Mit Lob in die Tour de France

„Lennard Kämna kann eine Etappe gewinnen“

Ralph Denk, der Manager des Radsport-Profiteams Bora-Hansgrohe, hält im Interview große Stücke von Lennard Kämna. Er traut dem 23-jährigen Bremer bei der Frankreich-Rundfahrt sogar einen Etappensieg zu.
26.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Lennard Kämna kann eine Etappe gewinnen“
Von Jörg Niemeyer
„Lennard Kämna kann eine Etappe gewinnen“

Lennard Kämna vor knapp zwei Wochen auf dem Weg zu seinem bislang größten Erfolg als Profi: dem Etappensieg beim Critérium du Dauphiné.

Roth-Foto
Herr Denk, die kürzlich gestürzten Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann und Gregor Mühlbauer können die Tour de France fahren. Ihr Wunsch ist also erhört worden.

Ralph Denk: Unser Ärzteteam versucht alles, um sie fit zu bekommen, und es hat nun grünes Licht für einen Start gegeben. Aber man muss auch Realist sein: Alle drei haben ganz wichtige Trainingstage vor dem Großereignis nicht optimal nutzen können.

Doch immerhin können Sie an Ihren Plänen festhalten: Teamkapitän Buchmann soll wieder Kandidat für eine vordere Platzierung in der Gesamtwertung sein und unter anderem Lennard Kämna ihm dabei helfen.

So sieht es aus. Ohne Buchmann hätten wir uns wohl von der Gesamtwertung verabschieden und uns mehr auf einzelne Etappen konzentrieren müssen.

Ist Kämna schon ein Kandidat für Tagessiege?

Er hat bei der Dauphiné eine hervorragende Leistung gezeigt. Ich glaube, dass Lennard bei der Tour eine Etappe gewinnen kann – und darüber würde ich mich wahnsinnig freuen.

Das wäre, was Kämna betrifft, für die Gegenwart erst mal genug?

Mehr als genug.

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Kämna fährt die erste Saison für Ihr Team. Was sagen Sie über ihn und seine Entwicklung?

Wir haben eine richtige Balance gefunden. Einerseits steht mein Team für höchste Professionalität, andererseits aber auch für eine gewisse Hemdsärmeligkeit. Ich versuche das so gut zu kombinieren, wie es möglich ist. Lennard findet diese Herangehensweise ganz gut. Wir sind kein Team, bei dem alles generalstabsmäßig geplant ist oder das keinen Widerspruch duldet.

Ralph Denk

Teammanager Ralph Denk von Bora-Hansgrohe.

Foto: Matthias Balk/dpa
Man darf also sagen, was man denkt?

Dafür wird niemand gleich verurteilt. Ich erwarte nur, dass wenn jemand etwas sagt, es fundiert und konstruktiv ist. Man darf aber auch schöne Ideen auf den Tisch bringen. Lennard hat auf jeden Fall Spaß auf dem Rad, und wenn das nicht so wäre, wäre es auch schwer, die richtige Leistung abzurufen.

Lennard Kämna wirkt bei seinen öffentlichen Auftritten ziemlich tiefenentspannt.

Ich finde es gut, wie er sich präsentiert. Als er zu uns kam, war ich gespannt, wie das zwischen ihm als Nordlicht und uns in Raubling funktioniert. Wir sind hier ja in Bayern. Inzwischen haben wir sehr gute Erfahrungen gesammelt.

Welche Stärken schätzen Sie am meisten an Kämna?

Sein Grundtalent, das er auch in den Nachwuchsklassen immer unter Beweis gestellt hat. Ansonsten ist er ein aufrichtiger und geradliniger Bursche.

Woran muss er noch besonders arbeiten?

Es reicht mir schon, wenn er so weiter macht wie bisher. Wenn er noch ein bisschen stabiler und stärker wird. Er ist auf einem guten Weg. Wir wollen ihm gewisse Freiräume geben und schauen, wohin die Reise geht. Deshalb soll er in diesem Jahr auch noch einige Klassiker fahren. Dass wir auch da sehen, wie er zurecht kommt. Aber er ist mit seinen 23 Jahren ja auch noch so jung, da muss er sich jetzt noch nicht spezialisieren.

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Klingt nach großem Vertrauen in den Fahrer...

Absolut.

Was trauen Sie Kämna bei der Tour zu?

Wer bei der Dauphiné eine Etappe gewinnt, kann das auch bei der Tour. Das ist so. Vielleicht ergibt sich für Lennard die eine oder andere Möglichkeit, seine Chance wahrzunehmen. Wenn das nicht passiert, Lennard sich aber voll in den Dienst der Mannschaft stellt, sind wir genauso happy.

Was trauen Sie ihm im weiteren Verlauf seiner Karriere zu, kann er ein ganz Großer werden?

Durchaus, ja, aber es ist noch zu früh, zu sagen, dass er in drei Jahren bei der Tour aufs Podium fährt. Das ist auch nicht unsere Herangehensweise. Wir haben auch nie über Buchmann hinausposaunt, dass er das Zeug dafür hat. Wir arbeiten in Ruhe und wollen für die jungen Leute keinen Druck aufbauen.

Aber auch ein Rennstall hat doch Ziele.

Jetzt fährt Lennard sein erstes Jahr für uns, nächstes Jahr setzen wir uns neue Ziele. Und dann hoffe ich, dass wir den Vertrag verlängern können. Natürlich haben wir mit jedem Sportler eine langfristige Vision, aber die teilen wir nicht mit der Öffentlichkeit.

Themenwechsel. Nach den schweren Unfällen in der vorvergangenen Woche in Polen, Italien und Frankreich stellt sich die Frage: Ist der Radsport gefährlicher geworden?

Ja, das kann man vielleicht so sagen. Das hängt von zwei Sachen ab: Erstens von den Straßenverbauungen. Kreisverkehre, verkehrsberuhigte Bereiche und Straßenverengungen werden nach meinem Gefühl immer mehr. Und zweitens, wird die Geschwindigkeit immer höher mit dem hochmodernen Material. Aber man muss jeden schweren Sturz auch für sich allein genau betrachten. Fakt ist jedenfalls: Wenn wir die Faszination Straßenradsport aufrecht erhalten wollen, dann kann man Strecken über 200 Kilometer und mehr nie hundertprozentig sicher gestalten. Auch da muss man Realist sein.

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Spielt Corona möglicherweise eine Rolle, weil man derzeit nicht überall fahren kann und Veranstalter auf weniger geeignete Strecken ausweichen?

Nein, das glaube ich nicht.

Lennard Kämna hat kürzlich in einem Interview den Veranstaltern eine Mitschuld gegeben, weil die Strecken zum Teil zu gefährlich seien. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, dass die Veranstalter und der Weltverband UCI besser zusammen arbeiten müssen. Im Moment wälzt die UCI sehr viel auf den Veranstalter ab. Das ist natürlich einfach. Der Veranstalter macht dann das, worin er den meisten Sinn sieht. Und vielleicht wählt er dann auch bewusst kleinere Straßen aus, weil sie das Rennen interessanter machen.

Müssen die Fahrer das so hinnehmen?

Es wäre begrüßenswert, wenn die UCI da mehr regulieren würde. Und es war auf jeden Fall richtig, was Lennard gesagt hat. Aber ein Restrisiko wird immer bleiben, solange wir auf normalen Straßen fahren.

Kann man eine Strecke denn überhaupt auf mögliche Schwachstellen untersuchen?

Ja, bei der Tour de France haben wir einen eigenen Scout, der die jeweilige Strecke vorab mit dem Auto abfährt. Aber das machen wir nur bei der Tour.

Warum sonst nicht?

Wir haben 260 Renntage pro Jahr, es arbeiten ohnehin schon 100 Leute im Team. Da würde es mein Budget sprengen, wenn ich immer noch einen Streckenscout zu jedem Rennen mitnehmen würde.

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Noch mal zurück zur Tour: Welche Minimalbilanz erhoffen Sie sich für Ihr Team?

Ein Platz auf dem Podium in Paris und das Grüne Trikot des punktbesten Sprinters.

Auha, damit legen Sie die Latte fürs Team aber ziemlich hoch.

Wenn man etwas erreichen will, muss man das so machen.

Und was könnte maximal drin sein?

Es gibt kein Minimal oder Maximal. Unser Ziel ist das Podium und das Grüne Trikot.

Das Interview führte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Ralph Denk (46) ist ein ehemaliger Amateurrenn- und Sechstagerennfahrer, der nach seiner Karriere Manager von Radsportteams geworden ist. 2017 wurde sein damaliges Team in Bora-Hansgrohe umbenannt.

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