Serie: Wasserspiele - Teil 3

Unterwasser-Rugby besticht mit Taktik und Luftnot

Beim Unterwasser-Rugby müssen die Spieler den dreidimensionalen Raum und die Wege immer mitdenken. Die größte Schwierigkeit ist das Atmen. Deshalb braucht es eine ausgefeilte Taktik, um erfolgreich zu sein.
26.07.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Unterwasser-Rugby besticht mit Taktik und Luftnot
Von Rebecca Sawicki
Unterwasser-Rugby besticht mit Taktik und Luftnot

Die Spieler müssen beim Unterwasserrugby sowohl Sauerstoffmangel als auch Dreidimensionalität mitdenken.

Christian Walter

Neun Schwimmer mit Taucherbrille und Schnorchel liegen bäuchlings auf dem Wasser des Sprungbeckens im Stadionbad Bremen. Sie schauen, was unter der Oberfläche geschieht: Fünf weitere Schnorchelträger rangeln dort um einen mit Salzwasser gefüllten Ball, oder sie liegen auf dem Korb ihrer Mannschaft, um ihn zu verteidigen. Körbe werfen, darum geht es beim Unterwasserrugby. Da die Partie unter Wasser gespielt wird, hängt der Sieg vor allem von der Taktik ab. „Es geht darum, die Gegner an ihre Grenzen zu bringen. Sie so lange unten zu halten, bis ihnen die Luft ausgeht“, sagt Carsten Teuchert. Er ist der Abteilungsleiter der Sparte Unterwasser-Rugby beim Tauchsportclub Bremen. „Am Ende kommt es darauf an, länger unter Wasser auszuhalten als die anderen“, sagt er. Sein Team spielt als Spielgemeinschaft mit Oldenburg in der ersten Bundesliga.

Weil die Strategie so bedeutsam ist, macht sich Teuchert, als einer der Spielertrainer, vor dem Training Gedanken, welche Spieler eine Mannschaft bilden, damit die Partie ausgeglichen ist, und wer auf welcher Position spielt. Schon bevor die Gruppe das Schwimmbad betritt, werfen sie einen Blick auf das Taktikboard. „Ich hol mal noch eine blaue Badekappe“, sagt Teuchert. Einer der Spieler des blauen Teams hat an diesem Donnerstag nämlich nur eine weiße Kappe dabei.

Zwei Spieler für eine Position

Tor, Abwehr, Sturm: Das sind die Positionen, die es während des Spiels zu besetzen gibt. Generell teilen sich mindestens zwei Spieler eine Position, damit immer einer der beiden unter Wasser sein kann. Geht die Luft aus, wird gewechselt. „Das kann tückisch werden, wenn ich im Manöver bis zum Äußersten gegangen bin“, sagt Teuchert. Wenn die Lunge erst mal leer sei, müsse der Spieler danach länger an der Oberfläche bleiben, um sich zu regenerieren. Sein Partner muss dann entsprechend länger unter Wasser aushalten. „Bei Turnieren können wir fliegend mit Spielern vom Beckenrand wechseln, wenn wir zu lange im Sauerstoffdefizit waren“, sagt Teuchert.

Ausgerüstet mit Kopfbedeckungen und farblich passenden Badehosen, Taucherbrille, Schnorchel und Schwimmflossen tummeln sich die Spieler im Wasser. Durch die Flossen wirkt das Abtauchen grazil, wie bei einem Delfin. Unter Wasser tanzen die Spieler umeinander, um ihre Manöver zu starten, oder sie ringeln sich um den Korb. Auf den ersten Blick wirkt der Sport ähnlich wie Unterwasser-Ballett. Nur, dass es bei dieser Choreografie ordentlich zur Sache geht. Unterwasserrugby ist ein kontaktarmer Vollkontaktsport. Das mag unlogisch klingen, ergibt aber mit einem Blick auf die Regularien Sinn: Es darf nur der Spieler körperlich angegriffen werden, der in Besitz des Balls ist.

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„So kann es nicht gefährlich werden. Wenn mir die Luft ausgeht und ich schnell an die Oberfläche muss, lasse ich einfach den Ball los“, sagt Teuchert. Er wirkt tiefenentspannt, während er von Luftnot und ausgepressten Lungen spricht. Den meisten Badegästen, die schon einmal getunkt wurden oder nach der Tauchstrecke für das Goldzeichen mit schwarzen Punkten vor den Augen neben dem Schwimmbecken lagen, läuft bei den Schilderungen wahrscheinlich ein kalter Schauer über den Rücken. Teuchert allerdings ist abgebrüht. Er ist die Luftnot gewohnt, Panik bekommt er eigentlich nie. „Ich hatte in den vergangenen 16 Jahren vielleicht drei Situationen, in denen ich Panik bekommen habe. Meistens war es so, dass ich ein Sauerstoffdefizit hatte und auf dem Weg an die Luft behindert wurde“, sagt Teuchert. So etwas passiere allerdings nicht häufig.

Coronabedingt sieht das Training momentan anders aus als sonst, zumindest außerhalb des Wassers. Das Team muss das Stadionbad geschlossen betreten und verlassen. Zu spät kommen oder zu früh gehen gibt es nicht. Außerhalb des Wassers müssen außerdem Alltagsmasken getragen werden. Links und rechts des Beckens stehen mit zwei Metern Abstand zueinander Pylonen, die den Spielern ihre jeweilige Ausgangsposition anzeigen. „Ihr spielt heute alle durch, Wechsel gibt es nicht. Ihr haltet Abstand, und sobald ihr wieder aus dem Wasser raus seid, zieht ihr eure Masken auf“, brieft Teuchert die Mannschaft zu Beginn des Trainings. Dürfen sich die Spieler unter der Wasseroberfläche nahe kommen, müssen sie oberhalb Abstand halten. „Wir haben jetzt die Regel eingeführt, dass der Ball nur bis zur Hälfte der Beckenhöhe mitgenommen werden darf. Niemand sollte mit dem Ball auftauchen“, erklärt Teuchert. Er setzt diese Regel auch durch, wenn einer der Spieler sie im Eifer des Gefechtes vergisst. Dann dreht Teuchert seine Ratsche und ruft laut „Ey, lass den Ball unten“, und weil keine Reaktion kommt: „Klopf ihm mal auf die Schulter, er hört mich nicht“.

Jung und Alt

Der Vorteil am Spiel unter Wasser: Die Spieler können mit Maximalkraft aufeinander losgehen, da das Wasser den Effekt der eingesetzten Kraft ohnehin mindert. Dadurch ist es auch kein Problem, wenn verschiedene Alters- und Gewichtsklassen miteinander rangeln. Die Gruppe der Wassersportler ist divers: Jung und Alt. Anzugträger und Crocsbesitzer. Männer und Frauen. „Unser ältester Spieler ist 82 Jahre alt. Bis vor wenigen Jahren hat er noch in der Bundesliga mitgespielt“, sagt Teuchert. Natürlich sei man zwar irgendwann kein Leistungsträger mehr, dennoch könne man während der Spiele taktisch sehr gut zuarbeiten.

Taktik meint beim Unterwasser-Rugby vor allem die Einteilung der Luft. Die eigenen Reserven und die der Gegner. Die Aktionen finden unter Wasser statt. „Gerade im Stadionbad mit mehr als fünf Metern Wassertiefe ist es extrem wichtig, diese Tiefe im Spielfluss mitzudenken“, sagt Teuchert. Da der Ball meistens sehr nah am Boden gespielt werde, dauere es bei tiefen Becken entsprechend lange, ehe ein Spieler, der zum Atmen gerade erst an der Oberfläche war, wieder unten ist. Durch das Wasser wird das Spiel dreidimensional: Die Spieler müssen lernen, den Raum mitzudenken. An seine Grenzen gehen und taktisch klug handeln, darin liegt die Faszination des Sportes. So sieht es zumindest Teuchert. „Im Laufe der Zeit lernt man, wie lange man unten bleiben kann, wie lange man für seinen Spielzug braucht“, sagt er.

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Wie um Teucherts Ausführungen zu untermauern, wirft die weiße Mannschaft den Ball in den leeren Korb des blauen Teams. Der Torwart der Blauen hat bislang erst selten in einem so tiefem Becken wie dem des Stadionbades gespielt und kann die Entfernung noch nicht einschätzen. Der eine Meter, den das Becken tiefer ist, macht ihm zu schaffen. Er schwimmt zu spät los. Kann das Tor nicht rechtzeitig decken. Nach einer Weile tauscht Teuchert den Torwart aus.

Waren zu Beginn des Trainings noch drei bis vier Spieler aus jeder Mannschaft unter Wasser, konzentrieren sie sich kurz vor Schluss darauf, an der Oberfläche zu bleiben und die Arbeit einzelnen Sportlern zu überlassen. „Man merkt schon sehr deutlich, dass die Leute platt sind“, sagt Teuchert. Ein Spieler des weißen Teams muss an den Rand kommen, er hat einen Krampf und schlottert vor Kälte. „Je niedriger die Wassertemperatur ist, desto eher kommt es zu Krämpfen“, erklärt Teuchert. Schließlich werden die Körbe wieder an die Wasseroberfläche gebracht, der Ball an den Rand gelegt und die Balletttaucher klettern aus dem Becken. Es steht ungefähr zwölf zu acht. „So genau habe ich heute nicht gezählt, aber das Spiel war auf jeden Fall ausgeglichener als das Ergebnis“, sagt Teuchert. Das bedeutet, dass seine Planung aufgegangen ist und er die Teams richtig eingeteilt hat.

Info

Zur Sache

Die Entstehung der Sportart

Unt erwasser-Rugby wurde 1961 von einem Kölner Taucher entwickelt. Zunächst wurde in der Mitte des Spielfeldes ein Netz gespannt, welches aber mittlerweile aus dem Spielgeschehen verschwunden ist. „Der Sport ist entstanden, um Gerätetaucher auf Stresssituationen in großen Tiefen vorzubereiten“, sagt Carsten Teuchert. Stress führe dazu, dass der Körper mehr Sauerstoff benötigt. Geraten Taucher in tiefen Gewässern in eine solche Situation, kann es passieren, dass sie nicht genug Luft in ihrer Flasche haben, um eine Pause zu machen, ehe sie wieder an die Oberfläche kommen. Diese Pause jedoch ist wichtig: Durch den Druck werden die Gase im Körper mehr und mehr komprimiert. An der Wasseroberfläche dehnen sie sich allerdings wieder aus. Ohne einen Zwischenschritt können Schäden in den Organgen entstehen. „Beim Unterwasser-Rugby lernt man, den Körper mit seinen Funktionen runterzufahren und den Puls zu reduzieren“, erklärt Teuchert. So kann Sauerstoff gespart und der Tauchgang sicherer gestaltet werden. Die Sportart ist mittlerweile gerade an Universitäten sehr beliebt. In Deutschland gibt es insgesamt drei Bundesligen. Außerdem gibt es Deutsche-, Europa- und sogar Weltmeisterschaften.

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