Serie „Wasserspiele“, Teil 11 Wie sich Windsurfen auf dem Unisee in Bremen anfühlt

Sich von der Kraft des Windes über das Wasser treiben lassen: Windsurfen ist eine Mischung Surfen und Segeln. Wie das auf dem Unisee aussieht und wie es sich als Anfänger anfühlt, haben wir getestet.
19.09.2020, 05:00
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Wie sich Windsurfen auf dem Unisee in Bremen anfühlt
Von Jean-Pierre Fellmer

Mitten auf dem Unisee, Ruben Kantner blickt Richtung Westen. „Gleich kommt eine Böe“, sagt er. Noch steht er still auf dem Wasser, unter seinen Füßen das Surfbrett, in seiner Hand das Segel. Dann kommt der Wind. Die Böe drückt gegen das Tuch, er kann sie in den Händen spüren. Kantner nimmt Fahrt auf, gibt einen kleinen Freudenschrei von sich.

Kantner ist Windsurfer. Der 29-Jährige ist zweiter Vorsitzender des Bremer Windsurfing-Clubs, der seinen Sitz direkt am Unisee hat. Hier lagert der Verein hinter sicher verschlossenen Türen die Bretter und Segel, mit denen sich die Vereinssportler vom Wind über das Wasser tragen lassen. Wie das funktioniert und was man dafür wissen muss, hat Kantner dem WESER-KURIER in einer Lehrstunde gezeigt.

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Aber bevor es aufs Wasser geht, etwas Theorie. Dafür hat Kantner ein Übungsgerät aus dem Schuppen geholt: ein Surfbrett inklusive Segel, das auf einem drehbaren Untersatz montiert ist. Der 29-Jährige erklärt die Grundbegriffe des Sportgeräts: Bug, Heck und Mast hat man schon einmal gehört, neu sind die Vokabeln Gabelbaum und Schothorn. Der Gabelbaum ist eine Art Rahmen, der im rechten Winkel vom Mast absteht und mit ihm zusammen das Segel hält. Am Ende des Gabelbaums, auf der vom Mast abgewandten Seite, befindet sich das Schothorn – es dient dazu, das Segel zu spannen. Mast, Gabelbaum und Segeltuch heißen zusammen Rigg, oft wird dazu aber einfach Segel gesagt. Windsurfer benutzen viele Begriffe aus dem Segelsport.

„Wenn du das Segel aus dem Wasser holst und den Mast aufrichtest“, erklärt Kantner, „dann geh in die Knie. Sonst ist das sehr anstrengend und geht stark auf den Rücken.“ Tipps wie dieser werden sich noch als äußerst wertvoll herausstellen. „Und lass die Arme lang, wenn du das Segel hältst.“ Es ist wie beim Klettern: Wer die Arme zu stark anwinkelt, macht schnell schlapp. Kantner erläutert, wie man auf dem Wasser manövriert. Das Segel ist über den Mastfuß fest am Brett verankert, aber es ist in alle Richtungen beweglich – durch Drehen, Kippen und Neigen ändert der Windsurfer die Geschwindigkeit und bestimmt den Kurs.

In Richtung Mitte des Sees paddeln

„Intuition spielt eine große Rolle“, sagt Kantner. Die entwickelt sich in der Praxis, deswegen geht es jetzt aufs Wasser. Es ist ein wenig frisch, ein Neoprenanzug schafft Abhilfe. Kantner trägt Segel und Brett einzeln ans Ufer, verankert beide Teile am Mastfuß und lässt sein Gefährt zu Wasser. „Wir müssen ein wenig in Richtung Mitte des Sees paddeln“, erklärt Kantner, „am Ufer bremsen die Bäume den Wind.“ Kantner parkt das Segel auf dem Heck, legt sich mit dem Bauch auf das Brett und paddelt mit den Armen Richtung Seemitte. Das Ufer ist weit genug entfernt, es kann losgehen.

Kantner stellt sich hin, platziert die Füße längst auf einer Linie mit dem Mast. Er geht in die Knie, greift nach einem Seil, das am Mast befestigt ist, und zieht diesen beim Aufstehen aus dem Wasser. „Jetzt muss ich mich zunächst einmal ausrichten.“ Dafür hält Kantner den Mast mit langem Arm, das Segel steht im rechten Winkel zum Brett. „Durch den Wind richten sich Segel und Brett automatisch aus“, erklärt der junge Windsurfer. Dann reißt er den Mast zur einen Schulter, um ihn direkt zur anderen Schulter zu schwenken. „Stell dir die Bewegung so vor, als würdest du in einem großen Topf rühren.“ Kantner greift mit der freien Hand den Gabelbaum, er ist nun in Fahrtposition.

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Das Gefühl auf dem Brett ist ein wackeliges – zumindest zu Beginn. Man traut sich kaum, die Füße zu bewegen – geschweige denn, einen Schritt auf dem Brett zu machen, um sich neu zu positionieren. Es ist ein Balanceakt, mit dem Körpergewicht das bis zu zehn Kilo schwere Rigg auszugleichen. Lehnt man sich nicht stark genug zurück, fällt es ins Wasser – wenn man den Mast nicht loslässt, fällt man hinterher. Lehnt man sich zu stark zurück, fällt man mit dem Rücken ins Wasser. Wer Anfänger ist, wird nass. Aber nach ein paar Versuchen hat man den Dreh raus.

„Heute ist kaum Wind“, sagt Kantner. Eine Windgeschwindigkeit von zehn Knoten, das sind rund 18 Kilometer pro Stunde, sei für Anfänger gut. „Zehn Knoten erreicht der Wind heute nur in den Böen.“ Ab etwa 16 Knoten mache das Surfen dem Fortgeschrittenen Kantner Spaß. Er ist regelmäßig auf dem Unisee unterwegs, um zum Beispiel Manöver zu üben. „Manchmal trainiere ich auch mit geschlossenen Augen, um die Bewegungen zu verinnerlichen.“ Das hilft als Vorbereitung für das Surfen in der Nordsee, der 29-Jährige fahre oft in der Nordsee bei Sahlenburg, hat aber auch schon andere Gewässer für das Windsurfen bereist.

Als würde man über das Wasser fliegen

„In Sahlenburg ist das Wasser oft unruhig, man muss sich seinen Weg zwischen den Wellen bahnen.“ Geschwindigkeiten von rund 40 Kilometern pro Stunde erreichten Windsurfer dort, je nach Windstärke. „Ist der Wind stark genug, fühlt es sich an, als würde man über das Wasser fliegen“, sagt Kantner. Rennfahrer erreichten auch 80 Kilometer in der Stunde oder mehr. Dabei komme es auch auf die Ausrüstung an: Je kleiner die Bretter, desto weniger Widerstand, umso schneller der Surfer. Dadurch werde es aber auch schwieriger, das Gleichgewicht auf dem Brett zu halten.

Kantner blickt in die Richtung Schuppen. „Gleich sollte etwas Wind kommen.“ Woher weiß er das? „Die Wasseroberfläche verändert sich, wenn der Wind hinüber weht.“ Plötzlich drückt der Luftzug ins Segel, Kantner nimmt mit leichter Verzögerung Fahrt auf. Er gibt Anweisungen, wie man lenkt – das Lernen der Vokabeln hat geholfen: „Kipp das Schothorn Richtung Wasser, dann fährst du nach rechts. Und öffne das Segel etwas weiter, damit du schneller vorankommst.“

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Nach ein paar Dutzend Metern wendet Kantner. Das tut er, indem er mit ein paar kleinen Schritten um den Mast herumwandert. Bei ihm wirkt es, als hätte er festen Grund unter den Füßen. Für den Anfänger ist es ein Drahtseilakt. Vom Brett fällt Kantner nicht. Aber am Ende des zweistündigen Ausflugs geht er mit Absicht ins Wasser – um sich abzukühlen, sagt er, im Neoprenazug wird es doch irgendwann etwas warm.

Angefangen hat Kantner in der Schulzeit in einer AG, seitdem habe ihn das Windsurfen nicht mehr losgelassen, sagt er. „Oft stört der Wind, wenn man Sport macht. Beim Radfahren nervt er zum Beispiel.“ Beim Windsurfen sei das anders, da könne er diese Kraft für sich nutzen und viel Spaß mit ihr haben. Und am Ende ist es vor allem eins, was den Reiz des Windsurfens für ihn ausmacht: „Das Gefühl der Freiheit, wenn man über das Wasser fliegt.“

Info

Zur Sache

Spezielle Verkehrsregeln

Beim Windsurfen gibt es eigene Verkehrs- und Verhaltensregeln. Vorfahrt hat etwa derjenige, der sich weiter auf der windabgewandten Seite befindet. Fahren zwei Surfer gemeinsam Richtung Westen und der Wind kommt von Osten, dann hat der Surfer Vorfahrt, der sich weiter im Westen befindet.

Der Grund: In der windabgewandten Seite (Lee) hat der Surfer weniger Winddruck im Segel als der auf der windzugewandten (Luv), wodurch der in Lee schlechter manövrieren kann. Auf der Internetseite desr Bremer Windsurf-Clubs stehen abr nicht nur Vorfahrts-, sondern auch Verhaltensregeln. So ist es etwa ratsam, an anderen Badegästen nur langsam vorbeizufahren und 15 Meter Abstand zu wahren. Taucher sind zudem schwer erkennbar, sie benutzen lauf dem Windsurfverein daher eine kleine Boje.

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