Bremer Familie im Corona-Ausnahmezustand

„Das Urvertrauen in meinen Körper hat mich getragen“

Im Gespräch mit dem WESER-KURIER erzählt der Bremer Axel Pusitzky, wie seine Familie an Covid-19 erkrankte und dreieinhalb Wochen im absoluten Ausnahmezustand verbrachte.
09.04.2020, 14:39
Lesedauer: 7 Min
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„Das Urvertrauen in meinen Körper hat mich getragen“
Von Mathias Sonnenberg
„Das Urvertrauen in meinen Körper hat mich getragen“

Endlich wieder vereint: Axel Pusitzky mit Ehefrau Anneke Vogt und den Kindern Greta und Lennox im heimischen Graten.

Karsten Klama

Herr Pusitzky, das wichtigste Thema lautet derzeit: Wann gibt es wieder ein normales Leben, ganz ohne Beschränkungen? Was fühlen Sie, wenn Sie das lesen?

Axel Pusitzky: Ich kann verstehen, dass die Menschen wieder raus wollen, aber mir persönlich reicht derzeit mein Garten als Ort der Freiheit nach dreieinhalb Wochen Quarantäne. Ich kann die Menschen mit meiner Erfahrung der letzten Zeit nur bitten: Haltet die Füße still, sorgt mit dafür, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man positiv auf Corona getestet wurde.

Wie haben Sie über Corona gedacht, bevor Sie Anfang März mit Ihrer Frau in den Skiurlaub nach Ischgl gefahren sind?

Das war schon ein Thema, aber es gab für Ischgl noch keine Vorzeichen, sondern nur aus Südtirol. Und das ist ja schon etwas entfernter. In Ischgl haben wir nur am ersten Abend beim Après-Ski gefeiert und uns nichts dabei gedacht. Erst zwei Abende später habe ich in einem Restaurant zufällig gehört, dass es in Ischgl einen Corona-Fall geben soll, in der Bar Kitzloch. Und dann hat das alles eine Eigendynamik bekommen, die ich noch nie erlebt habe.

Was genau passierte dort?

Erst wurden die Bars geschlossen, dann die Gondeln beschränkt, dann kam die Meldung, dass der komplette Skibetrieb in Tirol eingestellt wird. Ich dachte damals noch, dass die Verantwortlichen in Österreich die Lage ja echt gut im Griff haben und schnell handeln. Heute weiß man ja, dass bewusst Informationen zurückgehalten wurden, damit alles weiterlaufen kann.

Sie sind dann sofort zurück nach Bremen gefahren?

Wir sind erst noch Ski gefahren, aber alles war anders in Ischgl, dem Ort wurde quasi die Lebensader durchtrennt. Wir sind dann einen Tag früher abgereist. Ich musste das Auto von einem Parkplatz abholen, auf dem Weg dorthin habe ich gespürt: Hier passiert gerade etwas Unglaubliches. Die Leute sind alle gerannt und haben ihre Sachen einfach nur in die Autos geworfen und sind losgefahren, das hatte was von Flucht und Panik. Später haben wir erfahren, dass es Gerüchte gab, dass Ausreiseverbote verhängt werden, dass niemand mehr aus Ischgl rauskommt. Aber das waren Fake-News.

Sie sind direkt nach Bremen gefahren?

Genau, und haben auf der Fahrt die Nachricht bekommen, dass wir in Ischgl Kontakt mit jemanden hatten, der positiv auf Corona getestet wurde. Da war klar: Wir müssen in häusliche Quarantäne. Meine Frau und ich haben noch gescherzt, dass wir uns jetzt noch mal zwei geile Wochen machen und endlich mal im Haus all das nachholen können, was man immer so verschiebt. Unsere Tochter und unser Sohn waren ja gut versorgt bei Oma und Opa, wir hatten also praktisch sturmfreie Bude, 14 Tage lang.

Aber daraus wurde nichts?

Meine Frau hatte schon in Ischgl leichte Halsschmerzen, aber die nicht groß beachtet. Zuhause ging es ihr nach einem Tag schlechter, bei mir begann das Fieber nach zwei Tagen. Wir haben beide einen Corona-Test gemacht in der Ambulanz, aber dann nichts mehr gehört. Die Symptome waren so eindeutig, da musste ich kein Arzt sein, um zu wissen: Wir haben uns infiziert. Und dann haben wir von meinen Schwiegereltern gehört, dass es unserem Sohn Lennox sehr schlecht geht.

Und Sie konnten nicht helfen?

Nein, wir durften ihn ja nicht sehen. Er hatte Dauerfieber, geschwollene Hände und Füße, Ausschlag. Er konnte gar nicht aufstehen. Oma und Opa sind mit ihm dann zu vier Kinderärzten gefahren und waren sogar im Krankenhaus, aber es gab keine klare Diagnose. Es sei wohl eine Grippe und Bronchitis, hieß es. Beim fünften Kinderarzt hat meine Schwiegermutter darum gebeten, dass ein großes Blutbild angefertigt werden soll. Einen Tag später bekamen wir einen Anruf von der Kinderärztin, das Blutbild sei katastrophal ausgefallen, Lennox müsse sofort ins Krankenhaus. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dass er Leukämie hätte, nicht gering sei. Ab dem Zeitpunkt befanden wir uns im emotionalen Ausnahmezustand. Für uns ist da eine Welt zusammengebrochen.

Wie haben Sie solch einen Verdacht verkraftet?

An dem Tag war in meinem Krankheitsverlauf der schlimmste Tag, ich habe nur auf dem Sofa vor mich hin vegetiert. Ich fühlte mich, als wäre ich von einem Zug überrollt worden. Meiner Frau ging es da schon etwas besser, sie hat praktisch den ganzen Tag am Telefon verbracht, weil wir ja keinen direkten Zugang hatten. Im Krankenhaus haben sie Lennox dann erneut untersucht, sie wollten ihn auf die Kinderkrebsstation legen.

Aber dazu kam es nicht?

Ein Mediziner hat in dem Moment die Frage gestellt, was eigentlich ist, wenn der Junge Corona hat? Es gab zuvor kein Kind, das in Bremen positiv getestet wurde. Aber es wäre ja fahrlässig gewesen, Lennox auf die Krebsstation zu legen, ohne zu wissen, ob er nicht vielleicht mit Covid-19 infiziert ist. Deshalb durfte er nach dem Test mit seinen Großeltern wieder nach Hause fahren. Fünf Stunden später bekamen wir dann die Nachricht, dass er an Covid-19 erkrankt ist und eine Lungenentzündung hat. Auch eine schlimme Diagnose, aber trotzdem ist uns ein Stein vom Herzen gefallen.

Aber Sie haben auch im Krankenhaus gelegen?

Ja, das war etwas kurios. Als Lennox das erste Mal im Krankenhaus war, hat meine Schwiegermutter einem Arzt erzählt, dass es mir nicht gut geht, ich mit Corona im Bett liege, aber nicht zum Arzt will. Dabei ging es bei mir bergab, ich konnte einfach nicht mehr. Da hat der Kinderarzt mich angerufen und am Telefon ins Gebet genommen und gesagt: „Herr Pusitzky, wenn Sie mir und Ihrem Sohn einen Gefallen tun wollen, kommen Sie ins Krankenhaus.“

Was Sie dann auch gemacht haben?

Ja, aber nicht mit dem Krankenwagen, wir haben uns die Finger wund gewählt, es war nichts zu machen. Am Ende hat mich meine Frau gefahren, obwohl sie das eigentlich gar nicht durfte, sie war ja noch in Quarantäne. Ich bin dann aufgenommen worden, aber die Abläufe rund um die Isolierstation waren nicht ganz reibungslos.

Wie lange haben Sie dort gelegen?

Zwei Nächte habe ich dort verbracht, dann hat mich meine Frau abgeholt. Ich hatte den Eindruck, dass ich Zuhause besser aufgehoben bin. Gut war für mich, dass am zweiten Tag meine Lunge geröntgt wurde und der Befund positiv war. Das war eine erlösende und wichtige Nachricht für mich.

Ihre Tochter und die Schwiegereltern müssen sich bei Lennox ja auch infiziert haben, alle haben wochenlang in einem Haushalt gelebt.

Das haben die Ärzte zu uns gesagt, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 99 Prozent, dass sie sich angesteckt haben. Dann haben sie sich testen lassen – und alle waren negativ.

Können Sie sich das erklären?

Ach, du kriegst jeden Tag so viele Infos über Corona, du liest dich ja fast schon dummschlau. Mein Schwiegervater ist sehr besorgt, er hört sich den Podcast von Professor Drosten lieber zweimal an, um alles zu wissen. Er glaubt, dass sie möglicherweise so früh an Corona erkrankt waren, dass man es jetzt nicht mehr nachweisen kann. Aber meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen. Und unsere Tochter nimmt eigentlich jede Bazille an, sie ist häufiger mal krank. Sie hat dreieinhalb Wochen lang mit ihrem Corona positiven Bruder zusammen gelebt, da war mir klar, dass sie sich angesteckt haben muss. Aber das war glücklicherweise nicht so.

Können Sie eigentlich erklären, wo sich Ihr Sohn mit Corona infiziert haben könnte?

Das ist schwierig, bei uns jedenfalls nicht. Er war noch zwei Tage in der Schule, vielleicht dort. Oder bei einem seiner Arztbesuche. Oder er hat irgendwo angefasst und seine Finger in den Mund gesteckt. Nein, wir wissen es nicht.

Was hat Sie in dieser schweren Zeit eigentlich Hoffnung schöpfen lassen?

Ich mache jeden Tag Sport und beschäftige mich sehr intensiv mit meinem Körper, ernähre mich nahezu vorbildlich. Ich rauche nicht, ich trinke nicht, außer mal im Skiurlaub. Ich hatte die ganze Zeit, auch als es mir richtig, richtig schlecht ging, das Vertrauen in meinen Körper, dass ich da durchkomme. Ich hatte das Gefühl, ein gesundes Fundament zu haben, ohne Vorerkrankung wie viele andere. Das war bei meinem Sohn auch so, er ist sehr sportlich, drahtig und sehnig und bietet dieser Krankheit eigentlich wenige Angriffsfläche. Die Krankheit hat gemerkt bei uns, dass sie einen starken Gegner hat. Dieses Urvertrauen in meinen Körper hat mich die ganze Zeit getragen.

Wie war es für Sie, Ihre Kinder die ganze Zeit nicht sehen zu können?

Die Sehnsucht ist ins Unermessliche gestiegen, gerade auch bei dem Krankheitsverlauf unseres Sohnes. Wir wussten, dass wir ihm nicht helfen können, trotzdem wären wir gerne bei ihm gewesen. Dazu kamen meine Eltern. Mein Vater ist 87, meine Mutter 84. Mein Vater hatte eine Fuß-Operation, meiner Mutter hatte auch eine Operation. Sie saß Zuhause wie ein Häufchen Elend, kriegt die Meldung, dass ihr Enkel womöglich Leukämie hat und dann doch nur Corona hat, ihr Sohn sie aber nicht besuchen kann. Das waren schon Momente, wo ich mich gefragt habe: Was will das Leben dir gerade sagen? Aber es gibt ja auch was Positives.

Und das wäre?

Am Ende ist alles gut ausgegangen. Wir haben am vergangenen Montag unsere Kinder bei den Großeltern abgeholt, da haben wir sie das erste Mal seit dem 6. März gesehen. Da war so viel Unsicherheit in dieser Situation, als wir uns gegenüberstanden. Wir wussten erst gar nicht, ob wir uns jetzt überhaupt umarmen dürfen. Aber dann funktioniert der Mensch anders, da waren plötzlich so viele Emotionen. Am Abend haben wir bei uns im Garten gegrillt, haben ein Feuer gemacht und gedacht: Was ist das für ein Mist gewesen und wie schön ist es, jetzt hier wieder so ganz banal beieinander zu sitzen.

Dieser Spruch, das Leben jeden Tag zu genießen, ist auch so ein banaler Spruch.

Ich ticke da anders, ich merke, dass ich solche Dinge schnell hinter mir lasse. Ich bin ein Kopfmensch, ich sehe die Aufgaben, die vor mir liegen. Ich gucke selten nach hinten, aber das ist wohl auch eine Art von Selbstschutz. Ich denke schon wieder an Squash, meinen Sport. Und schaue jetzt, wie mein Sohn und ich wieder in eine wettkampfmäßige Form kommen. Ich bin mit den Gedanken wieder in der Zukunft, das macht mir Hoffnung. Und ich bin dankbar, dass diese Wochen so geendet sind.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Axel Pusitzky (56)

arbeitet seit 1993 als freier Journalist für Radio Bremen. Er moderiert außerdem Veranstaltungen und ist leidenschaftlicher Sportler.

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