Bremer Bowler reist nach Hongkong

Timo Schröders WM-Mission

Er reist jetzt nach Hongkong, zur Bowling-WM. Zum vierten Mal schon nimmt der Bremer Timo Schröder an einer WM teil. Er hat schon so viel erreicht. Doch die Sehnsucht nach einer WM-Medaille ist groß, sehr groß.
20.11.2018, 18:05
Lesedauer: 4 Min
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Timo Schröders WM-Mission
Von Olaf Dorow
Timo Schröders WM-Mission

Ein Bowling-Versuch sei eine sehr komplexe Angelegenheit. Er könne zu all den Aspekten seines Sports eine ganze Zeitung füllen, sagt Timo Schröder.

Christina Kuhaupt

Jetzt aber. Jetzt soll endlich klappen, was bei drei Anläufen nicht geklappt hat. Timo Schröder will endlich diese WM-Medaille. Am Donnerstag fliegt er mit der deutschen Bowling-Nationalmannschaft nach Hongkong, es ist bereits seine vierte Weltmeisterschaft im Herrenbereich, und er hat dann zumindest theoretisch sechs Chancen auf Edelmetall. Im Einzel, im Doppel, im Trio, mit der Mannschaft, in der Wertung über alle Wettbewerbe zusammen und, falls er da unter den besten 28 Bowlern landet, noch mal in einem Master-Durchgang unter diesen 28.

So viele Möglichkeiten – und so schwer zu nutzen. Er habe gelesen, sagt Timo Schröder, dass 260 Bowler starten werden in Hongkong, es werden Profis aus Amerika oder Südkorea dabei sein. Die räumen für gewöhnlich ordentlich ab. Schwer, sie zu schlagen. Aber Timo Schröder vom Bremer Bundesligisten Strikee‘s ist zu ehrgeizig, um es nicht zu versuchen. Womöglich ein letztes Mal, sagt er. Falls es doch nichts werden sollte mit einer WM-Medaille, wäre es das dann wohl mit WM und Nationalmannschaft, dann würde er wohl nur noch Bundesliga spielen. Er ist jetzt 31, er könne sich nicht vorstellen, sagt er, „mich bis zum Umfallen vorzubereiten auf eine WM, um dann irgendwo Hundertster zu werden“.

Timo Schröder liefert ein gutes Beispiel, um zu erkennen: Auch in einer Randsportart, die von vielen eher als fröhliche Freizeitbeschäftigung wahrgenommen wird, können die Mechanismen des Leistungssports greifen. Bowling ist Schröders Leidenschaft, er ist schon als Kind zu deutschen Meisterschaften gefahren. Aber die Leidenschaft verschmolz mehr und mehr mit dem Leistungsgedanken. Der kann zur ungewollten Verbissenheit führen und zur Frage: Wie weit geht die Liebe? Ist sie den ganzen Aufwand wirklich wert? In der Fokussierung auf die WM trainiert Timo Schröder derzeit doppel so viel wie sonst, also zwölf statt sechs Stunden wöchentlich. Er hat extra Urlaub genommen. Er hat eine Freundin, einen Beruf im Backoffice des SWB-Kundencenters. Und noch das Fernstudium zum Industriefachwirt.

Last und Lust zugleich

Vor vier Jahren, da hatte er das Bowling nach hinten geschoben auf der Prioritätenliste. Er wollte weniger trainieren und sich mehr um die Berufsausbildung kümmern. Nach der WM 2014 in Abu Dhabi sollte erst mal ein Break kommen. Die WM sei dann der schlimmste Wettkampf gewesen, den er je erlebt habe, sagt er. Viel zu viel Druck gemacht. Ganz enttäuschendes Ergebnis. In der Bowling-Pause ohne Bowling-Druck folgte 2015 ganz unverkrampft und ganz unerwartet der Triumph bei den deutschen Meisterschaften. Ein Titel mit Schub-Wirkung. Timo Schröder bekam wieder große Lust auf die Nationalmannschaft.

Last und Lust zugleich. Kann auch eine Randsportart sein. Fröhliche Freizeitbeschäftigung Bowling? Schröder erzählt, wie intensiv er sich mittlerweile mit seinem Sport auseinandersetzt. Wie komplex der sei. Verschiedene Bahnen, verschiedene Ölungen auf den Bahnen, verschiedene Bowlingbälle. Jeder Wurf eine neue Herausforderung, immer wieder das Bestreben, den perfekten Wurf zu setzen. Videoanalysen im Training. Warum ist eben dieser eine Pin stehen geblieben? Das sei mehr als nur Zufall, sagt Schröder. Wobei auch der Faktor Glück zur Komplexität gehöre. Ach, eine ganze Zeitung könne man vollschreiben mit ihrer Beschreibung. Ein schlecht ausgeführter Wurf lässt manchmal dennoch alle zehn Pins purzeln. Ein Strike. Ein deutlich besser ausgeführter Wurf verfehlt schon mal den Strike. Bowlingsportler würden den Faktor Glück hassen, sagt Schröder.

Rund 60 Prozent betrage die Strike-Quote auf den größeren Turnieren. Da darf der Gelegenheitsbowler beeindruckt sein. Erst recht, wenn er bedenkt, dass an einem Turnierwochenende mehr als 300 Würfe pro Spieler zusammenkommen können. Schröder bekam sein Strike-Highlight im vergangenen Jahr, als er sich für die vier Turniere der PBA-Tour, der Tour der Professional Bowlers Association in Reno, Nevada angemeldet hatte. In der riesigen Arena mit 82 Bahnen schaffte Schröder einmal in einem Spiel das, was die Bowler ein perfektes Spiel nennen und nicht sehr oft vorkommt: Zwölf Würfe, zwölf Strikes.

Die WM-Medaille muss her

„Ein unfassbares Erlebnis“, sagt Timo Schröder über das Reno-Abenteuer. Er hatte viel Geld dafür ausgegeben, rund 3500 Euro. Bowling, die Leidenschaft. Mit drei Jahren schon hat er den ersten Bowlingball geschenkt bekommen. Er wurde quasi hineingeboren in eine Bowling-Familie. Onkel Holger Ohlrogge: ein Bowler. Onkel Harald Ohlrogge: ein Bowler. Bruder Andre: auch. Alle zusammen spielen sie im Bundesliga-Team der Strikee‘s, die Ohlrogges und die Schröders haben einen guten Namen im deutschen Bowlingsport. Onkel Holger fährt im kommenden Jahr zur Senioren-WM. Lange Zeit war er Timo Schröders Trainer. Heute kann ihm der Onkel nichts mehr beibringen, Schröder übt und tüftelt oft allein oder mit Bruder Andre zusammen.

Eine Zeit lang spielte Timo Schröder in Blockdiek parallel auch Fußball. Es lag womöglich an der familiären Prägung, dass er früh diagnostizierte: Das Bowling-Talent ist größer als das Fußball-Talent. Mit 15 kamen die ersten Einladungen zur Jugend-Nationalmannschaft, da musste er sich entscheiden für einen Sport. Die Entscheidung fiel nicht schwer, mit 17 war er bereits Jugend-Europameister.

Nur diese WM-Medaille im Herrenbereich, die hat es in der erfolgreichen Karriere noch nicht gegeben, die muss jetzt mal her. 2013 in Las Vegas, da war es nicht so desaströs wie ein Jahr später in Abu Dhabi. 2013 wurde er mit dem Team immerhin Sechster. Im vorigen Jahr, wieder in Las Vegas, kam er im Doppel unter die Top Ten, auch immerhin. Aber immerhin, das reicht dem Bowlingsportler Timo Schröder nicht mehr. Am Donnerstag fliegt er los mit dem Team, vier Tage später folgen die ersten Wettkämpfe in Hongkong. Also: Jetzt aber!

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Zur Sache

Kleine Bowlingkunde

Die Wurzeln des Bowlings liegen in den USA. Vor allem dort und in Südkorea wird der Sport auch von Profis betrieben. Seit 1954 werden Weltmeisterschaften ausgetragen, seit 2005 finden die Bowling-WM im jährlichen Wechsel zwischen Damen und Herren statt. Der Bremer Timo Schröder gehört zum sechsköpfigen Aufgebot des deutschen Verbandes für die diesjährigen Titelkämpfe in Hongkong. Ein Spiel besteht im Bowling aus zehn Durchgängen, den sogenannten Frames. Ziel ist es dabei, in jedem Frame die maximale Anzahl an Pins, also alle zehn, umzuwerfen. Dazu hat ein Spieler pro Frame maximal zwei Würfe. Räumt ein Spieler beim ersten Wurf alle zehn Pins ab, so nennt man das Strike. Schafft der Spieler, auch mit dem zweiten Wurfe alle zehn Pins umzuwerfen, ist dem Spieler ein Spare gelungen. Bei einem Spare werden zusätzlich zu den zehn Punkten (für zehn Pins) auch die Punkte des nächsten Wurfs gezählt.

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