German Open diese Woche in Bremen

Warum die Tischtennis-Weltelite so häufig nach Bremen kommt

In der ÖVB-Arena in Bremen finden ab diesem Dienstag die internationalen deutschen Meisterschaften im Tischtennis, die sogenannten German Open, statt. Und sie sind besetzt wie eine Weltmeisterschaft.
20.03.2018, 06:49
Lesedauer: 5 Min
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Warum die Tischtennis-Weltelite so häufig nach Bremen kommt
Von Jörg Niemeyer
Warum die Tischtennis-Weltelite so häufig nach Bremen kommt

Der aktuelle Weltranglisten-Dritte Dimitrij Ovtcharov gewann die German Open 2017 in Magdeburg und gehört auch jetzt in Bremen zum hochkarätig besetzten Teilnehmerfeld.

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Wer im Tischtennis ganz nach oben möchte, muss es mit den Chinesen aufnehmen. In China, dem Reich der Mitte, leben knapp 1,4 Milliarden Menschen, zu deren Lieblingssportarten Tischtennis gehört. Und die Chinesen spielen Tischtennis nicht nur gern, sondern auch gut. So gut, dass sie bei den sechs Olympischen Spielen seit 1996 immerhin 25 von insgesamt 36 vergebenen Einzelmedaillen bei den Frauen und Männern gewannen. In allen olympischen Tischtennis-Wettbewerben im Einzel, im Doppel (im Programm bis 2004) und mit der Mannschaft (im Programm seit 2008) gab es seit 1996 überhaupt nur einen einzigen Gewinner, der nicht aus China kam: Ryu Seung-min. Der Südkoreaner triumphierte 2004 in Athen. Alle anderen 23 Goldmedaillen gingen nach China.

Angesichts der Begeisterung für und der Bedeutung von Tischtennis im bevölkerungsreichsten Land der Erde ist in dieser Woche zu vermuten, dass Millionen Menschen auf Bremen schauen. Hier finden in der ÖVB-Arena und den anliegenden Hallen ab diesem Dienstag bis Sonntag die internationalen deutschen Meisterschaften im Tischtennis, die sogenannten German Open, statt. Und nicht nur die Chinesen werden diese Titelkämpfe im Blick haben, sondern Tischtennis-Anhänger überall auf der Welt. Denn die German Open sind hochkarätig besetzt wie eine Weltmeisterschaft.

28 der 30 besten Männer der Weltrangliste aus dem März 2018 haben gemeldet. Nur die beiden derzeit stärksten Chinesen, Fan Zhendong (2.) und Lin Gaoyuan (4.), werden fehlen. Würde das Turnier-Hauptfeld jetzt auch in Bremen, wie noch vor kurzer Zeit üblich, aus 64 Teilnehmern bestehen, hätte der „schlechteste“ Spieler die Weltranglisten-Position 72. „Es ist ein Feld, das einer Einzel-WM alle Ehre machen würde“, sagt der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), Richard Prause. Die besondere Anziehungskraft dieser German Open dürfte auch darin bestehen, dass sie das letzte schwere Turnier vor der Mannschaftsweltmeisterschaft vom 29. April bis 6. Mai in Schweden sind.

ÖVB-Arena perfekte Infrastruktur für Tischtennis

Bremen darf also durchaus stolz sein auf sich. Eine Sportveranstaltung dieser Güte – die German Open zählen in der zwölfteiligen Turnierserie des Internationalen Tischtennis-Verbands ITTF zu den sechs Platin-Events, mithin also weltweit zu den hochwertigsten – gibt es in Deutschland nicht oft, an der Weser gleich noch seltener. Und doch ist es kein Zufall, dass der Hallenkomplex auf der Bürgerweide in den vergangenen 20 Jahren immer wieder Ort sportlicher Großereignisse war – insbesondere im Tischtennis. Warum? „Die ÖVB-Arena hat die perfekte Infrastruktur für Tischtennis“, sagt Peter Rengel, langjähriger Chef der ÖVB-Arena und seit Februar angestellt beim SV Werder. Eine große Haupthalle, dazu die Nebenhallen für Qualifikation und Training, kurze Wege zum Bahnhof und zum Flughafen, viele Hotels in unmittelbarer Nähe der Spielstätte: Das sind Pfunde, mit denen Bremen wuchern kann.

Rengel hat die besondere Beziehung zwischen Bremen und dem DTTB nicht nur miterlebt, sondern an der Seite des damaligen Hallenchefs Claus Kleyboldt auch mitgepflegt. Als die Stadt 1999 die ersten German Open nach heutiger Form ausrichtete, betraten die Stadthalle, wie sie damals noch hieß, und der DTTB absolutes Neuland. Der heutige Generalsekretär des Verbands kann sich noch gut an die Anfänge erinnern. „Für die German Open mit rund 500 zu betreuenden Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und anderen Teilnehmern konnten wir auf keine Erfahrungen aufbauen“, sagt Matthias Vatheuer, „wir mussten uns alles neu erarbeiten.“ Bis Ende der 90er-Jahre hatte es in Europa vor allem Preisgeld-Turniere mit einem kleinen Elite-Feld gegeben und keine, bei denen sich wie heute 160 Weltklasse-Akteure für 16 freie Plätze im Hauptfeld qualifizieren wollen. Die anderen 16 Plätze des 32er-Hauptfelds, das am Freitag zur 1. Runde antritt, sind reserviert für die 16 gemeldeten Spieler, die in der Weltrangliste am höchsten stehen.

Die beidseitige Pionierarbeit 1999 war am Ende so erfolgreich, dass Bremen fortan regelmäßig Gastgeber für Tischtennis-Großveranstaltungen wurde. Schon im Jahr 2000 folgten die Europameisterschaften, 2003 die nächsten German Open und 2006 mit der Tischtennis-Team-WM und der Senioren-WM gleich zwei Topveranstaltungen innerhalb weniger Wochen. Die German Open 2018 sind die siebten in Bremen – keine andere deutsche Stadt hat sie so oft gesehen. „Das macht uns natürlich stolz“, sagt Andreas Adolph, der bei der ÖVB-Arena Mitte Januar die Aufgaben von Peter Rengel übernommen hat.

Adolph betont, dass neben dem Hallenvermieter auch der Tourismus der Stadt von Events wie den German Open profitiert. Der Turnier-Tross aus Aktiven, Trainern, Unparteiischen und freiwilligen Helfern besteht aus etwa 600 Personen, von denen ein Großteil in den Betten hiesiger Hotels übernachten wird. „Diese Woche wird eine gute Woche für Bremen“, sagt denn auch Maike Bialek. Die Pressesprecherin der Bremer Touristik-Zentrale bestätigt die positiven Effekte des Sports für die Stadt. Es gebe zwar keine genauen Untersuchungen, wie viele Gäste wegen der German Open in Bremen schlafen. Aber die Auslastung der Hotels in dieser Woche sei spürbar größer als zu März-Zeiten ohne German Open und die internationale Baumwolltagung, die derzeit ebenfalls viele Gäste nach Bremen zieht. Und mit zwei Zahlen wartet Maike Bialek in diesem Zusammenhang dann doch auf: Jeder Tourist, der in Bremen über Nacht bleibt, lasse 186 Euro pro Tag in der Stadt, jeder Tagesbesucher immerhin 34 Euro.

Nach den bislang letzten German Open auf der Bürgerweide im Jahr 2015 bedachte der Weltverband den DTTB mit einer Ehrung, über die sich Ex-Hallenchef Rengel ganz besonders gefreut hat: Die ITTF zeichnete im Frühjahr 2016 das Turnier in Bremen als das beste der World-Tour-Serie 2015 aus. „Dafür gab‘s kein Geld extra“, sagt Rengel, „aber eine solche Ehrung war die Bestätigung für die Arbeit des gesamten Teams.“ Auch DTTB-Präsident Michael Geiger lobt Bremen in den höchsten Tönen. „Die Stadt ist aus gutem Grund jetzt schon zum neunten Mal erste Wahl für den Tischtennissport“, sagt er und würdigt die „kompetenten Ansprechpartner auf allen Organisationsebenen.“

Das Drumherum wird den chinesischen Zuschauern vermutlich egal sein. Sie werden die German Open von zuhause aus verfolgen und ihren Landsleuten die Daumen drücken, dass sie ihre Vormachtstellung zurückerobern. Der Blick auf die aktuelle Weltrangliste mit dem führenden Deutschen Timo Boll soll sie, so ist zu hören, ebenso wenig amüsieren wie die Tatsache, dass die deutsche Mannschaft bei der anstehenden WM in Schweden vor den Chinesen auf Platz eins gesetzt ist. Diese Reihenfolge dürfte zwar nur eine Momentaufnahme sein. Sie zeigt aber, dass es die deutschen Männer mit Boll und Dimitrij Ovtcharov an der Spitze zumindest phasenweise mit den überragenden Asiaten aufnehmen können – möglicherweise auch während des Turniers in Bremen und dann zur Freude des überwiegend nicht-chinesischen Publikums.

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