Apnoe-Taucherin Conny Zywietz

„Wenn ich tiefer gehe, brauche ich nichts mehr zu machen“

Wenn sie abtaucht, dann brauche sie irgendwann nichts mehr zu machen. Sie löse sich quasi innerlich auf, erzählt die Apnoe-Taucherin Conny Zywietz Sie werde eins mit dem Wasser, das sie wie von alleine ziehe.
29.10.2019, 10:28
Lesedauer: 6 Min
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„Wenn ich tiefer gehe, brauche ich nichts mehr zu machen“
Von Olaf Dorow
„Wenn ich tiefer gehe, brauche ich nichts mehr zu machen“
FOTO: Christina Kuhaupt / MONTAGE: JOMA

Frau Zywietz, Sie tauchen ohne Atemgerät. Ist das nicht ganz schön gefährlich?

Conny Zywietz: Ja und nein.

Sie zögern mit Ihrer Antwort.

Na ja, Tauchen gehört generell zum Bereich Risiko-Sport. Es ist immer die Frage, wie man da herangeht. Wie man an das Thema Sicherheit herangeht. Und wie es erlernt wird. Für mich ist Apnoe genauso riskant wie über eine Straße zu gehen. Wenn ich unachtsam bin, kann etwas passieren. Klar, die Tiefen sind teilweise schon gefährlich. Das geht extrem ins Körperliche.

Inwiefern?

Wir nehmen einen tiefen Atemzug. Und dann tauchen wir ab. Ohne irgendetwas zu machen. Eigentlich ist jeder in der Lage – wenn er entspannt und körperlich entsprechend konstituiert ist – eine Tiefe von zehn bis 15 Metern zu erreichen. Das kennen fast jeder vom Urlaub, wenn er mal abtaucht. Um Fische oder Seesterne anzugucken.

Zehn Meter hört sich aber schon ordentlich an. Da wird es doch schon dunkel, oder?

Nicht unbedingt. Das kommt drauf an, wo das ist. Ich erinnere mich an eine Situation in Sizilien, als ich noch mit Gerät getaucht bin. Da war ich auf 40 Meter runter. Die Sonne schien so dermaßen rein ins Meer, dass ich quasi richtig diese Sonnenstrahlen anfassen konnte. Ich habe gedacht: Das sind bestimmt nur 15 Meter. Meine Uhr zeigte aber 40 an.

Warum tauchen Sie ohne Gerät? Um ein Freiheitsgefühl zu haben?

Ja. Es ist das Gefühl, komplett unabhängig zu sein von etwas. Unabhängig von Equipment. Und dann ist es das Gefühl, zu sich selbst zu kommen. Sich selbst kennenzulernen. Was mit uns passiert, wenn wir runtergehen.

Was passiert mit Ihnen da unten?

Man hört auf sich selbst. Nimmt wahr: Wie geht es mir gerade? Was geht mir gerade durch den Kopf? Wie viel Kraft habe ich in mir? Kommen da gerade Angstgefühle hoch? Oder fühle ich mich einfach nur lebendig? Ich habe als Apnoe-Lehrerin viele Schüler, die zunächst nur den sportlichen Aspekt herausfinden wollen. Wie weit sie kommen. Apnoe hat aber ganz viel damit zu tun, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Zur Ruhe zu kommen, den Kopf frei zu kriegen und sich fallen zu lassen. Viele sagen, dass sie im Alltag den Kopf so voll haben, dass sie da Ruhe haben wollen.

Tauchen als Selbsterfahrung? Sind Sie selbst auch so zu diesem Sport gekommen?

Bei mir war das wie bei vielen: Apnoe, das hörte sich faszinierend an und ich wollte mal gucken, wie weit ich komme. Wie lange ich den Atem anhalten kann. Ich habe ja zunächst Geräte-Tauchen gemacht, dann wurde hier an der Bremer Tauchbasis Apnoe angeboten, es kam die Frage auf: Conny, hättest du nicht auch mal Lust? Inzwischen gibt es immer mehr Leute, die das machen. Weil es wirklich dieses Freiheitsgefühl unter Wasser ist. Sich komplett schweben zu lassen. Sich treiben zu lassen.

Das Gefühl haben Sie quasi entdeckt dabei?

Das Gefühl kann man vorher nicht kennen. Das merkt man erst, wenn man im Wasser ist. Und das hat viel damit zu tun, wie jemand bereit ist, sich darauf einzulassen.

Gibt es da eine Art Hemmschwelle?

Ja, gibt es. Die Bereitschaft muss da sein: Ich lasse mich jetzt darauf ein. Ich gehe da jetzt locker ran. Ich mache mir nicht groß Gedanken. Sondern spüre in meinen Körper hinein, was der mir sagt. Was er mir sagt, wie weit ich gehen kann.

Mussten Sie also erst lernen, sich darauf einzulassen?

Ich brauchte mich nicht darauf einzulassen. Weil: Ich liebe das Wasser. Das ist für mich ein Element, von dem ich sage: Da gehe ich rein und fühle mich wohl. Wie zuhause. Das war schon früher so. Wenn ich irgendwas durchdenken wollte, bin ich immer ans Meer gegangen.

Sie sind am Meer aufgewachsen. Für andere ist es schwerer?

Ich würde sagen: Den Leuten fällt es nicht schwer. Sie wollen das ja erst mal kennenlernen und die Faszination spüren: Was bedeutet das überhaupt? Im Beginner-Kurs tauchen wir im Schwimmbad ab. Die Fragen sind: Wie fühlt sich das an? Wie geht die Technik? Wie geht das leichter? Wie kann ich Luft sparen? Darum geht‘s am Anfang. Das als Sport zu können.

Und dann?

Je mehr sich die Leute damit auseinandersetzen, je mehr sie die Technik haben, kommt der Punkt, an dem sie sagen: Okay, jetzt darf ich vom Kopf her loslassen und den Kopf klar kriegen, damit ich tiefer und weiter gehen kann.

Diesen Punkt muss man treffen?

Ja. Ich meine, das ist doch überall so. Wenn Sie Fahrrad fahren und den Kopf extrem voll haben, können Sie die Fahrrad-Tour auch nicht genießen.

Konnten Sie es von Anfang an genießen?

Ich war früher viel stärker ein Kopfmensch. Ich wollte alles kontrollieren. Das funktioniert so, jenes habe ich so zu machen. Das konnte ich gut durch das Wasser auflösen. Heute spüre ich sehr viel mehr im Wasser: Das brauche ich jetzt, das ist die Klarheit, die ich habe. Das mache ich als nächstes. Wenn ich jetzt die Schüler im Wasser beobachte, sehe ich anhand dessen, wie sie sich bewegen, was da gerade durch den Kopf geht. Teilweise kann ich die Köpfe geradezu rauchen sehen. Oder auch, wie die Person sich fallen lässt.

Im Fußball würde man sagen: Sie können ein Spiel lesen.

Lesen würde ich jetzt nicht sagen. Aber ja: Ich kann erkennen, was in den Menschen gerade vorgeht.

Was geht denn in Ihnen vor, wenn es in tiefere Tiefen geht?

Ich löse mich echt innerlich auf. Ich gehe mit dem Kopf auf Reisen. Ich bin mental ganz weit weg. Als ich mit dem Apnoe angefangen habe, habe ich auch mit Meditation angefangen. Wenn ich tiefer gehe, so ab 20 Meter, da brauche ich nichts mehr zu machen. Das Wasser zieht mich von alleine. Da fängt ein Gefühl von Leichtigkeit an, von Schweben. Ich bin dann eins mit Wasser, ich habe da nix mehr im Kopf.

Hört sich cool an. Hört sich aber auch an wie: Ich verfalle dem Tiefenrausch.

In gewisser Weise würde ich sagen, dass es süchtig macht. Ich habe dieses Gefühl des Schwebens, komme wieder hoch und sage: Hey, ich möchte wieder runter. Weil es so schön ist. Wir bewegen uns da unten zwischen den Fischen und schauen ihnen in ihrem Zuhause zu.

Schwingt nicht die Gefahr mit, sich selbst zu überschätzen?

Die Gefahr ist da, wenn man nicht auf seine Körpersignale hört. Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Körper sagt: Dreh um! Bis hierher und nicht weiter! Der Körper lernt mit jeder Tiefe, die wir gehen. Nicht jeder könnte sofort auf eine Tiefe von 40, 50 Meter gehen. Das ist ein Lerneffekt. So, wie im Sport die Muskulatur lernt. Wenn ich das erste Mal auf 30 Meter tauche, weiß der Körper: Alles klar, das habe ich verinnerlicht, das kriege ich hin. So wachsen wir jedesmal weiter.

Was war bislang Ihre tiefste Tiefe?

Das ist Betriebsgeheimnis.

Warum das denn?

Ich prahle nicht gern mit Tiefen. Es gibt Kollegen, die auf Weltmeisterschaften gehen. Das steht die Zahl im Vordergrund. 80, 90, 100 Meter. Es gibt da unterschiedliche Disziplinen. Manche gestatten Hilfsmittel, zum Beispiel eine Art Schlitten. Da reden wir von Tiefen von über 200 Metern. Beim Hilfsmittel Flosse reden wir auch von Tiefen von zu 150 Meter.

Oh, verraten Sie gerade etwas vom Betriebsgeheimnis?

Nee, das sind offizielle Weltrekorde. Es gibt halt Leute, die da mit Zahlen ‚rangehen. Meine Philosophie ist es, in die Persönlichkeit reinzugehen. Als Trainerin und auch für mich selbst. Wenn ich in eine neue Tiefe gehe, ist es, als wenn ich noch eine Schicht bei mir löse und noch mehr in mein Bewusstsein vordringe. Mich noch mehr öffne. Meine Stärke fühle. Körperlich wie mental.

Aber den rein sportlichen Ehrgeiz gibt es doch auch?

Bei den Schülern ist das durchaus da. Darum geht es auch in den Kursen. Für mich geht es eher darum, mich weiter zu erkunden. Nicht vordergründig: weiter zu kommen. Wenn ich zwei Tage nicht im Wasser bin, dann ruft es mich.

Von Unglücken abgesehen wäre das Schlim-mste für Sie, nicht ins Wasser zu dürfen?

In der Schwangerschaft konnte ich nicht tauchen gehen. Ich bin dann zum Equipment-Container gegangen und habe einfach den Neopren-Geruch gerochen. Ich hab‘ den Anzug angezogen und mich einfach mit dem Bauch nach oben aufs Wasser gelegt. Um mich mit diesem Element zu verbinden. Das ist meins. Es ist einfach in unser aller DNA. Schon von klein auf und vor unserer Geburt.

Das Gespräch führte Olaf Dorow

Info

Zur Person

Conny Zywietz (40)

wuchs in Kühlungsborn auf, studierte Lebensmittel-Technologie und arbeitete als Diplom-Ingenieurin in Deutschland und Italien. Seit 2011 Bremerin, bietet sie seit 2017 als Trainerin Apnoe-Trainerin über ihre Firma „Arise“ unter anderem Apnoe-Tauchkurse an - in Kooperation mit „Pits Tauchbasis“ am Unisee, der Firma ihres Mannes. Das Paar hat eine fünfjährige Tochter.

Info

Zur Sache

Elf Minuten ohne Luftholen

Apnoetauchen gilt als die älteste und ursprünglichste Form des Tauchens. Es wird ohne Sauerstoffgerät, mit einem Atemzug abgetaucht. Der Weltrekord fürs Luftanhalten liegt bei den Männern bei elfeinhalb, bei den Frauen bei neun Minuten. Abhängig, ob in den jeweiligen Disziplinen mit Hilfsmitteln wie Flossen getaucht wird, geht es in im Wettkampfsport in Tiefen von jenseits der 200 Meter, im Streckentauchen sogasr bis zu mehr als 300 Meter. Vor allem in Ägypten, Russland und Asien sei Apnoe als Sport populär, berichtet Conny Zywietz. Auch in Deutschland gebe es mittlerweile ein stark wachsende Szene.

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