Altergrenze für Schiedsrichter

Peter Gagelmann: „Weil wir sonst überaltern“

Der Bremer Ex-Schiedsrichter findet es sinnvoll, dass Bundeliga-Referees bereits mit 47 aufhören müssen. „Ich habe damals auch davon profitiert“, sagt er im Interview
30.04.2021, 05:00
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Peter Gagelmann: „Weil wir sonst überaltern“
Von Olaf Dorow
Peter Gagelmann: „Weil wir sonst überaltern“

Bis 2015 - bis zur Altergrenze - in der Bundesliga aktiv: Peter Gagelmann.

nph / Mueller

Herr Gagelmann, in ein paar Wochen werden Sie 53. Würden Sie den DFB-Leistungstest für Bundesliga-Schiedsrichter noch schaffen?

Peter Gagelmann: Das weiß ich nicht, ich habe ihn ja schon länger nicht gemacht. Eigentlich bin ich noch ganz gut drauf und trainiere auch regelmäßig.

Als Sie die Altersgrenze von 47 erreicht hatten, haben Sie den doch locker bestanden, oder?

Ich habe eine ganz gute Grundkondition. Der Lauftest war für mich Gottseidank nie ein Problem.

Sozusagen fit wie ein Turnschuh mussten Sie vor sechs Jahren aufhören. Wegen dieser Altersgrenze. Wie ging es Ihnen damit?

Die Leistungswerte waren sicherlich andere als 20 Jahre zuvor, als ich im Profifußball angefangen habe. Man lebt da natürlich mehr von seiner Erfahrung.

Davon hätten Sie dann ja jede Menge haben müssen . . .

. . . das ist auch das, wovon der Schiedsrichter lebt. Grundvoraussetzung bleibt aber die körperliche Fitness, nur dann kann ich auch im Kopf fit bleiben.

Ist denn diese Altersgrenze, die es schon sehr lange gibt, aus Ihrer Sicht noch zeitgemäß?

Als ich aufgestiegen bin in den Profibereich, habe ich davon profitiert, dass jemand die Altersgrenze erreicht hat. Ich war sehr dankbar und froh, dass mir das ermöglicht wurde. Und so ging es mir auch, als ich aufgehört habe. Ich war froh, es geschafft zu haben bis zur Altersgrenze. Das ist nicht selbstverständlich, der Leistungsdruck ist hoch. Es gibt immer wieder auch Schiedsrichter, die vorher 'rausgenommen werden. Ich habe mich dann für die gefreut, für die 2015 Thorsten Kinhöfer und ich einen Platz freigemacht haben.

Hört sich selbstlos an.

Ich bin der Meinung, dass eine Gruppe von Schiedsrichtern wie eben auch eine Mannschaft davon lebt, dass es erfahrene wie junge Leute geben muss. Und die Erfahrungen an die Jungen weitgegeben werden müssen. Eine Überalterung sehe ich als schwierig an. Auch die Verletzungsgefahr ist im Alter wesentlich höher. Der Druck und der Zeitaufwand sind mittlerweile extrem groß.

Ältere Referees fallen häufiger aus als jüngere?

Das liegt in der Natur der Sache. Auch ältere Spieler sind anfälliger. Da gibt es ja Statistiken. Und deswegen lebt die Gruppe von dieser Mischung.

Jetzt haben sich aber zuletzt viele Profis stark dafür gemacht, dass Manuel Gräfe noch nicht aufhören soll. Weil er so gut sei. Müssen solche Stimmen vom Platz nicht berücksichtigt werden?

Sicherlich ist es toll und schön, wenn direkt am Spiel Beteiligte das bekunden. Auch zu mir haben damals viele gesagt: Du bist doch noch topfit, du hättest doch noch weitermachen können. Mir war es lieber, dass die Leute so reden, als wenn sie sagen würden: Wird Zeit, dass der endlich mal aufhört. Der richtige Zeitpunkt aufzuhören ist immer schwierig. Das kennt man ja aus der Politik oder der Wirtschaft. Oder eben auch aus dem Sport.

Zum Beispiel?

Als Philipp Lahm in der Nationalmannschaft (mit 31, d. Red.) aufgehört hat, haben doch alle gesagt: Das kann doch nicht angehen. Der könnte doch noch zwei, drei, vielleicht sogar fünf Jahre auf dem Niveau dort Fußball spielen. Aber es ist doch schön und eine Art Zeichen, wenn jemand auf dem Höhepunkt aufhört und sagt: Ich gönne das, was ich erlebt habe, auch einem anderen.

In einer Pro-und Contra-Zuspitzung wären Sie bei der 47er-Grenze für Schiedsrichter also beim Pro?

Ich plädiere dafür, dass junge Schiedsrichter die Möglichkeit haben reinzukommen. Weil wir sonst überaltern. Das geht nicht gegen Manuel Gräfe oder Guido Winkmann oder Markus Schmidt, die jetzt ausscheiden müssen. Man würde sich aber Chancen verbauen. Wir müssen auch junge Schiedsrichter für den internationalen Bereich aufbauen. Um dort zu bestehen, müssen sie Erfahrungen in der Bundesliga sammeln.

Kritiker argumentieren andersherum. Sie sagen: Wegen der starren Altersgrenze sinkt das internationale Standing der deutschen Referees, sie werden seltener nominiert.

Also, wir haben in diesem Jahr bei der EM zwei Schiedsrichter, das hatten wir noch nie. Ich glaube, da können wir uns nicht beschweren, wir sind mit unseren Top-Schiedsrichtern immer gut besetzt. Felix Brych hat am Mittwoch gerade wieder ein Champions-League-Halbfinale geleitet. Die Deutschen sind sehr gefragt, nicht nur bei UEFA und FIFA. Auch bei Top-Spielen im Ausland werden sie häufig angefragt. Das sind eher Indizien, die gegen diese These sprechen.

Die These, dass Deutschland zu früh seine Besten verliert, würden Sie nicht unterschreiben?

Nein. Wir haben schon immer Wechsel gehabt. Ob es nun Hellmut Krug war, Herbert Fandel, Markus Merk oder Bernd Heynemann. Wir haben immer Top-Schiedsrichter gehabt. Das ging weiter mit Wolfgang Stark oder jetzt Felix Brych. Daniel Siebert ist noch sehr jung (ab nächster Woche 37, d. Red.) und wird schon zu einem EM-Turnier eingeladen. Also, es sieht so aus, als ob man auf die deutschen Schiedsrichter baut. Und auch auf die jungen.

Jetzt wird seit Jahren aber auch von Nachwuchssorgen gesprochen. Reicht da diese Altersgrenze als Anreiz aus?

Im Spitzenbereich haben wir keine Nachwuchsprobleme. Wir haben sie im Amateurbereich. Was Regionalliga und Dritte Liga betrifft, haben wir einen sehr guten Unterbau. Da wird gut gesichtet und professionell gearbeitet aus meiner Sicht. Bei den Jugendturnieren wird auch für die Schiedsrichter eine super Auswahl getroffen. In der Gesamtmenge haben wir in der Tat Probleme.

Woran liegt es?

Im Amateurbereich erleben wir zu viel respektloses Verhalten und auch immer wieder Angriffe auf Schiedsrichter. Wir hatten da jetzt ein Jahr lang zwar weitgehend Ruhe. Aber das lag ja zunächst mal daran, dass wegen Corona kaum gespielt wurde. Im Jahr davor war es schon erschreckend, wie viele Spielabbrüche wir allein in Bremen hatten. Das schreckt junge Leute davor ab, da Verantwortung zu übernehmen.

Die Jungen schauen auf Anderes als darauf, wie hoch die Chancen bei den Profis wären?

Es ist ein ganz kleiner Kreis von Schiedsrichtern, die am Ende auch mal in der Bundesliga Spiele leiten dürfen. Ich glaube nicht, dass junge Leute aufhören würden, wenn sich an der Altersgrenze etwas ändert. Wer den Ehrgeiz hat, in die Bundesliga zu kommen, der möchte das auf jeden Fall. Ob die Grenze 47, 50 oder 55 ist, ist da nicht das Argument. Vielleicht ist da für einige eher der wirtschaftliche Aspekt das Motiv zu sagen: Ich möchte gerne noch weitermachen. Es geht ja immerhin um eine Menge Geld.

Die Altersgrenze ist nicht das Hauptproblem, wenn man das Schiedsrichterwesen mal als Ganzes betrachtet?

Mit der Umstellung auf den Videoschiedsrichter haben wir vor ein paar Jahren etwas gehabt, was den Fußball als Ganzes beeinflusst hat. Das ist eine Art Zäsur.

Für die wir ein Extra-Interview bräuchten?

Ja, wahrscheinlich.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

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Info

Zur Person

Peter Gagelmann (52)

war bis 2015 Bundesliga-Schiedsrichter. Der gebürtige Bremer arbeitet als Veranstaltungsmanager im Mercedes-Benz-Kundencenter in Sebaldsbrück. Er engagiert sich unter anderem in der Bremer Sportstiftung. Peter Gagemann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Zur Sache

Spieler-Plädoyer für Gräfe

Am vergangenen Bundesliga-Spieltag hatten etliche Spieler dafür plädiert, dass Manuel Gräfe (47) auch über die Saison hinaus noch Spiele in der Bundesliga pfeifen solle. Gräfe selbst macht öffentlich keinen Hehl daraus, dass er im Spiel bleiben will, in der Szene ist daraus eine Debatte über die Altersgrenze mit 47 entstanden. Lutz Michael Fröhlich, Sportlicher Leiter der Elite-Schiedsrichter des DFB, hatte es bislang jedoch abgelehnt, die Grenze anzuheben.

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