Interview

„Unser Land ist sehr aufgewühlt“

Der Präsident des Bremer Fußball-Verbandes Björn Fecker spricht im Interview über die DFB-Krise, Integration und Rassismus im Fußball.
26.07.2018, 22:10
Lesedauer: 5 Min
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„Unser Land ist sehr aufgewühlt“
Von Mathias Sonnenberg
„Unser Land ist sehr aufgewühlt“

Für die Grünen sitzt Björn Fecker in der Bremischen Bürgerschaft.

Frank Thomas Koch

Herr Fecker, frühes WM-Aus, die Özil-Affäre und dann auch noch Attacken vom FC Bayern, dass beim DFB nur noch Amateure arbeiten – es gab schon bessere Zeiten für Fußball-Funktionäre.

Björn Fecker: Offenbar mangelt es Karl-Heinz Rummenigge an Respekt gegenüber anderen Menschen. So abwertend, wie er den Begriff Amateur verwendet, vergisst er leider, dass in unseren Vereinen unzählige dieser sogenannten Amateure engagiert auf und neben dem Platz unterwegs sind. Aber abgesehen davon, kann man wirklich nicht von einer ruhigen Sommerpause sprechen.

Hätten Sie geglaubt, dass die Krise sich so weit ausbreitet, dass sogar der DFB-Präsident darüber stürzen kann?

Vor allem hat man in dieser aufgeheizten Debatte den Eindruck, als wäre nun alles falsch gewesen, was in den vergangenen Jahren auch an tollen Projekten gelaufen ist.

Reinhard Grindel hat nach Tagen endlich sein Schweigen gebrochen. Er hat Selbstkritik geäußert, einen Rücktritt aber ausgeschlossen. Reicht das, um das Thema zu beenden?

Erst mal ist es gut, dass er sich auch noch einmal persönlich geäußert hat und auch erklärt hat, dass bei aller berechtigten Kritik an Mesut Özils Foto der Schutz unseres Nationalspielers vor rassistischen Angriffen zu kurz gekommen ist. Das ist für mich auch einer der Punkte, die wir in unserer Arbeit als BFV insgesamt noch stärker in den Fokus rücken müssen: die Opfer. Wir beschäftigen uns mit der Prävention, sensibilisieren Menschen und verlieren dabei leicht die Opfer aus dem Blick.

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Zuletzt wurden alte Aussagen von Grindel zum Thema Integration veröffentlicht, die klarmachen, dass er von Multikulti nichts hielt. Belasten ihn diese Aussagen nicht beim Thema Integration?

Diese Rede hat er vor 14 Jahren als Bundestagsabgeordneter gehalten. Persönlich halte ich die Rede in der Tonalität und im Inhalt für falsch. Als DFB-Präsident erlebe ich ihn als Unterstützer für die Themen im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung.

Wie verfolgen Sie als Präsident des Bremer Fußball-Verbandes die Debatte um Integration und Rassismus im Fußball?

Unser Land ist ohnehin schon sehr aufgewühlt. Mir fehlt es an der Differenzierung. Die Debatte aber hat immerhin dafür gesorgt, dass wir uns einerseits noch mal detailliert damit befassen, was uns verbindet und uns andererseits mit Diskriminierung und Rassismus auseinandersetzen und vieles hinterfragen. Viele, auch ich, dachten, dass wir da im positiven Sinne weiter wären. Es sind jetzt weniger Neonazis, sondern mehr der Alltagsrassismus, der offensichtlich vielen Menschen zu schaffen macht.

Willi Lemke hat sich sehr dagegen gewehrt, dass Deutschland ein rassistisches Land ist. In diese Richtung zielte ja die Abrechnung von Mesut Özil.

Ich glaube, wir müssen jetzt mal weg von der Özil-Debatte und hin zu der Kernfrage, wie wir Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber auftreten. Dass wir allen Ernstes darüber diskutieren, ob jemand die deutsche Nationalhymne mitsingt, ist ein Beleg dafür. Von Menschen mit Migrationshintergrund, die den deutschen Pass haben, fordern einige immer wieder ein Bekenntnis zu unserem Land. Was kann aber mehr Bekenntnis sein, als die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen? Ich glaube, dass sich viele Menschen gar nicht vorstellen können, wie es ist, Wurzeln in anderen Ländern zu haben. Das ist aber eine Lebensrealität in Deutschland. Und diesen Menschen müssen wir auch zuhören, um sie zu verstehen.

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Nimmt die Integrationsarbeit im Bremer Fußball Schaden?

Nein, aber die Leistung unserer Vereine wird umso deutlicher. Wenn ich sehe, wie viele Leute sich hier engagieren, ist das einfach ein gutes Zeichen. Ich kann Ihnen das mal anhand von Zahlen verdeutlichen. Wir hatten im Jahr 2015 insgesamt 655 ausländische Menschen, die älter als zehn Jahre sind, keinen deutschen Pass haben und erstmals in einem deutschen Verein Fußball gespielt haben. Da ist der syrische Flüchtling dabei, aber auch der spanische Austauschstudent. 2016 waren es schon 912, 2017 dann 626 Menschen. Mal zum Vergleich: Früher waren es im Schnitt 150 Menschen. Und Kinder unter zehn Jahren werden durch das Fifa-System gar nicht erfasst, da kommen also noch mal einige Menschen dazu. Das zeigt die enorme Integrationsleistung im Bremer Fußball. Und zwar ohne nennenswerte staatliche Unterstützung.

Wie hat der Fußball das geschafft?

Es war der DFB, der jedem Verein, der sich in der Integrationsarbeit eingesetzt hat, unbürokratisch 500 Euro überwiesen hat und für weitergehende Projekte auch noch einmal Geld bereitgestellt hat. Wir in Bremen haben gemeinsam mit dem SV Werder gerade erst Anfang des Jahres 10 000 Euro an engagierte Vereine im Rahmen unseres Integrationspreises ausgeschüttet. Nicht zu vergessen: Das alles vor Ort in den Vereinen leisten ja nicht bezahlte pädagogische Fachkräfte, sondern ehrenamtliche Vereinstrainer und Jugendleiter. Natürlich läuft nicht alles rund und natürlich gibt es auch in der täglichen Arbeit Rückschläge. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Ehrenamtlichen, die sich um Kinder unabhängig von Herkunft und finanzieller Lage kümmern, jetzt durch die aktuelle Diskussion nicht in ihrer Arbeit entmutigen lassen. Vielleicht hilft diese Debatte, wenigstens deren Arbeit stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken und ihnen die hochverdiente Anerkennung zukommen zu lassen.

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Wie steht es um das Thema Rassismus im Bremer Fußball?

Zu behaupten, dass es das Thema nicht gäbe, wäre töricht und falsch. Ich glaube schon, dass es immer mal fremdenfeindliche Äußerungen gibt. Sie sind aber nicht so in der Masse erkennbar, dass wir sagen würden, wir hätten ein gravierendes Rassismus-Problem. Aber wir hatten beispielsweise auch schon eine Spielunterbrechung wegen rassistischer Äußerungen einer Zuschauerin und das Thema kommt immer wieder auf.

Wo fängt denn Rassismus an? Ist es rassistisch, wenn es auf dem Platz „Scheiß Türke“ heißt? Oder kann man sagen: Ist halt Fußball, da fällt schon mal so ein Spruch?

Vielleicht müssen wir im Umgang mit Sprache sensibler werden. Im Fußball-Kontext gibt es häufiger Aussagen, die der Betreffende eigentlich nicht für fremdenfeindlich hält, aber die bei genauerer Betrachtung doch eine fremdenfeindliche Beleidigung darstellen. Es gibt mittlerweile mehrere Vereine, die eine Art Verhaltens- und Wertekodex mit ihren Mannschaften entwickelt haben. Das kann sicherlich Vorbild für viele sein.

Was tut der Fußball gegen Rassismus?

Ich glaube, dass es in Bremen kaum eine Mannschaft gibt, bei der nicht wenigstens ein Spieler mit Migrationshintergrund dabei ist. Insofern ist das tägliche Wirken schon ein Kampf gegen den Rassismus. Wir Fußballer reden halt auch nicht immer so viel über Integration, wir machen einfach. Aber wir müssen auch da, wo es notwendig ist eine klare Haltung vermitteln und uns gegen Rassismus deutlich zur Wehr setzen. Das darf auch keine Frage der politischen Einstellung sein. Basis unseres Zusammenlebens ist das Grundgesetz, das ist in diesen Fragen eindeutig.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Björn Fecker (40) ist Präsident des Bremer Fußball-Verbandes, Vizepräsident des Norddeutschen Fußball-Verbandes und Mitglied im DFB-Vorstand. Für die Grünen sitzt er in der Bremischen Bürgerschaft.

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