Die verhinderte Weltumseglung Ein verlorenes Jahr in Bremen

Anne und Philipp Becker hoffen, dass ihre wegen Corona aufgeschobene, mehrjährig geplante Reise im Mai 2021 starten kann. Eigentlich wollten sie dieses Weihnachtsfest schon auf Barbados feiern.
20.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein verlorenes Jahr in Bremen
Von Jörg Niemeyer

Da liegt die „Kiss“ immer noch am Kopf des Hohentorshafens. Geplant war das anders. Vor Corona. Statt warmem Blauwasser der Karibik hat der Katamaran jetzt kaltes Weserwasser unter dem Doppelrumpf. Und seine Besatzung trägt statt Bikini und Badehose dicke Winterbekleidung. „Wahrscheinlich wären wir jetzt gerade mitten auf dem Atlantik – mit dem Ziel Barbados“, sagt Philipp Becker. Okay, dann also noch kein Blauwasser. Aber spätestens Weihnachten hätten der 33-Jährige und seine Frau Anne (29) am ersten Ziel ihrer Träume sein wollen.

Weihnachten soll es trotzdem so weit sein – nur ein Jahr später. „Unsere Pläne sehen genau das vor, was wir 2020 vorhatten“, sagt Anne. „Wir haben die letzte Null in der Jahreszahl einfach durch eine Eins ersetzt“, ergänzt ihr Mann. Soll heißen: Alles, was für die Weltumseglung in Angriff genommen werden muss, liegt auf Wiedervorlage. Die Liste mit der Kündigung der Wohnung und des Arbeitsplatzes, dem Verkauf des Autos, dem Einkauf für die Tour und all den anderen Notwendigkeiten wird ein zweites Mal abgearbeitet. In der Hoffnung, dass es im kommenden Mai klappt.

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Die Reiseroute wartet darauf, endlich abgefahren zu werden. Die Familien und Freunde sehnen sich vielleicht nicht gerade nach dem Abschied von den Beckers, aber auch der gehört zu diesem Trip, den die meisten Menschen nie, das junge Ehepaar aber wenigstens einmal im Leben in Angriff nehmen möchte. Mindestens drei Jahre, bei Gefallen auch länger, möchte es fernab der Heimat seinen Traum von Freiheit und Unbeschwertheit leben. „Wir wollen keinen Wettbewerb gewinnen, sondern eine gute Zeit haben und das Blauwasser genießen“, sagt Philipp. Nicht ausgeschlossen, dass Anne und er eines Tages als Familie mit Nachwuchs nach Deutschland zurückkommen.

Jedes Mal, wenn das Wetter in Bremen schlecht ist, denke sie an ihre verhinderte Reise, sagt Anne. „Palmen, 30 Grad und Bikini: Das wäre jetzt nicht schlecht.“ Doch zunächst einmal muss die „Kiss“ noch raus dem Weserwasser. Sie ist nicht winterfest, Frost würde die Maschinen kaputt machen. Immerhin hat das Paar im Sommer testen können, dass ihr Boot gut in Schuss ist. Wichtigste Erkenntnis nach einem Nordsee-Turn: Die angeschafften Navigationsgeräte, die die Fahrt im Katamaran auch nachts sicher machen sollen, funktionieren.

Dänemark statt Karibik

Weil die Winde schlecht standen, kamen die Beckers zwar nicht wie geplant nach Norwegen. Aber sie genossen ihren Urlaub zwischen den Nordfriesischen und Ostfriesischen Inseln trotzdem in vollen Zügen. Die Corona-Pandemie gestattete ihnen im Herbst sogar noch eine zweite Reise – diesmal mit dem Wohnmobil nach Dänemark, um dort Kitesurfing zu betreiben. „Den Drachen haben wir uns extra für die Weltumseglung gekauft“, sagt Anne. Eigentlich wollen sie ihn in den einsamen Buchten der Karibik nutzen – nun also passierte es in Dänemark. „Das konnten wir immerhin schon mal gut ausprobieren“, sagt Anne und lacht.

Wenn Anne und Philipp nicht gerade auf dem Boot sind oder auf der Lürssen-Werft in Vegesack arbeiten, sitzen sie in ihrer kleinen Wohnung in der Bremer Neustadt. Zum Glück hatte ihr Freund gerade keinen Mieter, als die Weltumseglung aufgeschoben werden musste. Und zum Glück ermöglichte ihr Arbeitgeber ihnen auch ohne Umschweife das Verbleiben in der Firma. Klar ist: Wenn sie schon unterwegs gewesen wären, als Corona den ersten Lockdown erzwang, wäre es ungleich schwerer gewesen, das Leben in Bremen weitgehend normal weiterzuleben. „So gesehen war es ganz gut, dass es vorher passiert ist“, sagt Anne.

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Von einem normalen Leben ist das Ehepaar aber derzeit so weit entfernt wie alle Menschen in Bremen. Anne und Philipp beklagen sich nicht über die Situation. Sie haben sich ans Masketragen ebenso gewöhnt wie an die vielen Videokonferenzen – beruflich wie privat. Sie pflegen online ihre Kontakte, vermissen jedoch die körperliche Nähe zu ihren Liebsten. „Ich würde so gern meine Freunde in den Arm nehmen oder zu den Großeltern fahren“, sagt Anne. Sie ist traurig darüber, dass sie und Philipp das eine Jahr mehr in Bremen, das sie gar nicht haben wollten, nun nicht einmal nutzen können. „Wir haben nichts davon“, sagt die 29-Jährige, „so möchte ich die Stadt eigentlich nicht in Erinnerung behalten.“ Und dann spricht sie aus, was wohl auch andere gerade denken: „Ich bin gespannt, ob Bremen nach Corona noch so ist wie vor Corona.“

Nicht loszufahren, ist keine Option

„Ich bin dankbar, dass wir in Deutschland so gut versorgt sind“, sagt Philipp. Mit Blick auf die weitere Entwicklung der Pandemie deutet er aber etwas an, was seine Frau überhaupt nicht hören möchte. „Wenn es nächstes Jahr nicht klappt, ist das Projekt wohl langfristig geschoben, glaube ich.“ Der Einspruch folgt auf dem Fuße. „Nicht loszufahren, ist keine Option“, sagt Anne derart entschlossen, dass Philipp sofort mit einem „Nö“ einlenkt.

So wird das Paar alles daransetzen, im Mai abzulegen. Dafür haben sie nicht nur ihre alte Aufgabenliste im Blick, sondern neben den Einreiseformalien in die fremden Länder inzwischen auch die Corona-Bedingungen. In der Karibik gebe es bereits Zusammenschlüsse von Inseln, deren Bereisung untereinander ohne Quarantäne möglich sei, sagt Anne. Auch wenn das Daheimbleiben für sie unvorstellbar ist, zeigt sie sich bei der Reiseplanung letztlich zumindest ein bisschen kompromissbereit. „Sollten wir in der Karibik feststellen, dass die Südsee nicht geht, würden wir eben ein Jahr in der Karibik bleiben.“ Dem kann Philipp nur zustimmen. „Ein Jahr Karibik wäre gar nicht schlecht“, sagt er mit einem Grinsen, das trotz der Mund-Nasen-Maske klar zu erkennen ist. Ein Jahr Karibik würde schließlich bedeuten, dass die „Kiss“ endlich Blauwasser unter ihrem Doppelrumpf hat.

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