Werder-Neuzugang vor Debüt Verstärkung aus Amerika

Bayern, USA, Werder – der Weg der Fußballerin Ricarda Walkling führt heraus aus der Komfortzone. Ziel bleibt der Aufstieg in die Bundesliga
22.02.2020, 16:28
Lesedauer: 4 Min
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Verstärkung aus Amerika
Von Olaf Dorow

Hm, sagt Ricarda Walkling. Und: Nee. Nein, der FC Bayern sei keine Überlegung gewesen. Dabei ist sie doch immer eine Rote gewesen, zumindest darf man das im Fußballjargon wohl so formulieren. Geboren in Hannover (wo die Profis vom örtlichen Großklub auch gern die Roten genannt werden), aufgewachsen in Bayern, hatte Ricarda Walkling seit frühester Jugend die roten Trikots übergestreift. Erst die vom FC Bayern München, für den sie bereits mit 16 in der ersten Liga debütierte. Dann in den letzten vier Jahren die Hemden von North Carolina State, dem College-Team einer staatlichen Universität an der amerikanischen Ostküste. Kampfname: Wolfpack. Trikotfarbe: knallrot.

Ab sofort aber: grün-weiß. Ricarda Walkling, 22 Jahre alt und fußballerisch im zentralen Mittelfeld zu Hause, hat einen Vertrag beim SV Werder unterschrieben, und wie gesagt, viel mehr gebe es nicht dazu zu sagen, dass sie nicht zum FC Bayern zurückgekehrt ist, als sie aus Amerika nach Deutschland zurückkehrte. Es sei halt wieder Zeit für etwas Neues gewesen, und das Bauchgefühl habe quasi für Bremen plädiert, als für das Neue ein Vertrag beim Zweitligisten Werder Bremen ins Spiel kam.

Grün statt rot. Wie man das beim FC Bayern findet, ist noch weniger bekannt als Ricarda Walklings Gedanken darüber, von denen sie immerhin die Sache mit dem Baugefühl verrät. Überliefert ist hingegen, wie der Wolfpack-Trainer es aufgenommen hat, dass seine zentrale Spielerin fortan nicht mehr mitspielt. Laut der North-Carolina-State-Homepage findet er es, verniedlichend gesagt: sehr schade. Was wohl als großes Kompliment interpretiert werden darf. Ebenso groß ist die Vorfreude beim SV Werder. Seine neue Spielerin sei eine starke Technikerin, die zudem sehr offensivfreudig sei, sagt Trainer Alexander Kluge. Abteilungsleiterin Birte Brüggemann sagt, dass mit Ricarda Walkling, die nicht nur in den USA, sondern auch schon in Bremen vorwiegend Ricci gerufen wird, bereits eine Verstärkung mit Blick auf die kommende Saison sei. Werder ist Tabellenführer von Liga zwei und will unbedingt zurück in Liga eins.

Ricarda Ricci Walkling macht im Interview nicht den Eindruck, dass sie die vom Verein öffentlich formulierte Erwartungshaltung schier zu erdrücken scheint. Sie sagt: „Ich habe doch nicht groß was zu verlieren.“ Ihr schweben andere Themen vor: den Spaß am Fußball nicht verlieren, individuell weiterentwickeln, sich wieder ans Niveau erste Liga herantasten. So einsilbig, wie sie sich beim Thema FC Bayern gibt, so entspannt und tatendurstig klingt die frühere Junioren-Nationalspielerin, wenn es um ihre nächste fußballerische Etappe geht. Die grün-weiß geprägte Etappe. Zwei, drei Jahre wird sie wohl mindestens in Bremen bleiben, vielleicht auch länger. In North Carolina hatte sie ihren Bachelor im Fach Hotel- und Touristik-Management absolviert, an der Uni Bremen will sie den Master draufsetzen.

Die beiderseitige Vorfreude auf einen gewinnbringenden Doppelpass zwischen Walkling und Werder könnte deutlich mehr sein als eine Höflichkeitsfloskel. Ricarda Walkling blickt mit ihren 22 Jahren bereits auf eine Biografie, die sich nicht nur in der Komfortzone aufhält. Groß geworden im beschaulichen Obergriesbach, einer Gemeinde mit rund 2000 Einwohnern, ging sie, erst 18 Jahre alt, nicht nur an eine State-University mit rund 38 000 Studierenden. Sie ging zugleich in eine fremde Kultur. Lernte, eine fremde Sprache fließend zu sprechen. Erfuhr, so erzählt sie es, dass doch viel mehr in einem drinsteckt, als man es in der Komfortzone vermutet. Über ihre Zeit in Amerika sagt sie: „Meine Erwartungen wurden übertroffen.“ Und: „Ich habe viel über mich selbst gelernt. Ich bin da gereift.“ Schlagworte: Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstsicherheit.

Was für sie als Persönlichkeit wie als Fußballspielerin gelten dürfte. In Amerika lernte sie nicht nur eine recht professionelle Infrastruktur für ihren Sport kennen und schätzen. Eine Struktur auf einem Niveau, das im deutschen Frauenfußball höchstens beim FC Bayern sowie beim VfL Wolfsburg anzutreffen sei. Sie lernte auch, mit einer anderen Fußball-Kultur umzugehen. Während in Deutschland ein größerer Fokus auf dem technisch-­taktischen Bereich liege, ginge es in Amerika sehr über die Athletik.

Dass sie als technisch talentierte Spielerin damit gut zurechtkam, zeigt nicht nur das Statement des Wolfpack-Coaches. Sie erlangte schnell eine tragende Rolle im Mittelfeld und wurde insgesamt 86-mal eingesetzt. In dem amerikanischen College-System mit einem Spielbetrieb in 31 Conferences und anschließenden Play-offs stieß ihr Team immerhin bis ins Achtelfinale vor. Ihr Team, in dem auch zwei weitere Ex-Bayern-Spielerinnen sowie eine Tschechin standen, gehörte zu den „sweet sixteen“, wie die Achtelfinalisten in Übersee genannt werden. Der Abschied sei ihr schwer gefallen, sagt Ricarda Walkling, und ihre Augen glitzern jetzt ein wenig. So ähnlich, als es kurz zuvor darum ging, dass jetzt Zeit sei für etwas Neues.

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Zur Sache

Vier Tore im letzten Test

Die Vorbereitung ist gelaufen, an diesem Sonntag geht für Werders Fußballerinnen der Spielbetrieb in der 2. Bundesliga weiter. Der Tabellenführer hat dabei bei Borussia Mönchen-
gladbach anzutreten (11 Uhr). „Ein Sieg wäre wichtig, um mit einem positiven Gefühl aus der Winterpause zu kommen. Trotzdem ist es nur das eine Auftaktspiel", sagte Coach Alexander Kluge. Für den letzten Test waren die Bremerinnen zum Regionalligisten SV Henstedt-Ulzburg gereist. Sie siegten dort mit 4:2. Zweimal Gabriella Tóth (19./49.) sowie Nina Lührßen (13.) und Selina Cerci (51.) hatten für die Mannschaft von Alexander Kluge getroffen. Ricarda Walkling kam in Henstedt zu ihrem ersten Einsatz für ihr neues Team. Sie wurde zur Halbzeitpause für Stephanie Goddard eingewechselt.

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