Tischtennis-Bundesliga

„Leider haben wir uns im Doppel nicht weiterentwickelt“

Werder-Trainer Cristian Tamas spricht im Interview über eine ungewöhnliche Saison, sein Verhältnis zu den Spielern und die Herausforderung für seinen Verein, den Kontakt zu den Topteams zu halten.
02.05.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Leider haben wir uns im Doppel nicht weiterentwickelt“
Von Jörg Niemeyer
„Leider haben wir uns im Doppel nicht weiterentwickelt“

Cristian Tamas übernahm 2005 als 25-Jähriger das Traineramt beim SV Werder und feierte 2013 mit der deutschen Meisterschaft seinen bislang größten Erfolg mit dem Team.

Christina Kuhaupt

Herr Tamas, was hat Corona aus der Bundesliga-Saison 2020/21 gemacht?

Cristian Tamas: Nicht nur fürs Tischtennis, sondern für jeden Menschen hat Corona eine gewaltige Veränderung gebracht. Sich nur eingeschränkt bewegen zu dürfen und ohne Zuschauer spielen zu müssen, sind natürlich keine optimalen Voraussetzungen. Wie alle, mussten auch wir uns anpassen.

Hat es unter den Gegebenheiten noch Spaß gemacht?

Es ist ein großes Privileg gewesen, dass wir überhaupt trainieren und spielen durften. Und mir persönlich macht meine Arbeit nach wie vor sehr viel Spaß. Aber ganz ehrlich: Der Spaß steht in der jetzigen Zeit nicht im Vordergrund.

Wie haben Sie Ihre Spieler erlebt?

Sie sind etwas jünger als ich und haben mit anderen Sorgen zu tun gehabt – damit, dass es jemandem aus ihrer Familie nicht gut geht und dass sie nicht mal eben nach Hause fliegen konnten. Oder dass ein Spieler seine Freundin nicht sehen konnte. Jeder Einzelne hatte ganz unterschiedliche Befindlichkeiten.

Wie haben sich die Einschränkungen auf Ihre Arbeit und auf das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Spielern ausgewirkt?

Ich glaube, dass wir durch Corona sogar noch enger zusammengerückt sind. Wir verbringen immer viel Zeit miteinander, in der wir uns auch austauschen, aber jetzt war es noch ein bisschen intensiver als sonst. Auch deshalb, weil wir weniger Gäste in unserer Trainingsgruppe hatten und mehr unter uns waren.

Corona hatte also auch eine gute Seite.

Naja... Wenn meinen Spielern ihre Familien nicht so nahe sein können, komme ich als Trainer auch schon mal in die Rolle des großen Bruders oder Vaters.

Würden Sie sagen, dass die Spielzeit trotzdem regulär verlaufen ist?

Definitiv, ja. Und wie wir im Team, sind auch die Bundesliga-Klubs zusammengerückt. Unter ihnen hat es in der vergangenen Saison eine sehr große Solidarität gegeben – vielleicht am einfachsten daran abzulesen, wie schnell und unproblematisch sich Vereine auf Spielverlegungen geeinigt haben. Da wurde auch mal ein Heimrecht getauscht, um einem gerade genesenen Spieler des Gegners einen Tag mehr zum Aufbautraining zu geben. So etwas steht in keinem Statut, aber da sind die Vereine sehr gut miteinander umgegangen.

Welche Erfahrungen nehmen Sie und Ihre Mannschaft aus so einer Saison mit?

Die Saison hat mir gezeigt, dass man nie ausgelernt hat. Für die Bundesliga ist es sogar ein gewonnenes Jahr gewesen, weil wir spielen durften. Für viele Talente, die in der zweiten oder dritten Liga nicht spielen konnten, war es dagegen ein verlorenes Jahr. Ein Trainer kann so ja gar nicht erkennen, wie sich seine Spieler entwickelt haben. Für diese Spieler tut es mir richtig leid.

Im Vorjahr standen Sie mit Werder als Bundesliga-Vierter im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Diesmal haben Sie als Sechster das Ziel knapp verpasst. Woran hat es gelegen?

Wir sind unserem schlechten Start mit vier Niederlagen in den ersten fünf Spielen hinterher gelaufen. Vielleicht haben wir die Enttäuschung des vorangegangenen, verlorenen Halbfinales auch noch mit in die Saison genommen.

Aber das 0:3 in Saarbrücken lag Anfang September doch schon einige Monate zurück.

Das stimmt, aber das Halbfinale bestand wegen Corona leider nur aus einem Spiel ohne die Chance auf ein zweites oder sogar drittes. Und dieses schlechte Gefühl aus dem 0:3 haben wir mitgenommen, denn bis zum Saisonstart hatte es keine weiteren Spiele oder Turniere gegeben...

Und deshalb auch keine Chance, sportlich auf andere Gedanken zu kommen.

Das Halbfinale war für Monate das letzte Spiel für die Jungs. Normalerweise folgen danach viele Veranstaltungen, sodass dich so eine Niederlage bei Weitem nicht so belastet. Aber in Saarbrücken hatten wir die Belohnung für eine komplette Saison in nur 90 Minuten verspielt.

Aber das war sicher nicht der einzige Grund, dass es für die Play-offs diesmal nicht gereicht hat.

Nein. Meine persönlich größte Enttäuschung war es, dass wir uns im Doppel nicht weiterentwickelt haben. Darüber war ich nach der zuvor starken Saison, in der wir das vielleicht sogar beste Doppel der Liga hatten, sehr überrascht.

Sind Hunor Szöcs und Marcelo Aguirre denn schwächer oder die gegnerischen Doppel stärker geworden?

Die Gegner hatten in der Vorsaison viel über uns gelernt und unser Spiel durchschaut. Und wir haben es nicht geschafft, das schnell zu ändern. Ich sehe die Bälle immer noch vor meinen Augen, die wir beim 2:3 am zweiten Spieltag in Fulda im Schlussdoppel nicht zum Sieg nutzen konnten. Danach wurde es mit jedem verlorenem Doppel noch schwerer.

Haben Hunor Szöcs und Marcelo Aguirre mit ihren Niederlagen im Doppel zugleich Selbstvertrauen für ihre Einzel verloren? Ihre Bilanzen in der Saison 2019/20 waren viel besser.

Die beiden hatten in der Vorsaison viel Selbstvertrauen in den Doppeln gewonnen. Man muss die Bedeutung des Doppels sehen. Die ganze Mannschaft steht hinter dem Doppel, und dieses Doppel entscheidet letztlich über Sieg und Niederlage des kompletten Teams. In so einem Moment liegt eine große Verantwortung auf den Schultern der Doppelspieler – und dementsprechend groß ist auch die Enttäuschung bei einer Niederlage.

Zeichnet sich im Tischtennis, ähnlich wie im Fußball, eine Zwei- oder gar Dreiteilung der Liga ab: hier die Großen mit Düsseldorf, Ochsenhausen und Saarbrücken, da die breite Masse, die um Platz vier spielen darf?

Nach vielen Jahren in der Bundesliga kann ich sagen: Das war schon immer so. Und das gibt es in allen Sportarten. Aber sehr interessant war, dass 2020/21 gleich neun Mannschaften um die vier Play-off-Plätze gespielt haben und bis zum vorletzten Spieltag Chancen hatten.

Hat denn der Vierte in den Play-offs überhaupt eine reelle Chance?

Da lasse ich gerne ein Ergebnis sprechen: 2013, als wir Meister wurden, waren wir nach der Hauptrunde Vierter.

Sehen Sie die Gefahr, dass Werder eines Tages den Anschluss nach oben verlieren könnte?

Was heißt Gefahr? Das ist die Herausforderung, der wir uns Jahr für Jahr stellen. Das ist unser ständiger Kampf. Wir haben einige Jahre auch gegen den Abstieg gespielt – das darf man nicht vergessen. Zurzeit haben wir uns ein Polster geschaffen mit Mattias Falck, aber auch mit Kirill Gerassimenko, der eine tolle Entwicklung bei uns genommen hat.

Werder hat sich zweifellos in der Liga etabliert. Ist denn mehr möglich?

Wenn mir jemand zu Anfang der Saison gesagt hätte, dass wir so ein Doppelproblem bekommen, hätte ich das nach dem Vorjahr nicht für möglich gehalten. Und es kann keiner sagen, dass ein Mattias Falck oder ein Kirill Gerassimenko in der kommenden Saison wieder so gut spielen. Nur weil wir Mattias in der Mannschaft haben, heißt das nicht, dass wir die Play-off-Plätze erreichen. Ob wir in den nächsten Jahren mehr oder weniger erreichen, wird sich zeigen. Erst mal können wir nur über das nächste Jahr sprechen.

Bis 2022 haben Sie Ihr Quartett unter Vertrag. Wie lange kann der Verein Spieler wie Mattias Falck noch an sich binden?

Werders schwierige finanzielle Lage derzeit ist ja bekannt. Wir sind froh, dass wir dank der Unterstützung des Vereins und des Präsidenten Hubertus Hess-Grunewald die Mannschaft zusammenhalten konnten. Auch hier sind wir in den letzten Monaten näher zusammengerückt.

Wagen Sie eine Prognose, was die Pandemie für das Tischtennis ausgelöst hat beziehungsweise noch auslösen wird?

Es wird mit Sicherheit ein Jahrgangsloch geben. Es gibt viele Kinder, die jetzt lange nicht gespielt haben. Und keiner hat neu anfangen können. Es war definitiv kein schönes Jahr für den Sport, auch nicht fürs Tischtennis. Ich bin gespannt, wie viele von unseren Werder-Jugendlichen noch dabei sein werden, wenn wir wieder anfangen dürfen. Aber ich denke auch positiv: Nach so einem Jahr kann die Tendenz nur nach oben zeigen. Wir werden auf jeden Fall bereit sein.

Das Gespräch führte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Cristian Tamas (41)

ist seit 2005 Trainer des SV Werder. Der gebürtige Rumäne, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, führt mit Werders Teammanager Sascha Greber ein Fachgeschäft für Tischtennis-Artikel und feierte mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2013 den größten Erfolg für sich und für seinen Verein.

Info

Zur Sache

Doppelschwäche kostet die entscheidenden Punkte

Am Ende der Saison 2020/21 waren es nur zwei Punkte, die den SV Werder als Tabellensechsten der Bundesliga vom Vierten, ASV Grünwettersbach, trennten. Die Bremer hatten die erneute Teilnahme am Halbfinale um die deutsche Meisterschaft also knapp verpasst. Was vor allem an der unerwarteten Doppelschwäche lag. 2019/20 gewann Werder sechs der sieben Abschlussdoppel – gleichbedeutend mit sechs 3:2-Siegen des Teams. Makellos war die 4:0-Bilanz von Hunor Szöcs und Marcelo Aguirre. Kirill Gerassimenko und Szöcs verbuchten eine 2:1-Bilanz. 2020/21 traten ausschließlich Szöcs und Aguirre zum Doppel an, diesmal schafften sie nur eine 2:4-Bilanz. Weil Szöcs mit 0:10 (Vorjahr: 5:7) und Aguirre mit 2:12 (Vorjahr: 5:5) auch im Einzel deutlich schlechter agiert hatten, war Platz sechs fast schon als überraschend zu bewerten. Doch wegen der Ausgeglichenheit der Liga ging es diesmal wesentlich enger im Titelrennen zu. Außerdem konnten Vizeweltmeister Mattias Falck als Topspieler (25:9 gegenüber 23:10 im Vorjahr) und Kirill Gerassimenko (15:9 gegenüber 12:10) ihre Einzelbilanzen verbessern. Zum Abschluss hatte Werder 26:20 Punkte und ein Spielverhältnis von 44:44. Im Vorjahr war der Klub – coronabedingt bei einem Spiel weniger – auf 30:12 Punkte und 51:33 Spiele gekommen. Für das diesjährige Finale um die deutsche Meisterschaft haben sich Titelverteidiger 1. FC Saarbrücken und Rekordmeister Borussia Düsseldorf qualifiziert.

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