selbst? Oder benötigen Sie Hilfe?

Ich mache das schon seit Jahrzehnten selbst. Man bekommt das gezeigt, das lernt man dann.

Gehen Sie zusätzlich regelmäßig ins Sonnenstudio, um diese Bräune zu bekommen?

Nein. Das würde auch gar nicht reichen, weil wir trotzdem nachschminken.

Neben der Choreo wird zwischendurch auch immer mal wieder die Kleidung gewechselt. Fällt die Umstellung schwer?

Nein, denn nach der Anprobe haben wir genug Zeit, das im Training auszuprobieren. Man tanzt mal eine Einheit darin, um zu spüren, wie sich die Klamotten anfühlen. Was passiert, wenn man sich auf dem Parkett darin bewegt.

Ist man ein anderer Mensch, wenn man dann im kompletten Outfit auftritt?

Man fühlt sich schon anders. Raus aus den Jeans, raus aus dem Alltag und rein in das glanzvolle Outfit. Da wird die Mannschaft zu einer optischen Einheit. Wenn wir dann die Tanzfläche betreten und uns in Einklang harmonisch miteinander bewegen, das ist ein magischer Moment und unbeschreiblich schön.

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Was geht in Ihnen vor, wenn ein Formationswettkampf ansteht? Schrauben Sie dann an den Fahrzeugen herum und gehen dabei in Gedanken nochmal die Choreografie durch?

Das kommt vor, ja. Ich gehe die Choreo aber nicht mehr komplett durch. Eher einzelne Passagen. Ich denke an die Fläche, an die Halle. Wie ist die Luft dort? Wie sieht die Tribüne aus?

Was sind vor einem Wettkampf die größten Störfaktoren?

Oftmals andere Leute, die einem gut zureden oder Ratschläge geben wollen. Das sind unnötige Sachen, die braucht man nicht. Wir haben einen konkreten Plan, der ausgeführt wird. Und jeder hat mit sich zu tun. Konzentriert sich. Deshalb schotten wir uns ab.

Gibt es auch für den Alltag einen Plan, also Vorgaben des Trainers, die umzusetzen sind?

Wir müssen uns vor dem Training vernünftig aufwärmen, das ist klar. Sonst ist dieser Sport sehr verletzungsanfällig. Wir müssen ausreichend und regelmäßig trinken, nicht nur im Training, auch tagsüber. Und es gibt eine Liste mit Tipps zur Ernährung. Überwiegend sind das Nudelgerichte. Das kann ich allerdings schlecht umsetzen, denn während der Arbeit habe ich nur meine Brotmahlzeiten, und abends vor dem Training esse ich nichts.

Gehen Sie zusätzlich noch ins Fitnessstudio?

Nein, dass wäre für mich zeitlich nicht machbar. Von der Firma geht es quasi direkt zum Training. Das Training, so wie wir es machen, reicht aus, weil wir eine Stunde pro Woche noch mit einem Fitnesstrainer arbeiten. Da haben wir das volle Paket, auch gymnastische Übungen.

Gab es mal einen Moment, wo Sie alles hinschmeißen wollten?

Ach, solche Momente gab’s immer wieder. Mal ist man einfach körperlich erschöpft und genervt, dann wird alles zu viel. Gerade, wenn man im Geschäft sehr viel zu tun hat. Aber wenn ich für eine Saison zusage, dann ziehe ich das auch durch. Ich bin ein Kämpfertyp und stehe immer wieder auf. Außerdem haben Treue und Zuverlässigkeit für mich einen sehr hohen Stellenwert. So bin ich mit Roberto in all den Jahren durch dick und dünn gegangen. Er ist so etwas wie mein großer Tanz-Bruder. Und ich bin dankbar, dass das Leben uns zueinander geführt hat.

Das Gespräch führte Frank Büter.

Info

Zur Person

Thomas Friedrich (42)

ist seit 1992 aktiver Formationstänzer. Seit 1993 tanzt „Friedel“ Friedrich ununterbrochen im A-Team, zunächst beim TSC Schwarz-Silber, seit der Fusion der Klubs im Frühjahr 2002 für den Grün-Gold-Club Bremen. Mit der Lateinformation des Grün-Gold-Clubs hat er unter anderem zehn Weltmeistertitel gewonnen. Der gebürtige Bremer ist in Huchting aufgewachsen und arbeitet als KFZ-Mechaniker im elterlichen Betrieb.

Info

Zur Sache

Formationstanzen beim GGC

Der Grün-Gold-Club Bremen zählt aktuell mehr als 400 Mitglieder, darunter rund 200 aktive Turniertänzer, die von bis zu 19
Trainern und Übungsleitern gecoacht werden. Die Lateinformationen des Klubs sind mit bis zu 140 Aktiven von der Landesliga bis hinauf zur Bundesliga mit mehreren Teams vertreten. Interessierten bietet der Klub regelmäßig am Dienstag ab 18 Uhr die Möglichkeit, im Klubhaus City in der Wandschneiderstraße (2. Etage) ein kostenloses Schnuppertraining zu absolvieren. „Vorerfahrungen sind nicht nötig“, sagt Trainerin Uta Albanese. Weitere Informationen finden Sie unter www.ggcbremen.de.

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