Übung und Meister "Was wäre das Leben ohne Pferde?"

Orvokki Somervuori (24) ist von Finnland nach Deutschland gezogen, um Profireiterin im Vielseitigkeitsreiten zu werden. Im Interview spricht sie über ihre Ziele und über ihre abenteuerliche Reise.
25.01.2022, 10:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Patricia Friedek

Frau Somervuori, Sie sind vor etwa einem Monat nach Deutschland gekommen. Wie haben Sie sich eingelebt?

Orvokki Somervuori: Gut, die Leute sind sehr nett. Es ist schön, hier zu sein. Ich verstehe allerdings kein Deutsch, das ist manchmal etwas schwierig. Ich versuche, es bald zu lernen.

Wissen Sie schon, wie Sie das machen wollen?

Bei der Arbeit spreche ich vor allem Englisch – aber da sind auch ein paar Leute, die ausschließlich Deutsch sprechen. Das könnte es einfacher machen, es zu lernen.

Was unterscheidet die Deutschen von den Finnen?

Eine Sache, die mir aufgefallen ist: Wenn man hier spazieren geht, dann sagen fremde Menschen mir einfach Hallo, obwohl ich sie gar nicht kenne. Das finde ich lustig. Ich denke, die Finnen sind ein bisschen schüchterner als die Deutschen.

 

Sie arbeiten hier als Pferdepflegerin. Wie sieht ein Tag bei Ihnen gerade aus?

Ich stehe um sechs Uhr morgens auf. Um sieben fange ich an zu arbeiten. Als Erstes füttern wir die Pferde und misten den Stall aus. Dann lassen wir die Pferde auf die Koppel oder führen sie an der Hand. Ich mache die Pferde für meinen Chef fertig oder longiere sie. Um zwölf habe ich Mittagspause, da reite ich meistens mein eigenes Pferd – mein Chef ist gleichzeitig mein Reitlehrer und oft trainieren wir dann auch zusammen. Von 14 bis 18 Uhr bringe ich die Pferde in die Führanlage oder bewege sie anderweitig, gebe ihnen Futter und dann gehe ich nach Hause. Ich arbeite sechs Tage in der Woche.

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Wie viele Pferde versorgen Sie am Tag?

Zusammen mit meinem Team pflege ich zehn Pferde, eines davon ist mein eigenes.

Erzählen Sie mal von Ihrem Pferd.

Sein Name ist Romeo und er ist zwölf Jahre alt. Er ist ein Trakehner mit einem hohen Vollblutanteil, was sehr gut für die Vielseitigkeit ist – er ist sehr schnell. Das Beste an ihm ist: Er mag es, bei Wettkämpfen mitzumachen. Wenn wir zu Turnieren fahren, ist er sehr motiviert und kann es kaum erwarten, in den Transporter zu steigen. Außerdem ist er sehr lieb . Im Stall haben wir sehr viele verschiedene Pferde mit verschiedenen Persönlichkeiten, und Romeo mag sie alle. Aber er liebt sowieso alle Tiere, auch Hunde und Katzen.

Sie verbringen fast jede Sekunde mit Pferden. Haben Sie da nicht manchmal das Bedürfnis, etwas anderes zu tun?

Naja, ich meine, Pferde sind der Grund, warum ich hergekommen bin. Und manchmal denke ich darüber nach: Was wäre das Leben ohne Pferde? An meinem freien Tag schlafe ich meistens sehr viel, aber ich reite auch wieder mein eigenes Pferd. Früher war ich bei den Pfadfindern unterwegs, bevor ich angefangen habe zu reiten. Dafür fehlt mir jetzt die Zeit. Ich habe viele Freunde bei den Pfadfindern – da ist es schön, mal über etwas anderes als Pferde zu sprechen.

Waren Sie vorher schonmal in Deutschland?

Bevor ich herkam, war ich im September einen Monat lang in der Nähe von Hamburg, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Und ich wollte unbedingt wiederkommen.

Warum haben Sie sich entschieden, ausgerechnet nach Ganderkesee zu gehen, um Profireiterin zu werden?

In Finnland hatte ich nicht die Möglichkeit auf dem Vielseitigkeits-Wettkampflevel zu reiten, auf dem ich es gerne tun würde. Würde ich weiter dort wohnen, müsste ich jedes Mal ziemlich weit fahren, um an Wettkämpfen auf höherem Niveau teilzunehmen. Das wäre sehr kompliziert. Ich bin bisher bei drei Turnieren in anderen Ländern mitgeritten, zweimal in Polen, einmal in Holland.

Sie hätten auch an einen anderen Ort in Deutschland ziehen können...

Die Freundin meines Trainers Fouaad Mirza ist auch Finnin und hat bei Facebook eine Ausschreibung veröffentlicht, in der es hieß, dass sie eine Pferdepflegerin oder einen Pferdepfleger suchen. Mein Trainer in Finnland hat mich ermutigt, mich dafür zu bewerben. Erst habe ich gezögert, weil es ein großer Schritt ist, in ein anderes Land zu gehen. Aber dann habe ich mich dafür entschieden.

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Wie sind Sie mit ihrem Pferd hier angereist?

Ich bin mit der Fähre bis nach Travemünde gefahren und von dort mit dem Pferdetransporter nach Ganderkesee gekommen. Das hat etwa 30 Stunden gedauert.

Das klingt ganz schön anstrengend. Haben Sie das ganz allein gemacht?

Ja, es war mein erstes Mal allein mit meinem Pferd auf einem Schiff. Die Sache ist: Wenn man mit einem Pferd auf dem Schiff reist, muss man es alle vier Stunden kontrollieren und ihm Futter und Wasser geben. Man kann also nicht viel am Stück schlafen – das war anstrengend. Als ich in Travemünde angekommen bin, war das Wetter fürchterlich: Es war 12 Uhr nachts, es hat stark gestürmt und geschneit. Und es war das erste Mal, dass ich in einem anderen Land Auto fahren musste – ich habe die Schilder nicht verstanden, weil sie alle auf Deutsch waren. Transporter fahren, wenn es so windig ist, ist außerdem nicht so einfach. Es kam also alles auf einmal zusammen. Aber wir haben es überlebt.

Ein Glück! Welches reiterliche Ziel haben Sie sich gesetzt?

Das höchste internationale Level, auf dem ich bisher geritten bin, war eine Zwei-Sterne-Prüfung, das bedeutet zum Beispiel eine Hindernishöhe von 1,15 Metern. Dieses Jahr möchte ich bei einer Drei-Sterne-Prüfung antreten, hier beträgt die Höhe 1,20. Die Strecke ist länger und es gibt mehr Hindernisse. Hier möchte  ich noch ein paar Zwei-Sterne-Turniere reiten. Mein Hauptziel ist es, bei den Nordic-Baltic-Championships im September mitzureiten, das wäre auch auf einem Drei-Sterne-Niveau.

Wie oft trainieren Sie?

Wir trainieren etwa vier– oder fünfmal die Woche. Bei Vielseitigkeitspferden ist es besonders wichtig, ihnen ein abwechslungsreiches Programm zu bieten, weil sie schließlich in allen drei Disziplinen gut sein müssen. Heute trainieren wir Dressur, gestern habe ich etwas Stangenarbeit gemacht. Einmal die Woche springen wir meistens und ein– oder zweimal reiten wir aus. Das hängt davon ab, wie hart das Training ist.

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Welche Disziplin mögen Sie am liebsten?

Ich mag Springen sehr gerne und das Querfeldein-Reiten. Aber natürlich mag ich alle Disziplinen.

Wann haben Sie mit dem Reiten angefangen und warum haben Sie sich für Vielseitigkeit entschieden?

Ich war zwölf Jahre alt, als ich mit dem Reiten angefangen habe. Zuerst habe ich mit meiner kleinen Schwester an einem Reitercamp teilgenommen. Ich habe schon immer Pferde und andere Tiere geliebt, aber wir hatten nie welche. Als ich 13 war, bin ich in eine Reitschule gekommen und dort drei Jahre geritten. Jeden Sommer sind wir zusätzlich zu  Reitercamps gefahren. Dann habe ich mein erstes eigenes Pony bekommen . Es gehört inzwischen meiner kleinen Schwester. Ich wollte Turniere mit meinem Pony reiten. Die ehemalige Besitzerin sagte zu mir, dass sich das Pony möglicherweise gut fürs Vielseitigkeitsreiten eignet. 2015 hatte ich dann mein erstes Vielseitigkeitsturnier mit ihm und es hat wahnsinnig Spaß gemacht. Danach sind wir noch bei ein paar Springreit- und Dressurturnieren mitgeritten.

Und dann?

2017 habe ich angefangen zu studieren, im Ypäjä Equine College, der größten Berufsreitschule in Finnland und habe mein Pony dorthin mitgenommen. Wir hatten dort viele junge und erwachsene Pferde, mit denen wir trainiert haben. Es war toll, das zu studieren, was man am meisten liebt. Danach habe ich ein Praktikum bei einer Vielseitigkeitsreiterin absolviert, sie ist mir sehr wichtig geworden. Bei ihr bin ich dann auf Romeo getroffen. Ich hatte ihn zuerst als Reitbeteiligung und ihn später zusammen mit meinem Vater gekauft. Inzwischen trainiere ich seit zwei Jahren mit ihm.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt, als Sie beschlossen haben, nach Deutschland zu gehen?

Meine Eltern sind keine Pferdemenschen. Aber gerade meine Mutter hat mich immer unterstützt und weiß, dass ich woanders hingehen muss, wenn ich auf einem höheren Niveau reiten will. Wir haben ein sehr enges Verhältnis in der Familie, meine Geschwister haben sich für mich gefreut. Ich denke, es war das Mutigste, was ich bisher gemacht habe. Ich liebe meine Geschwister und ich liebe es, zu Hause zu sein. Aber es war Zeit, auf meine Karriere zu blicken. Ich habe eine meiner kleinen Schwestern im Reiten trainiert, seit sie sieben war. Heute ist sie 14 – für sie war es besonders schwer, mich gehen zu lassen. Aber ich bin mir sicher: Sie wird auch andere Reitlehrer finden.

Wie lange planen Sie, in Deutschland zu bleiben?

Ich weiß es noch nicht. Mindestens ein Jahr. Aber ich denke, ich werde sehr viel länger hier bleiben. Ich kann mir aktuell auch vorstellen, zehn Jahre hier zu leben.

Das Gespräch führte Patricia Friedek.

Zur Person

Orvokki Somervuori (24) ist aus Finnland nach Deutschland gekommen, um professionelle Vielseitigkeitsreiterin zu werden. Sie arbeitet als Pferdepflegerin auf dem Hof von Sandra Auffarth in Ganderkesee und lebt in Delmenhorst. Ihr Trainer ist Fouaad Mirza, der bei den olympischen Spielen in Tokio mitgeritten ist.

Zur Sache

Das Vielseitigkeitsreiten

ist ein Mehrkampf im Reitsport, bei dem die Teildisziplinen Dressur, Springreiten und Geländereiten absolviert werden. Dabei stellt die Dressur stets die erste Aufgabe der Prüfung dar. Beim Geländeritt, der zweiten Disziplin, sind die Hindernisse in der Abmessung von Höhe und Weite im Vergleich zum spezialisierten Springreiten kleiner, dafür ist die Schwierigkeit durch die Umstände im Gelände gegeben. Die Springprüfung bildet immer den Abschluss der Vielseitigkeitsprüfung. Der Springparcours ist weniger technisch, weil die Hindernisse dort nicht höher als 1,30 m und die Distanzen zwischen den Sprüngen weiter sind, weil die Pferde für den Geländeritt auf einen größeren Galoppsprung trainiert werden müssen. Der Concours Complet International (CCI) ist ein vom Weltpferdesportverband FEI festgelegtes Bewertungssystem im Vielseitigkeitsreiten: Dort werden die Klassen von einer ein-Stern-Prüfung bis zur fünf-Sterne-Prüfung definiert.

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